Ein Selbstversuch
Spitz auf Spitzl

Für einen Erstversuch sehen die Allerheiligenspitzl nicht mal so schlecht aus. Außerdem: Es zählen die inneren Werte. Bild: Schönberger
 
(Foto: gsb)

Es war ein Fehler, in der Redaktion zu fragen: "Was sind eigentlich Allerheiligenspitzl?" Schon sehe ich das schelmische Grinsen einer Kollegin: "Du backst doch so gern." Zwei Tage später stehe ich in der Küche.

Weiden/Luhe. Bäckermeister Thomas Retzer aus Weiden hat mir erklärt, was ich tun muss: "Allerheiligenspitzl sind bei uns aus Hefeteig mit Rosinen, Orangeat und Zitronat." Hefeteig? Keine Ahnung.

Der Bäcker rät, ich soll mir bevorzugt das Rezept einer erfahrenen Hausfrau besorgen. Am Ende half das Internet. Gleich das erste Rezept bei Google klingt vielversprechend. Ich ergänze die Zutatenliste nur mit einem Schuss Rum sowie ein paar Rosinen. Die Haselnüsse ersetzte ich durch etwas mehr Mehl. Früher sei Hefeteig etwas sehr wertvolles, ein Allerheiligenspitzl ein Luxusgeschenk gewesen, erklärt Heimatforscher Harald Fähnrich. Der katholische Brauch gehe bis ins Mittelalter zurück. Das Gebäck war damals ein Stellvertretergeschenk für arme Seelen, das an sozial schwache Mitmenschen gegeben wurde. "Dazu zählten Kinder, Dienstboten oder Bräute. Was man ihnen Gutes tut, rechnet der liebe Gott den armen Seelen im Fegefeuer an." Bis heute schenken daher Tauf- oder Firmpaten ihren Schützlingen an Allerheiligen Spitzl.

Die schmecken mittlerweile anders als früher. "Wir sind Luxus gewöhnt. Ein einfacher Hefeteig ist uns zu trocken", betont Fähnrich. Deswegen machen die Bäcker das, wozu ich selbst tendierte: verfeinern. "Mit Rosinen zum Beispiel oder mit Zuckerguss", weiß der Heimatforscher.

Nicht zu warm


Bei mir ist es Rum. Was ich denn beim Hefeteigbacken falsch machen könnte, habe ich Bäcker Retzer gefragt. "Der Vorteig darf nicht zu warm werden, sonst geht die Hefe kaputt", erklärt er einen der häufigsten Fehler. Ich erinnere mich an einen Termin bei Bäuerin Sieglinde Reindl, die mir das Küchlbacken näherbringen wollte. "Den Teig bei um die 50 Grad im Ofen gehen lassen", lautete ihr Tipp.

Ich halte mich daran. Der Vorteig wird trotz meiner Ängste perfekt - er hat sich gut verdoppelt, wirft kleine Blasen. In der Küchenmaschine mische ich die restlichen Zutaten unter. Am Ende löst sich der Teig wie von selbst von der Schüsselwand. Ein gutes Zeichen, so soll es sein. Nachdem der Teig noch mal für eine halbe Stunde im Ofen gehen durfte, geht's los.

Wie Haare flechten


"Wir flechten die Spitzl mit drei, vier, fünf oder sechs Strängen", erklärte mir Bäcker Hans Zach aus Luhe. Zum Hintergrund sagt er: Früher schnitten sich die Frauen ihre Zöpfe ab, wenn ihre Männer starben. "Anfängern empfehle ich die Dreier-Zopf-Variante. Gerade Frauen kennen das vom Haareflechten." Ich halte mich an seinen Rat. Nur ist das mit Teig um einiges schwieriger als mit Haaren. Zufrieden bin ich nicht, trotzdem bestreiche ich die Teilchen mit einem Ei-Milch-Gemisch und schiebe sie für 20 Minuten in den Ofen. Sie werden schön goldbraun und fluffig. Ebenmäßig sehen sie aber nicht aus. Egal: Es zählen die inneren Werte, die mit Rum getränkten Rosinen etwa.

Kaum in der Redaktion, lockt der Duft die Kollegen. Wie die Ameisen fallen sie über die duftenden Spitzl her, und wie die Ameisen überhäufen sie mich mit Lob. Allesamt grinsen sie selig. Wenn die wüssten, dass mir der Rum ausgekommen ist ...
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