Die "Weiden" fliegt nicht mehr
Dienstende nach 51580 Flügen

Die Boeing 737 ist vielen Lufthansa-Mitarbeitern ans Herz gewachsen. Dieser Aufkleber schmückte bei zwei Abschieds-Sonderflügen der "Karlsruhe" eine Türverkleidung.
 
Die Boeing 737-300 D-ABEF mit dem Taufnamen "Weiden i.d. Opf." flog bis zu ihrer Außerdienststellung am vergangenen Wochenende fast ein Vierteljahrhundert lang für die Lufthansa quer durch Europa. Diese Aufnahme zeigt sie im Mai dieses Jahres auf ihrem Heimatflughafen Frankfurt/Main. Bilder: lnz (2)

Bye-bye, Bobby! Wehmut erfüllte viele Mitarbeiter und Fans, als die Lufthansa jetzt ihre letzten Boeing 737 verabschiedete. Dazu zählte auch die "Weiden i.d. Opf.", die 24 Jahre lang den Namen der Max-Reger-Stadt durch ganz Europa getragen hat. Ob und wann es einen Nachfolger gibt, ist offen.

Mit vier anderen 737 (Spitzname "Bobby") flog die "Weiden" am vergangenen Samstag letztmals im Liniendienst. Und das rein zufällig auf den Tag genau 24 Jahre nach ihrer Taufe. Der letzte Umlauf führte den Jet mit dem Kennzeichen D-ABEF unter dem Kommando von Kapitän und 737-Flottenchef Ulrich Pade von Frankfurt nach Nürnberg, wo die Flughafenfeuerwehr den finalen Besuch einer Lufthansa 737 mit Wasserfontänen würdigte. Die "Weiden" hatte dann die Ehre, als Allerletzte des Bobby-Quintetts in Frankfurt zu landen. Nach der Ankunft des Fluges LH153 um 19.53 Uhr endete ihr treuer Dienst, hinter der Maschine liegen 51 580 Flüge und 53 895 Flugstunden. Mehrere Millionen Passagiere hat die "Weiden" sicher ans Ziel gebracht. Sie war Teil unzähliger Dienst-, Geschäfts- und Urlaubsreisen, hat Expresspost ebenso transportiert wie wichtige Ersatzteile für Firmen in aller Welt - und wohl auch so manches Spenderorgan. Nicht fehlen an Bord durften natürlich prominente Gäste. Im Juni 1998 etwa flog die Boeing die deutsche Nationalmannschaft zur Fußball-WM nach Nizza. Den Namen "Weiden i.d. Opf." bezeichnete ein Fernseh-Kommentator damals als "exotisch".

Fliegende Botschafter


Den Schriftzug trug das Flugzeug nicht nur gut sichtbar am Rumpf, sondern auch im Eingangsbereich der Kabine, ergänzt um das Stadtwappen. Riesig dürfte der Kreis der Menschen sein, die so zum ersten Mal auf die Stadt in der nördlichen Oberpfalz aufmerksam geworden sind. Es kommt nicht von ungefähr, dass Lufthansa-Flugzeuge mit Taufnamen gerne als "fliegende Botschafter" bezeichnet werden.

Dass die Stadt Weiden trotz großer Konkurrenz als Pate zum Zug kam, lag vor allem an intensiven Bemühungen des früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Ludwig Stiegler. Im Wunschjahr 1991 mit dem großen Jubiläum "750 Jahre Weiden" hat die Taufe aber nicht mehr geklappt. Der Termin folgte schließlich am 29. Oktober 1992. In Frankfurt stand zum Festakt die im Juli 1991 ausgelieferte Boeing 737-300 D-ABEF bereit.

"Ich taufe Dich auf den Namen ,Weiden in der Oberpfalz' und wünsche Dir wie Deiner Besatzung allzeit guten Flug und sichere Landung", sprach Taufpatin Inge Schröpf, wie "Der neue Tag" damals berichtete. Ihr Ehemann, der langjährige Oberbürgermeister Hans Schröpf, freute sich über das "nachträgliche Jubiläumsgeschenk" und betonte, dass die Weidener stolz auf diese neue Errungenschaft seien. Besonders überrascht war die Delegation aus der Oberpfalz, dass die Lufthansa für die Zeremonie zwei aus Weiden stammende Mitarbeiter abgeordnet hatte: 737-Kapitän Helmut Reiss und Flugbegleiterin Christina Holomsha.

24 Jahre später ist der Taufname "Weiden" Geschichte - zumindest vorerst. "Einmal in den Kreis der Patenstädte aufgenommen, geht der Name auf ein neues Flugzeug über, wenn eine Maschine die Flotte verlassen hat", erklärt Lufthansa-Pressesprecher Florian Gränzdörffer. Das könne aber schon mal länger dauern. Dies hänge im Grunde von der Zahl "ruhender Namen" und der Verfügbarkeit geeigneter Flugzeuge ab.

Die Liste der Patenstädte ohne aktuelles Flugzeug ist lang - und erschwerend dürfte sich auswirken, dass zahlreiche Maschinen der Lufthansa-Kernflotte in den vergangenen Jahren an die Low-Cost-Töchter Germanwings und Eurowings ausgelagert wurden, die keine Namen vergeben. Zumindest versichert Florian Gränzdörffer aber, dass bereits existierende Paten Vorrang hätten vor den vielen bisher nicht berücksichtigten Interessenten. Kosten müssen Patenstädte übrigens nicht tragen.

"Die Stadt Weiden ist grundsätzlich sehr interessiert an einem Nachfolge-Flugzeug", gibt Oberbürgermeister Kurt Seggewiß auf Anfrage zu verstehen. Allerdings sei man sich auch der großen Konkurrenz bewusst. Über den pensionierten Kapitän Helmut Reiss will der OB mit der Lufthansa in Kontakt treten.

Überführung in die USA


Welches Schicksal die ehemalige "Weiden" ereilt, ist nicht abzusehen. Verkauft hat sie die Lufthansa an einen Flugzeughändler in den USA, die Überführung ist für Ende November geplant. Vielleicht wird die altgediente Boeing irgendwo auf der Welt noch ein paar Jahre lang Passagiere befördern, früher oder später dürfte sie aber bei einem Schrottverwerter enden. Nicht auszuschließen, dass recyceltes Metall des Jets irgendwann wieder in der Oberpfalz landet - etwa als Bestandteil von Getränkedosen.

Boeing "Bobby" und TaufnamenViele Besatzungen, Techniker und auch Fans sprechen liebevoll von "Bobby": Dieser Spitzname für die Boeing 737 der Lufthansa hat sich fest etabliert, nachdem die Airline mit Einführung des Typs Ende der 60er Jahre ein Kinderbuch herausgebracht hatte - mit der kleinen Boeing "Bobby" als Hauptfigur. Dass der US-Luffahrtkonzern die bis heute meistgebaute Verkehrsflugzeugfamilie überhaupt entwickelt hat, ging vor allem auf das Drängen der Lufthansa zurück. Als Erstkunde erhielt sie 1967 den ersten Jet, bis 1995 wurden insgesamt 148 Exemplare in fünf Versionen geliefert, darunter die spätere "Weiden", eine 737-300 mit Platz für bis zu 140 Passagiere.

Nach den letzten Linienflügen der "Weiden" und ihrer vier verbliebenen Schwestermaschinen am 29. Oktober folgten zwei Abschieds-Sonderflüge der "Karlsruhe" am 31. Oktober. Nach einigen anstehenden Flügen nur für Mitarbeiter geht die fast 50-jährige Ära endgültig zu Ende. Die Boeing 737 "Next Generation" und die in der Erprobung befindliche vierte Generation "MAX" hat die Lufthansa nicht mehr bestellt. Sie setzt in dem Segment nun auf eine einheitliche Flotte aus Flugzeugen der Airbus A320-Familie, die ebenfalls ständig weiterentwickelt wird.

Die Tradition der Flugzeug-Taufen gibt es bei der Lufthansa seit 1960, als eine Boeing 707 den Namen "Berlin" erhielt. Aktuell vergeben sind die Namen von mehr als 200 deutschen Städten und aller Bundesländer. Hinzu kommen einige internationale Namen. Ein Airbus A340 etwa heißt infolge der Anschläge vom 11. September 2001 "Gander/Halifax" - als Dank dafür, dass in diesen kanadischen Städten rund 1500 wegen der Sperrung des US-Luftraums gestrandete Lufthansa-Passagiere tagelang versorgt wurden, mit Hilfe von Heilsarmee und Bevölkerung. Ein Airbus A380 fliegt seit 2015 als "Deutschland". Die Oberpfalz ist nach der Ausmusterung der "Weiden" nur noch zweifach vertreten: "Regensburg" heißt ein Airbus A321-100, "Amberg" ein Regionaljet vom Typ Bombardier CRJ900 in Diensten der Lufthansa-Tochter Cityline. (lnz)
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