Die Weidenerin Sophia Maier berichtete für Stern TV aus Flüchtlingslager
"Undercover" in Idomeni

Sophia Maier.
 
Suchbild: Um als Reporterin bis zur Räumung im Camp bleiben zu können, griff Sophia Maier zum Kopftuch. Im Bild das letzte Mahl mit befreundeten Familien. "Das Wenige, was sie noch auftreiben konnten, teilten sie mit mir." Die Freunde ließen keine Diskussion zu: "Du musst essen." Gut so. Am Ende war die Wahl-Münchnerin für diesen Einsatz über 40 Stunden auf den Beinen. Bilder: Sophia Maier
 

Sie hüpft zwischen zwei Welten hin und her. Letztes Wochenende war Sophia Maier zu Besuch "bei der Mama" in Weiden, wo sie ihren Hund unterbringt, wenn sie auf Reisen ist. Denn am Dienstag stand die 28-Jährige schon wieder an der mazedonischen Grenze und berichtete von der Räumung des Flüchtlingslagers Idomeni.

Sie waren als einer der letzten Medienvertreter im Lager, als am Dienstag gegen 6 Uhr die Räumung durch über 1400 Polizisten begann.

Sophia Maier: Ich war ab Mitternacht unterwegs und habe fünf Stunden gebraucht, um unbemerkt ins Camp zu kommen. Alles war gesperrt, am Ende habe ich es über Schleichwege geschafft.

Wie war die Stimmung vor Ort?

Hoffnungslos. Die Menschen waren leer und lethargisch. Sie stiegen in die Busse, weil sie nicht mehr konnten. Die Wasserhähne im Lager waren gekappt, es gab kein Essen mehr. Helfer wurden ferngehalten.

In mehreren Monaten in Idomeni haben Sie viele persönliche Kontakte geknüpft. Wissen Sie, wo die Familien jetzt sind?

Ja, ich habe schon Rückmeldungen. Die Leute sind in ganz unterschiedliche Camps gekommen. Es wurden für die Menschen aus Idomeni ja extra vier Camps bei Thessaloniki gebaut. Da sind viele gelandet. Die Zustände sind da teilweise miserabel, auch wenn man das nicht verallgemeinern kann. Griechenland gibt sich Mühe, aber es fehlt einfach an allem. Das sind oft alte Fabrikhallen, die das Militär übernommen hat. Ich war in einem Camp in einer alten Ledergerberei. Das Wasser ist nicht trinkbar. Da war die Versorgung in Idomeni besser.

Aus Weiden ist der NT-Redaktion ein syrischer Schüler bekannt, dessen Mutter und Schwester in Idomeni festsaßen. War das auch Ihr Eindruck, dass es sich zu einem Großteil um nachreisende Verwandte handelte?

Das ist wirklich so. Von den 10 000 Flüchtlingen in Idomeni hatte gefühlsmäßig jeder Zweite Verwandte in Deutschland. Oft Frauen mit Kindern, deren Männer in Deutschland sind. Aber auch Eltern, deren Kinder losgezogen sind. Dann war die Grenze zu - und jetzt sitzen die einen hier und die anderen da. Und sie verstehen nicht, warum sie nicht zu ihren Familien dürfen. Deshalb sind die da auch sitzen geblieben. In der utopischen Hoffnung, dass die Grenze doch noch aufgeht.

Gibt es eine legale Chance, die Familie nachzuholen?

Der legale Weg wäre der Familiennachzug. Aber der ist praktisch kaum möglich. Dazu braucht man einen Termin bei der deutschen Botschaft in Athen. Ich habe für "Stern TV" genau über einen solchen Fall berichtet: Er war in Deutschland, sie in Idomeni. Das große Problem: Es fehlen die Papiere. Nicht jeder hat Pass, Geburtsurkunde oder Heiratsurkunde dabei, die in den Kriegswirren oft gar nicht zu besorgen waren. Man braucht aber all diese Unterlagen für einen legalen Familiennachzug. Illusorisch.

Ich habe ein schönes Foto von Ihnen mit Norbert Blüm entdeckt, der eine Nacht im Flüchtlingslager verbrachte.

Oje! Auf Facebook, oder? Aber ich war und bin von Norbert Blüm tief beeindruckt. Er ist für mich einer der wenigen wahren Politiker, der Humanismus wirklich lebt, vor Ort geht und ein Zeichen setzt. Auch Norbert Blüm sieht seine europäische Idee gerade ein bisschen zerbröckeln. Europa scheitert kollektiv an der Flüchtlingsfrage.

Bei Ihnen vermischt sich die Reporterin mit der Helferin. Sehen Sie darin ein Problem?

Am Ende ist es egal, ob man Journalist oder Fotograf oder Helfer ist. Ich bin zu allererst Mensch.

Es gab da diese Situation im März, als Tausende den Grenzfluss zu Mazedonien überquerten. Auch Sie waren mit der Kamera vor Ort.

Erst stand ich am Fluss und hatte mein Handy in der Hand. 20 Sekunden lang habe ich gefilmt, dann dachte ich: Was zur Hölle machst du da gerade? Bilder und Dokumentation schön und gut. Aber diese Menschen brauchen Hilfe. Also bin ich in den Fluss gestiegen. Ich habe die Flüchtlinge bis zur Grenze begleitet, wo uns das mazedonische Militär erwartete. Die Soldaten haben mich gezwungen, die Bilder zu löschen, auf denen sie zu sehen waren.

Sie kennen den Vorwurf an Aktivisten, dass man in Idomeni eine humanitäre Katastrophe erzwungen habe. Was entgegnen Sie?

Der Vorwurf ist so abstrus. Die sitzen da nicht aus Spaß. Die sitzen da, weil sie würdevoll und in Sicherheit mit ihren Familien leben wollen. Da ist die Hoffnung, dass die Grenze aufgeht. Die Angst, vergessen zu werden, wenn man nicht mehr in Idomeni ist. Und das Wissen, dass die anderen Lager nicht besser sind.

Und am anderen Ende sitzt der Facebook-Kommentator mit der Chipstüte auf dem Sofa und will sich den Abend nicht mit schlechtem Gewissen vermiesen lassen?

Das ist der Klassiker. Wenn man zulässt, zu verstehen, was da wirklich passiert, kriegt man Probleme. Dann muss man sich überlegen: Was kann ich selbst tun? Das sind unangenehme Wahrheiten, mit denen man sich nicht auseinandersetzen will. Ich habe dafür teilweise Verständnis, weil es die eigene Lebenswirklichkeit aus der Bahn wirft.

Wie kommen Sie selbst zurecht?

Ich versuche zu funktionieren, sonst könnte man nicht anständig arbeiten. Es gibt diese Momente, in denen man kurz realisiert, was da eigentlich passiert, was für ein Leid man vor Augen hat. Da ziehe ich mich kurz zurück, vergieße die ein oder andere Träne. Und dann mache ich einfach weiter.

Wie geht es für Sie persönlich weiter?

Ich werde mich auf jeden Fall weiter in der Flüchtlingskrise engagieren und auch weiter journalistisch arbeiten. Die Hilfsorganisation Swisscross, für die ich arbeite, hat begonnen, in einem dieser Militärcamps zu arbeiten. Und ich werde nächste Woche an die türkisch-syrische Grenze fliegen, nach Suruc, gegenüber Kobane, um die Situation dort zu dokumentieren.

Sie haben schon immer fotografiert: 2011 in Soweto. 2015 im Erdbebengebiet Nepal. Damals haben Sie eine Ausstellung "Faces of Nepal" gemacht und den Erlös gespendet. Gibt es ähnliche Pläne?

Ja, ich habe in Idomeni vor allem Kinder fotografiert. Die Bilder will ich auf jeden Fall ausstellen.

Wo sind Sie gerade? Erholen Sie sich ein wenig?

Ehrlich? Ich bin in Köln und auf dem Weg zu "Zara", um eines der Teile von meinem Einkauf vom Mittwoch umzutauschen. Da hatte ich den Live-Auftritt bei "Stern TV" und mal wieder nichts zum Anziehen.

Sie hüpfen ganz schön zwischen den Welten.

Ja, total. Manchmal ist es kurzzeitig schwierig, sich in der jeweiligen Welt wieder zurechtzufinden.

Irgendwie kommen Sie aber auch an keinem Unglück vorbei. Stimmt es, dass Sie 2015 eigentlich im Himalaya wandern wollten, als das Erdbeben dazwischen kam?

Ich hatte schon einmal drei Monate in Nepal gelebt und Kinder in einem buddhistischen Kloster in Englisch unterrichtet. 2015 wollte ich wieder hin, um in den Himalaya zu gehen. Während der Planung ereignete sich das Erdbeben. Da habe ich mir gesagt: Scheiß auf den Himalaya, da musst du jetzt irgendwie helfen. Um das geht's doch eigentlich.
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