Eine junge Familie übersteht den Unfall mit einem 40-Tonner auf der A 93 nahezu unversehrt
Ein paar Kratzer und eine Beule

Ein paar Kratzer, Beulen und ein gehöriger Schock: Christina Golling und Dominik Hartmann aus Rothenstadt mit ihrem Söhnchen Luca (14 Monate). Er blieb mit der Mutter für eine Nacht zur Beobachtung in der Kinderklinik. Bild: Gerhard Götz
 
Kaum zu glauben: Aus diesem Autowrack stieg die dreiköpfige Weidener Familie nahezu unverletzt aus. Bild: Gustl Beer

Nur wer genau hinsieht, kann an der Stirn von Luca (14 Monate) eine kleine, blaue Beule erkennen. Dass er und seine Eltern Christina Golling und Dominik Hartmann fast unversehrt am Leben sind, das ist laut Polizeihauptkommissar Markus Braun von der Verkehrspolizei Weiden ein "kleines Wunder".

Die Familie aus Rothenstadt saß in dem Audi, der am frühen Mittwochmorgen auf der A93 mit einem 40-Tonner kollidierte (hier geht es zum Unfallbericht). Das Paar hat einen anstrengenden Alltag: Wie jeden Morgen brachte die 24-jährige Christina ihren ein Jahr jüngeren Lebensgefährten, der noch keinen Führerschein hat, zur Arbeit bei Nachtmann in Weiden-Nord. Seine Schicht beginnt um 4 und dauert bis 12 Uhr. Von 14.30 bis 19.30 Uhr arbeitet dann die junge Mutter als Verkäuferin in der Metzgerei Hausner. Sie kümmern sich abwechselnd um ihren Kleinen, der zur morgendlichen Pendelfahrt im Kindersitz mit muss. "Ich kann ihn ja nicht allein daheim lassen."

So auch am Mittwoch gegen 3.40 Uhr. Christina Golling fuhr bei Weiden-Süd auf die Autobahn in Richtung Norden. Sie überholte mit etwa 120 einen oberbayerischen Molkereilaster, der 17 Tonnen Sojamilch geladen hatte. Der Sattelzug kam immer weiter nach links und drängte das Auto gegen die Leitplanke. "Zum Bremsen war es zu spät." Der 24-Jährigen gelang es beinahe, vor dem Lkw einzuscheren, als die Zugmaschine den Audi doch noch erfasste. Das Auto überschlug sich mehrmals und landete auf dem Dach im Graben. Der Truck krachte nach rechts in die Planken und eine Lärmschutzwand.

Christina Golling hat an diese Achterbahnfahrt "überhaupt keine Erinnerung". Die setzt erst ein, als sie kopfüber im Auto hängt. Um sie herum Splitter. Sie hört ihren Sohn weinen und ist darüber froh wie nie. "Das hieß, dass er noch da ist." Die nächste Sorge gilt dem Freund. "Ich sagte: Schatz? Und er antwortete." Es riecht nach Benzin und Abgasen. Die 24-Jährige will nur noch raus. "Ich hatte Angst, dass es gleich brennt."

Dominik Hartmann gelingt es als Erstem, sich zu befreien. Im Dunkel des frühen Morgens greift er blind zu seinem Sohn hinein. Er löst die Gurte im Kindersitz und zieht das Kind heraus. Dann schnallt er seine Freundin ab. Beide haben Kratzer an Händen und Beinen, kräftige blaue Flecken, ansonsten nichts. Sie müssen nicht einmal stationär im Klinikum bleiben. Das Kind aber bleibt mit der Mutter zur Beobachtung für eine Nacht in der Kinderklinik. "Wir haben wahnsinnig Glück gehabt."

Lkw-Fahrer: Lebensgefahr


Einer nicht. Vergeblich sucht der Produktionshelfer aus Rothenstadt das komplett zerstörte Führerhaus nach dem Fahrer ab. Er findet den 61-Jährigen aus Oberbayern in der Wiese. Der Mann war aus der Fahrerkabine geschleudert worden. Schwerstverletzt, kaum ansprechbar. "Er hat nur ein wenig gebrummt", meint Christina Golling. Sie hockt sich mit dem Kind auf dem Arm zu ihm und redet ihm gut zu. "Ich habe immer gesagt: Gleich kommt der Krankenwagen, gleich."

Was dann passiert, hätte sich das Pärchen allerdings nicht ausgemalt. Mindestens 20 Autos und 4 Trucks fahren einfach vorbei. Vorbei am kaputten Auto. Am Truck, der an die Lärmschutzwand geknallt ist. An Mutter und Kind. Dem Verletzten. Vorbei an Dominik Hartmann, der da steht und nach dem Notruf auf die Rettungskräfte wartet. "Das war wirklich traurig, dass es keine Menschen gibt, die anhalten." Besonders dreist: Ein Brummifahrer stoppt, will wissen, was los ist. Und fährt weiter.

Der 61-Jährige wird nach der Versorgung durch einen Notarzt mit einem Rettungshubschrauber ins Uniklinikum Regensburg geflogen. Seine Verletzungen sind so schwer, dass laut Polizei sein Tod befürchtet werden muss. "Das tut uns sehr leid", sagt Christina Golling. Der materielle Schaden beträgt insgesamt 185 000 Euro. Der Audi 80 ist ein einziges Blechknäuel. Erst vor zwei Wochen hatte Christina Golling ihren alten Kleinwagen ausrangiert und sich dieses Auto gekauft, das ihr jetzt so gute Dienste leistete.

Nach Rücksprache mit dem Staatsanwalt zog die Polizei routinemäßig einen Gutachter hinzu. Die Bergung zog sich hin. Die Auswirkungen auf den einsetzenden Berufsverkehr waren enorm. Es kam zu erheblichen Rückstaus. Ab Weiden-Süd wurde der Verkehr abgeleitet, was Folgen nach sich zog. Ein überbreiter Tieflader verirrte sich nach Schirmitz.

Markus Braun, stellvertretender Leiter der Verkehrspolizei, bescheinigt der Familie "drei Schutzengel". Sechs Stunden nach dem Unfall spaziert der Einjährige an der Hand des Papas durch den Klinikumsgarten. Er kräht seine ersten Worte, lacht, schnappt sich einen weißen Riesenkiesel und lutscht ihn ab. 14 Monate und richtig lebendig.

Wir hatten wahnsinnig Glück.Dominik Hartmann

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