Dr. Matthias Loew behandelt Asylbewerber im Camp Pitman
Koffer-Sprechstunde

"Der Nächste bitte!" Dr. Matthias Loew behandelt Asylbewerber im Camp Pitman. Dafür opfert er seinen freien Mittwochnachmittag. Die Zettel an der Tür informieren die Syrer, Iraker, Eritreer und Afghanen in den jeweiligen Sprachen, wann der Mediziner Sprechstunde hat. Bild: Schönberger

"Am Mittwochnachmittag geschlossen." So heißt es meistens auf den Schildern am Eingang zu Arztpraxen. Und eigentlich hätte Dr. Matthias Loew aus Rothenstadt auch frei. Doch statt Feierabend zu machen, behandelt er Asylbewerber - in einem kleinen Zimmer im Camp Pitman.

Seelenruhig sperrt er die Tür zum Sprechzimmer auf und stellt seinen schwarzen Koffer auf einem Holztisch ab. Darin ist alles verstaut: Fläschchen mit Medizin, Salben, Formulare, Verbandsstoffe. In dem kleinen Raum steht im Eck eine Liege mit blauem Polster. Es ist Mittwoch, aber schon Nachmittag, und eigentlich hat Dr. Matthias Loew keine Patienten mehr - zumindest nicht in seiner Praxis. Im Camp Pitman, der Weidener Asylbewerber-Unterkunft, schon.

Loew ist einer von zehn Ärzten aus Weiden und Umgebung, die sich zwischen 15 und 17 Uhr um die dort lebenden 300 Menschen, meist Syrer und Iraker, kümmern. Er macht das freiwillig, aber nicht unentgeltlich. "Ich krieg hier was. Das ist kein Gutmenschentum", betont der 48-jährige Doktor. "Aber die Leute brauchen einen Hausarzt." Die Beschwerden unterscheiden sich kaum von denen der Deutschen. "Schnupfen, Rückenschmerzen", zählt Loew auf. "Ganz am Anfang waren mal Leute da, die mir Splitter am Körper gezeigt haben. Die musste ich vertrösten."

Sozialamt bezahlt


Behandeln kann der Kassenarzt nur Krankheiten, die "akut und Gefahr für Leib und Leben sind". Ein Splitter, der seit zwei Jahren unter der Haut steckt, gehöre da nicht dazu. Das Problem sei, dass das Verfahren der Asylbewerber noch läuft. "Wenn sie einen Stempel haben und sicher ist, dass sie bleiben können, sind sie auch ganz normal versichert." Dann könne auch ein älterer Splitter entfernt werden.

"Au, au", stöhnt ein junger Mann leise, als er sich auf den Stuhl im Sprechzimmer setzt. Unter den rotgefärbten Haaren des Patienten blitzt eine Narbe hervor. Ein Tattoo schmückt seinen Hals. In der Hand hält er ein Blatt Papier - damit Loew weiß, wer vor ihm sitzt. "Sie müssen einen Zettel mitbringen, auf dem der Name in der offiziellen deutschen Schreibweise steht", erklärt er. Name, Diagnose und Medikamente notiert er in der Patientenakte. Dann müssen die Kollegen, mit denen er sich abwechselt, nicht bei der Behandlung von vorne anfangen.

Ein anderes Formular bekommt das Sozialamt, allerdings ohne Diagnose. "Das geht keinen was an", sagt der Arzt. Die Kosten für die Behandlung zahlt das Amt, außer Loew gibt dem Patienten einen grünen Zettel mit. Das verschriebene Medikament muss derjenige dann selbst in der Apotheke bezahlen. "Ich achte aber schon darauf, dass es nicht die teuersten sind", meint er.

Bis zu zehn Patienten zählt der Mediziner in einer Sprechstunde. Dass die Ärzte ins Camp Pitman kommen, habe mehrere Gründe und sei eine Win-win-Situation. "Jeder braucht einen Behandlungsschein, den er normalerweise beim Sozialamt bekommt", sagt Loew. "Hier brauchen die Leute keinen Schein, sie sagen, wer sie sind, und ich gebe das weiter." Dadurch habe das Amt um 7 Uhr morgens keine Schlange vor der Tür, und der Arzt könne für die Behandlung im Camp schneller einen Dolmetscher auftreiben, als das in seiner Praxis möglich wäre.

Deutsche Strukturen fremd


"Es ist die erste Hausarztpraxis, die die Menschen hier kennenlernen", meint der Arzt. In ihren Heimatländern gebe es eine solche Struktur nicht. Ein Patient mit einem Problem am Auge habe von Loew mal verlangt, dass er ins Krankenhaus gebracht wird. "Ich muss dann erst erklären, dass man hier einen Facharzt braucht, einen Termin in der Praxis ausmachen muss. Das kennen die Betroffenen nicht." Die Termine sollen sie selbst vereinbaren, das übernimmt Loew nicht für sie. "Jeder hat ein Smartphone", erklärt er. Von ihrer Vergangenheit erzählen die Patienten dem Arzt "relativ wenig". "Das Erzählen scheitert oft schon an der Sprache."

Dann klopft es. Vor der Tür steht eine Familie - Mama, Papa und Baby. Das Kind ist zwei Monate alt. "Es hat Schnupfen und ein Rasseln in der Brust", erklärt die Mutter in gebrochenem Englisch. Die Familie besucht die Sprechstunde im Camp Pitman zum ersten Mal, ist aber froh darüber, dass es die Möglichkeit gibt. Weiter hinten im Gang wartet ein weiterer Mann, bis er dran ist.

Wenn es nötig wäre, könnten sich die Ärzte vorstellen, die Sprechstunden aufzustocken. "Wir haben gesagt, wir probieren das jetzt mal und lassen es auf uns zukommen", meint Loew. "Wenn 100 Leute vor der Tür stehen, dann reicht einmal am Mittwoch nicht." Um 17 Uhr ist die Sprechstunde eigentlich vorbei. "Ich bin aber noch nie vorher rausgekommen", betont der Doktor und schließt die Tür hinter dem nächsten Patienten.
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