Dolmetscher der Kulturen
Aref Alsamwo schreibt über das Händeschütteln

Aref Alsamwo. Bild: Götz
Aus dem syrischen Aleppo kam Aref Alsamwo vor einem Jahr und drei Monaten nach Deutschland. Der 26-jährige wohnt in Bärnau und hat am Samstag seine Anerkennung als Flüchtling bekommen. Das bedeutet für ihn, dass er mindestens drei Jahre in Deutschland bleiben kann.

Große Sorgen macht sich der ledige junge Mann um seine Familie, die noch in Syrien wohnt. Die Angehörigen haben Aleppo mittlerweile ebenfalls verlassen, ihre Wohnung wurde in der vergangenen Woche zerstört. Das in der Heimat begonnene Studium der englischen Literatur hat Alsamwo abgebrochen, Bücher und Hefte ließ er in Aleppo zurück.

In Weiden hat er einen Freund namens Moaz gefunden. Bisher durfte Alsamwo aber nicht aus dem Stiftland nach Weiden umziehen, obwohl er das gerne möchte. Alsamwo hat Heimweh. Er dankt Claudia Sörgel, die ihm geholfen hat, sich für die Ausbildung zum Dolmetscher Arabisch-Deutsch anzumelden.

Der Syrer schreibt aus seiner Sicht über das Thema Händeschütteln zwischen Frauen und Männern, das in seiner Heimat unüblich ist und hierzulande immer wieder zu Missverständnissen zwischen den Kulturen führt.

"Unsere Lebensweise wird missverstanden. In unserer Kultur darf nicht nur der Mann der Frau nicht die Hand geben, sondern die Frau darf auch dem Mann nicht die Hand geben. Man darf das nur bei Familienangehörigen. Das Verbot bezieht sich auf das Hand geben zwischen Fremden. Das ist keine Beleidigung sondern eine Regel in unserer Kultur und unserer Religion, dem Islam. Warum gibt es keinen Hautkontakt und kein Händeschütteln? Es geht nicht um eine Diskriminierung.

Ich sehe, dass es verschiedene Stufen von Schamgefühlen oder Anstandsformen selbst innerhalb Europas gibt. So ist es in einer Kultur möglich, dass Frauen mit einem fremden Mann ausgehen oder mit ihm Lambada tanzen. Ein anderer flippt aus, wenn man seine Frau anschaut. Die Empfindlichkeiten sind verschieden. In meiner Kultur ist die Grenze das Händeschütteln und die Berührung der Haut.

Ich habe eine Umfrage in einem europäischen Land gesehen. Dort heißt es, dass 55 Prozent der Männer und über 40 Prozent der Frauen fremd gehen. Es entstehen dann Scheidungen und viele Familien gehen kaputt. Für die Kinder ist es bestimmt eine sehr schwere Situation. Woran liegt das?

Es gibt wissenschaftliche Erkenntnisse, dass wir fünf Millionen Nervenzellen auf und unter der Haut haben. Einige können durch das Händeschütteln aktiviert werden und Gelüste auslösen. In unserer Kultur und Religion ist es deshalb eine Regel, ja sogar ein Gebot, dass fremde Personen sich nicht die Hand geben. Strafen gibt es dafür aber nicht."

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Der neue Tag gibt Flüchtlingen, die die Dolmetscher-Klasse der Europa-Berufsschule besuchen, Stimme, Gesicht und ein Forum. In einer Serie beschreiben einige von ihnen, wie sie unsere Welt sehen.
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