Digitale Schule
Das Ende der Kreidezeit

Bild: dpa
 

Hunderte von Jahren prägten grüne Tafeln die Klassenzimmer der Oberpfalz. Jetzt haben sie ausgedient, und neue Geräte treten an ihre Stelle. Die Dynamik des Unterrichts nimmt spürbar zu. Die digitale Revolution erreicht die Schulen.

Für die Schülerinnen ist es die vierte Stunde. Die Fenster des Klassenzimmers der Berufsschule erlauben einen weiten Blick über die Dächer der Amberger Altstadt. Die sieben Mädchen sind beschäftigt: Lehrer Reinhold Schneeberger lässt die Steuerklasse an Computern Abrechnungen üben. Die Dokumente sind aber gar nicht im Raum: „Die Schüler lösen die Aufgaben auf einem Server in Nürnberg“, sagt Schneeberger. Das virtuelle Übungsprogramm werde von der Datev zur Verfügung gestellt, sagt Schneeberger. Diese Arbeitsweise bereite auf den Alltag im Beruf vor. Dort werde bereits so gearbeitet. Nach einer Weile holt der Lehrer für Steuerrecht die Schülerinnen von den Bildschirmen weg: „Bitte kommen Sie nach vorne.“ Alle stehen jetzt vor dem sogenannten „Whiteboard“ (auch Smartboard), das in diesem Klassenzimmer die Tafel ersetzt hat.

Whiteboard ersetzt Tafel


Auf dem Pult von Lehrer Schneeberger steht ein Computer. Der Lehrer für Steuerrecht greift sich die Maus und macht einige Klicks – Auf der digitalen Tafel erscheint eine Übungsaufgabe. Die Schülerinnen lesen einen Steuer-Paragrafen. Sie sollen mit den Fingern Begriffe anordnen. Es geht um die korrekte Reihenfolge in der die Steuerhöhe laut Paragrafen zu berechnen ist. Schneeberger zeigt den Schülerinnen danach ein Fallbeispiel. Jetzt sollen sie Kopfrechnen. Ihre Ergebnisse schreiben die Schülerinnen auf das Whiteboard. Schneeberger erklärt, dass sich durch die digitale Tafel viele didaktische und pädagogische Möglichkeiten ergeben, wie zum Beispiel die gezeigte interaktive Gruppenarbeit.

In den nächsten Jahren werden solche „Boards“ die Tafeln in den Klassenzimmern der Nordoberpfalz ersetzen. Die große weiße Fläche ist eine Mischung aus Tafel und Computerbildschirm: Mit speziellen Stiften kann sie beschrieben werden. Gleichzeitig ist sie auch ein Computer: So kann etwa Handschrift in Druckschrift umgewandelt und ein digitales Tafelbild für später gespeichert werden. Im Mathematikunterricht können zum Beispiel Funktionen automatisch berechnet werden, die Lehrer können geometrische Figuren wie Dreiecke oder Würfel drehen und verschieben. Zusammenhänge werden verständlicher. Anderen Fächern bietet das Internet eine Fülle an Unterrichtsmaterial: Die Lehrer können Kunstwerke und Musikstücke aufrufen, historische Dokumente zeigen oder mit den Schülern Fremdsprachen üben.

Virtuelle Plattformen


Während die Steuerklasse über der Aufgabe brütet, erzählt Schneeberger von der neuen technischen Ausstattung. Zur digitalen Schule gehörten nicht nur die Geräte selbst. Es steckten auch besondere Programme dahinter, sagt er. „Ich kann hier den Inhalt meines Bildschirms auf alle Bildschirme der Klasse übertragen. Genauso kann ich sehen, was auf den anderen Bildschirmen passiert.“ Übungsaufgaben könne er auf einer Lernplattform hinterlegen und dort auch mit den Schülern kommunizieren. Ein Programm könne ihm die Übungen der Schüler automatisch korrigieren. So erhielten diese sehr schnell und einfach eine Rückmeldung über ihre Leistung.

Tanja Stiegler hat das Projekt „Referenzschule für Medienbildung“ am Berufsschulzentrum in Amberg koordiniert. Stiegler sagt, auch die Vernetzung der Schüler untereinander nehme zu. Das Hausaufgaben-Abschreiben bekomme etwa durch die Foto-Funktion der Handys eine neue Dimension. Die klassische Abfrage von Wissen werde zunehmend hinfällig, ergänzt Schulleiter Martin Wurdack. „Das können die heute alles nachschauen.“ Kreatives Arbeiten werde viel wichtiger. Überall im Schulhaus gebe es jetzt kabellosen Internetzugang. Das Handyverbot hat ausgedient: „Wir lassen unsere Schüler im Unterricht mit dem Handy etwas nachschauen“, sagt Wurdack. „Wir wollen Medienkompetenz fördern. Wir nutzen die Möglichkeiten des Internets, hinterfragen sie aber auch kritisch.“

Technik fordert heraus


Die Lehrer reagieren unterschiedlich auf die technischen Neuerungen. Auf der einen Seite gibt es Pädagogen wie Martin Hauk. Er ist von den neuen Geräten begeistert. Im Landkreis Tirschenreuth ist er „Medientechnisch/Informationstechnischer Berater“ für alle Grund- und Mittelschulen. Als größte Herausforderung bezeichnet der Mittelschullehrer die Motivation der Kollegen. An seiner Schule seien die Lehrerinnen und Lehrer zwar besonders aufgeschlossen gegenüber neuen Medien, insgesamt gebe es aber noch viel zu tun: „Es müssen möglichst viele Lehrkräfte mitziehen. Wir müssen aufhören, uns mit Tafel und Kreide irgendwie durchzuwursteln“, sagt er.



Andere Akzente setzt die Interessenvertretung der Lehrer in Bayern: „Es geht nicht um Ausstattung, sondern um Ausbildung und Fortbildung“, sagt die Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen und Lehrerverbands, Simone Fleischmann. „Der Unterricht wird nicht automatisch dadurch besser, dass ein Whiteboard im Klassenzimmer hängt.“ Ein Blick allein auf die Ausstattung sei nicht sinnvoll: Auch ein Lehrer, der an die Tafel schreibe und Bücher verwende, könne guten Unterricht halten. „Die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler steht für uns im Mittelpunkt“, sagt die 45-Jährige. Es sei vor allem wichtig bei allen Seiten digitale Kompetenzen zu fördern. „Du kannst nicht mehr so tun, als ob das keine Rolle mehr spielt, wenn die Kids dann aus der Schule in den beruflichen Alltag oder an die Hochschule kommen“, sagt Fleischmann.

Flaschenhals Systembetreuer Für den bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband ist das größte Problem derzeit die Würdigung der Systembetreuer. Das sind Lehrer, die sich freiwillig um die Technik an den Schulen kümmern. Das Kultusministerium fördere sie zu wenig, sagt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann.

Einer der Systembetreuer ist Josef Haberl. An der Mittelschule in Vohenstrauß (ebenfalls eine Referenzschule für Medienbildung) ist er Ansprechpartner für alle technischen Probleme. Wie jeder Systembetreuer erhält er dafür 90 Minuten Arbeitszeit pro Woche. „Die Stunden für ein Schuljahr sind an Weihnachten aufgebraucht“, sagt er. Da habe sich in den letzten Jahren auch nichts bewegt. Manche Aufgaben bräuchten sehr viel Zeit. „Wir sind in diesem Sinne ja keine IT-Spezialisten“, sagt Haberl. „Wir sind eher Einäugige unter Blinden.“

Auch der Schulleiter des Amberger Berufsschulzentrums, Martin Wurdack, findet klare Worte: „Eigentlich ist die Stadt für die Betreuung der Hard- und Software zuständig. Aber die sind ja nicht vor Ort. Wenn ich dann ein technisches Problem habe, steht meine Verwaltung. Ich muss meine Probleme also selbst lösen, die Aufgabe bleibt an den Systembetreuern hängen“, seufzt Wurdack. „Ich würde den Kollegen gerne mehr Anrechnungsstunden geben, ich hab’s halt nicht.“ (dko)
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