Ein Blick hinter Gitter
Der große Zampano am Zellenklo

Hinter Gitter und Glasbausteinen: Diffuses Licht fällt in die Arrestzelle. Die Aussicht beschränkt sich auf den schemenhaften Umriss von Polizisten, die sich gerade im Innenhof der Polizeiinspektion tummeln.
 
Zu jeder Zelle gehört ein Schließfach, in dem die Polizisten, wie Thomas Fritsch hier zeigt, die Habseligkeiten der Gäste bis zu deren Entlassung aufbewahren.
 
Jeder Gast bekommt Klopapier. Oft verstopfen die Insassen damit das WC, treten die Spüleinrichtung ab und fluten die Zelle. Zuletzt passierte das Mitte Mai, als ein 25-Jähriger ausrastete. Manchmal helfe nur noch, das Wasser abzustellen, erklärt der Polizeisprecher. Und daran zu denken, dass der Gast bald eine entsprechende Rechnung erhalten wird.

Gut 6 Quadratmeter für 60 Euro die Nacht: Für den Preis ist eine derart beengte Schlafgelegenheit in Weiden schwer an den Mann zu bringen? Von wegen. Gerade Männer gastieren bevorzugt in einer der vier Zellen der Polizeiinspektion. Und wissen sich dort oft nicht zu benehmen. Ein Blick hinter Gitter.

Überall Namen und Kürzel. Dazwischen prangt ein großes "Fuck" auf der Holzpritsche. Gäste ritzen mit Fingernägeln die unflätigen Nachrichten dort hinein. Oder sie kratzen "Arschlöcher" an die in hellem Grau gehaltene Wand des sechs Quadratmeter großen Domizils. Begeisterung ob der Unterbringung dürfte anders aussehen. Dabei zahlen die Gäste für ihren Aufenthalt in der Haftzelle der Polizeiinspektion, im Amtsdeutsch Schutz- oder Sicherheitsgewahrsam genannt, immerhin 60 Euro.

Nur, wer einzieht, tut das meist unfreiwillig, weiß Polizeihauptkommissar Thomas Fritsch: "Ja, wir schieben, drücken oder tragen die Gäste schon öfter mal in die Zelle." Davor ist eine Leibesvisitation Pflicht. Danach trägt ein jeder Gast nur noch Jeans, T-Shirt, Unterhose und Socken, wenn er es sich auf der Holzpritsche mit Schaumstoffmatratze und Wolldecke gleich neben dem gemauerten Stuhl und der Toilettenschüssel bequem macht. Der Rest seines Hab und Guts wandert - zuvor sorgfältig dokumentiert - in das zellenzugehörige Schließfach. Denn Dinge wie Geldbörse, Schuhe mit Schnürsenkel, Stift, Gürtel & Co sind tabu. "Die Sicherheit unserer Gäste geht vor", erklärt der neue Polizeisprecher. "Notfalls drehen wir die Heizung eben ein wenig rauf."

Notruf malträtiert


220 Personen brachte die Polizeiinspektion Weiden im vergangenen Jahr in ihren insgesamt vier Einzelzellen unter. In 68 Fällen handelte es sich um Gewahrsamnahmen. Sprich: Ein Betrunkener kommt in Schutzgewahrsam. Oder einer rückt unter dem Schlagwort Sicherheitsgewahrsam ein, weil er eine Straftat angekündigt hat. Der typische 60-Euro-Übernachtungsgast eben. Die anderen 152 Zellenbesetzer im Jahr 2015 genossen im Vergleich relativ kurze Aufenthalte, allerdings auf Staatskosten: Denn sie wurden vorläufig festgenommen oder wegen eines Haftbefehls aufgegriffen.

Es ist Mittwochmorgen. Der erste Haftraum, Nummer 025, ist besetzt. Auf dem Bett liegt kein Betrunkener, sondern ein Werkzeugkoffer. Davor schraubt ein Mann an der Wand herum. "Der Notrufknopf ist kaputt. Wieder einmal", schimpft der Handwerker kopfschüttelnd. Kein Wunder sei das. Immer wieder malträtierten Gäste den Knopf während ihres Aufenthalts. Aus Langweile. Aus Frust. Aus Ärger. "Am Ende treten sie den Knopf ab."

Sachbeschädigungen sind an der Tagesordnung, weiß Fritsch und spricht von zerrissenen Wolldecken, verstopften Toiletten - oder, wie neulich mal wieder, der Fall von überschwemmten Zellen. Auch abgerissene WC-Druckspüleinrichtungen finden die Beamten häufig vor. Schaden: 510 Euro und eine Anzeige wegen Sachbeschädigung. "Einer hat es gar einmal geschafft, einen Glasbaustein zu zertrümmern." Durch die Relikte aus den 1970er Jahren fällt diffuses Licht in die Zelle im Keller. Am Ende zahlt der Gast für die Übernachtung - und den Spülknopf. Die entsprechende Rechnung schickt das Polizeipräsidium mit Grüßen aus Regensburg an den Zellen-Zampano.

Beamte besorgen Burger


Vermehrt ist es übrigens das starke Geschlecht, das im Keller der Polizeiinspektion an der Regensburger Straße absteigt. "Der Frauenanteil lag 2015 zwischen 10 und 15 Prozent." Besonders begehrt seien die sechs Quadratmeter an Wochenenden oder zu Zeiten größerer Ereignisse in der Stadt wie Volks- und Frühlingsfest. Heuer nächtigten bis Ende Mai gut 100 Personen in den Zellen, 31 davon waren 60-Euro-Gäste. "Dabei haben wir auch für deren Verpflegung zu sorgen", erklärt Fritsch.

Wer eigene Barmittel dabei hat, zahlt für sein Essen selbst. Andernfalls spendiert der Staat eine Brotzeit. Für ein Frühstück liegt das Budget bei 2, für ein Mittagessen bei 4 oder für ein Abendessen für 3,50 Euro. Gäste dürfen ihre Menü-Wünsche äußern, eine Polizeistreife besorgt das Essen. "Meist werden Pizza oder Fastfood bestellt. Für das Budget sind zu Mittag beispielsweise drei Cheeseburger drin", weiß Fritsch.

Oder es gibt ein Croissant zum Frühstück plus Kaffee im Pappbecher. Die Plastikbechervariante gehört seit Kurzem der Vergangenheit an. Sie entpuppte sich als zu gefährlich. Denn manche Gäste nutzen Plastikteile, um sich selbst Ritzwunden zuzufügen. Aus dem gleichen Grund gibt es auch keine Federkernmatratzen in den Zellen: Sogar Federkiele fallen unter die Rubrik gefährliche Gegenstände.

Der typische Zellengast hat einen über den Durst getrunken. "Für ihn endet morgens um 6 Uhr nach einem neuerlichen Alkoholtest die Gastfreundschaft." Ein Polizist entriegelt die drei Schlösser am Zellengitter. Ein anderer schaut zu. Das Vier-Augen-Prinzip ist Vorschrift. Im Zellenvorraum erhält der Proband, wie Fritsch die Gäste auch nennt, Gelegenheit, vor Spiegel und Waschbecken zu treten. "Beides wird vor der Entlassung gut genutzt."

Anschließend geleiten zwei Beamte den Gast zu seinen Habschaften und dann vor die Wache. Ruhe ist deshalb in der Zelle noch lange nicht eingekehrt: Dort tobt ab sofort für drei Stunden die Lüftungsanlage. Danach sorgt der Reinigungstrupp für Ordnung. Und bei Bedarf schaut eben auch der Handwerker mit dem Werkzeugkoffer in der Zelle vorbei.

Hinter-Gitter-SplitterWer in Gewahrsam kommt, entscheidet die Polizei. Sie aber ist verpflichtet, unverzüglich eine richterliche Entscheidung über Zulässigkeit und Fortdauer herbeizuführen. "Hierzu steht uns ein richterlicher Bereitschaftsdienst zur Verfügung", sagt Polizeisprecher Thomas Fritsch. Ein Arzt urteilt - bei Bedarf - über die Gewahrsamstauglichkeit.

Die Gewahrsamskosten liegen bayernweit bei 60 Euro. In der Regel. Sie können aber zwischen 25 und 250 Euro variieren. Abweichungen seien aber sehr selten.

Zellengäste müssen volljährig sein. "Jugendliche sind in einem separaten Jugendarrestraum unterzubringen." Aus baulichen Gründen verfügt die PI darüber nicht. Demnächst soll aber einer entstehen. Bis dahin warten Jugendliche auf der Wache, bis Erziehungsberechtigte sie abholen.

Im Keller der PI gibt es einen stillgelegten Haftraum: eine Sammelzelle mit WC. Fritsch: "Sie gilt mittlerweile längst als menschenunwürdig." (mte)
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