Ein massiver Papierknebel

Oberstaatsanwalt Rainer Lehner riet der 21-Jährigen zur Wahrheit: "Auch, wenn ich verstehe, dass es unsagbar schwer ist, das einzugestehen."

Landgerichtspräsident Walter Leupold stellt die Frage im Laufe des Vormittags drei Mal: "Wie kommt das Papier in den Mund des Babys?" Steffi D. (21) beharrt auf ihrer Version. Ja, sie habe das Kind auf der Supermarkttoilette geboren. Aber: Nein, sie habe es nicht erstickt. "Als ich rausging, hatte das Kind keinen Papierknäuel im Mund." Sie habe das Baby später holen wollen.

(ca) Seit Freitag muss sich die Metzgereifachverkäuferin aus dem Landkreis Neustadt/WN vor dem Schwurgericht wegen Totschlags verantworten. Erneut ergeht der Hinweis, dass eine Verurteilung wegen Mordes in Betracht kommt. Leupold: "Da gibt's lebenslänglich und sonst nichts." Der Vorsitzende wird so deutlich, weil er die "schonungslose Wahrheit" hören will.

Denn die Beweislage ist erdrückend. Rechtsmediziner Prof. Stephan Seidl hat das Baby obduziert: ein Mädchen, 51 Zentimeter groß, 2630 Gramm schwer. Das Kind habe "eine gewisse Zeit" gelebt, das beweist Luft im Darm. Dann sei es mit einer "massiven Tamponade" erstickt worden, welche die ganze Mundhöhle ausfüllte. So dicht, dass man Schwierigkeiten beim Entfernen hatte. Das Kind sei daran erstickt, kein Zweifel. "Das Papier ist reingequetscht worden. Das kann nur durch fremde Hand passieren."

Diese "fremde Hand" war für Oberstaatsanwalt Rainer Lehner die Kindsmutter. "Alle Umstände sprechen so nachhaltig dafür, dass nur Sie das gewesen sein können", versucht er die Angeklagte zu überzeugen, "über ihren Schatten zu springen". Leupold hält es für "wahrscheinlicher, von einer Sternschnuppe erschlagen zu werden", als dass ein Dritter kam, der das Kind tötete.

Ausführlich schildert die junge Frau ihre Lage. Als ledige Mutter von zwei Kleinkindern lebte sie bei ihrem Vater, der schon nach dem Zweiten gesagt habe: "Wennst mit einem Dritten daherkommst, kannst auf der Straße von Hartz IV leben." Genau dieser Fall trat ein. "Im Februar habe ich bemerkt, dass der Bauch a bissl größer wurde." Da war sie schon im sechsten Monat. Nur der Kindsvater wusste Bescheid und drängte zur Abtreibung. Gegenüber Fragestellern redete sie sich mit einer Zyste heraus.

Drei Tage vor Kaiserschnitt

Hinter dem Rücken ihrer Verwandtschaft habe sie beim Jugendamt vorgesprochen und sich für eine anonyme Adoption entschieden. Die Tat ereignete sich drei Tage vor dem vereinbarten Kaiserschnitt. In der Nacht zum Samstag, 25. April, setzten leichte Wehen ein. Den Kindsvater informierte sie am Morgen per SMS, dass sie noch mit zum Einkaufen müsse und dann ins Krankenhaus fahre.

Videoaufzeichnungen zeigen den äußeren Rahmen für das, was dann geschah. Um 10.22 Uhr betritt die Familie - die Angeklagte, ihre Kinder (2 und 4), Vater und Oma - den Supermarkt. Die Angeklagte war dort beschäftigt, ebenso zwei weitere Verwandte. Um 10.23 Uhr geht sie mit dem Zweijährigen zur Kundentoilette. Um 11.09 Uhr holt sie sich einen zweiten Müllsack von der Kasse. Um 11.12 verlässt die Familie den Markt.

Was sich in den 40 Minuten abspielte, berichtet die Verkäuferin unter Tränen. Einmal wird die Verhandlung unterbrochen. Steffi D. schildert eine Sturzgeburt auf der Toilette, während der sie ihr Söhnchen auf dem Schoß hielt. Sie habe erst bemerkt, dass sie entbunden hatte, als sie die Nabelschnur sah. Dann wischte sie das Blut vom Boden weg, "damit es der Kleine nicht sieht". Zwei Mal klopfte der Vater an die Tür und fragte, wo sie bleibe.

Der Säugling habe nicht geschrien, aber mit den Fingern gezuckt. Sie habe das Baby in stabiler Seitenlage auf Einwegtüchern in einen Müllsack gebettet, "leicht offen für Luft". Diesen Sack habe sie im Gitter neben dem Waschbecken deponiert und mit dem weiteren Müllsack getarnt. Mit blutgetränkter Hose verließ sie die Toilette, traf ihre Familie am Eingang wieder, man fuhr gemeinsam heim.

Die Rolle der Angehörigen, denen das Blut nicht entgangen sein konnte, bleibt nebulös. Zuhause kam es zum Streit. Der Vater habe sich geweigert, sie ins Klinikum zu fahren. Am Ende brachte ein Bekannter die stark blutende 21-Jährige nach Weiden. Ohne den Umweg zum Supermarkt: "Mich hatte der Mut verlassen." Eine Cousine kam gegen 13 Uhr zum Krankenbesuch und berichtete, dass die Toilette des Supermarktes bereits gereinigt worden sei. "Da konnte ich auch keinem mehr was sagen." Der Prozess wird am Donnerstag, 26. November, fortgesetzt.
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