Einschulung im HPZ Irchenrieth
Gleich und doch anders

Larissa ist gespannt, was in der rosafarbenen Feen-Schultüte ist. Die Siebenjährige war an ihrem ersten Schultag ganz aufgeregt. Bild: szl
 
(Foto: Gerhard Götz)

Larissa Troppmann ist sieben Jahre alt und kommt in die Schule. Ihren blaukarierten Schulranzen auf dem Rücken und die rosafarbene Feen-Schultüte in der Hand geht's los: Der erste Schultag an der HPZ-Förderschule.

Weiden/Irchenrieth. "Ich habe vor der Einschulung mehr Bammel als Larissa", sagt Mama Sabrina Opitz ganz aufgeregt. Ihre siebenjährige Tochter kommt in die erste Klasse. Larissa ist am Rett-Syndrom erkrankt. Sie ist auf dem geistigen Level einer Einjährigen - und hatte am Dienstag ihren ersten Schultag. Die Kleine ist ganz aufgeweckt und gluckst auf der Couch. Sie läuft zur Türe und möchte los. Zwergpudel Nora hüpft um die Schülerin umher.

"Ich weiß nicht ob Larissa mitbekommt, was es heißt, in die Schule zu gehen", erklärt die 31-jährige Mutter. Um 8.45 ist Treffpunkt an der Schule. Alles ist dabei: Rollstuhl, Schultasche und Schultüte. Roswitha Jobst, die Klassenlehrerin begrüßt in der Aula alle acht Abc-Schützen. Sie hatte schon einmal ein Mädchen mit Rett-Syndrom in der Klasse.

Bittere Gewissheit


Wie auch Larissa entwickeln sich die betroffenen Mädchen scheinbar normal. Die Behinderung kam erst mit der Zeit. Die Diagnose erhielt die 31-Jährige, als ihr Mädchen drei Jahre alt war. Viele Arztbesuche und zwei Jahre später erhielt die Familie die bittere Gewissheit. "Mama und Papa konnte sie damals schon sagen, das hat sie wieder verlernt", erklärt die Telefonistin. Die Siebenjährige kann noch ohne Corsage oder Schienen laufen. Für weitere Strecken braucht sie aber einen Rollstuhl. Medikamente verhindern epileptische Anfälle des Mädchens.

Komplexe Schulbetreuung


Larissa ging bereits in Irchenrieth in den Kindergarten, in die Schulvorbereitende Einrichtung (SVE). "Ich bin schon etwas besorgt. Larissa spricht nicht und kann nicht selbstständig arbeiten", ist ihre Mutter skeptisch. Opitz beruhigt der Gedanke, dass Jasmin Gerster, Larissas Begleiterin aus dem Kindergarten, auch in der Klasse zuständig bleibt. "Larissa lacht immer, wenn sie Jasmin sieht", freut sich Opitz. Gerster kennt das Mädchen schon seit vier Jahren. "Ich bin ganz gespannt auf die Schule mit Larissa", freut sich die junge Betreuerin. Viel wird sich für Larissa allerdings nicht ändern. Mit dem Bus, der sie schon in den Kindergarten gefahren hat, fährt sich auch in die Schule. Am ersten Schultag wird sie allerdings von Mama, ihrem Freund, Papa und Opa chauffiert. Im April 2015 trennte sich Opitz vom Kindsvater, dessen Nachnamen Larissa hat. Seit etwa einem Jahr ist die 31-Jährige mit Partner Matthias Gäckle zusammen. "Für mich stand Larissas Behinderung nie im Vordergrund", sagt der 35-Jährige. Bald bekommt die Familie weiteren Zuwachs.

"Viel mussten wir für Schulsachen nicht ausgeben", erklärt Opitz. Die rosa Feen-Schultüte haben die Mütter im Kindergarten selbstgebastelt. Schulranzen, Sportsachen, dicke Stifte - am Besten die dreieckigen, Malkasten, Zeichenblock und ein großer Ordner. Mit allem anderen ist die Schule ausgestattet. Kinder wie Larissa bekommen Tablets zum Lernen.

Individueller Unterricht


In der Schule hat Larissa wie alle anderen verschiedene Fächer. "Jeder lernt individuell", bestätigt aber die Lehrerin. "Lesen, Schreiben und Rechnen werden bei ihr nicht möglich sein, aber wir wollen beispielsweise ihre Feinmotorik schulen." Betreuerin Jasmin kennt Larissa mittlerweile sehr gut. Als die Schülerin zu quengeln beginnt, weiß sie, dass der Kleinen das Warten zu lang wird. Jasmin packt geduldig mit Larissa die Schultüte aus und sucht gezielt nach der Spieluhr. "Musik mag sie sehr gerne", erklärt die Betreuerin. Und wenn sie gar nicht mehr mag, geht sie mit der Siebenjährigen raus und spielt mit ihr. Sie hilft Larissa bei allem: Sowohl pflegerisch beim Essen, als auch pädagogisch. Sie reicht ihr Stifte zum malen, oder leitet sie an. "Larissa soll das Gruppenerlebnis im Klassenverbund haben", fügt Gerster an.

Leidenschaft Schwimmen


Nachmittags hat Larissa noch Termine beim Logopäden, in der Ergo- und Physiotherapie. Wie fit Larissa ist und ob sie alleine spielt, ist Tagesform abhängig. Die Therapiestunden werden noch in den Stundenplan eingefügt. Sie hat auch Sportunterricht. Besonders gerne geht die Siebenjährige Schwimmen. Betreuung braucht sie trotzdem jede Minute. Wegen ihrer Gleichgewichtsstörung sind Unfälle schnell passiert. "Wir waren schon oft wegen Platzwunden im Krankenhaus", erklärt die Mutter.

In der Schule hat sie einen eigenen Stuhl. Er ist dreieckig und hat eine hohe Lehne, so dass Larissa nicht umfallen kann. Larissas Entwicklungsstörung ist verzwickt. Immer wieder lernt sie Dinge. In der nächsten Phase der Regression verlernt sie alles. Im Endstadium der Erkrankung wird die Entwicklung irgendwann stehen bleiben. "Es wäre schön, wenn Larissa mit Hilfe des Tablets lernt, besser zu kommunizieren", wünscht sich die Mutter vom Unterricht in der Schule.

Mama und Papa konnte sie damals schon sagen, das hat sie wieder verlernt.Sabrina Opitz, Larissas Mama


Die KrankheitDas Rett-Syndrom ist eine neurologische Entwicklungsstörung. Sie gehört zum autistischen Spektrum und führt zu körperlichen Behinderungen. Von der Erkrankung sind ausschließlich Mädchen betroffen. Der MEPC2- Gendefekt liegt auf dem X-Chromosom.

In der frühen Kindheit tritt das Rett-Syndrom unvorhersehbar auf. Betroffene Mädchen leiden an Spastiken, epileptischen Anfällen, Demenz oder Skoliose. Was sie an Sprache oder Bewegung erlernt haben, verlernen die Kinder. Sie haben Gleichgewichtsstörungen, keine Feinmotorik und oft kein Schmerzempfinden. Charakteristisch sind die Handbewegungen "washing movements". Durch Therapien kann die Lebensqualität verbessert werden. (szl)

HPZ IrchenriethAn der HPZ-Förderschule wurden dieses Jahr neun Kinder eingeschult. In der ersten Klasse sind acht Schüler. Ein Kind wird in einer anderen Klasse unterrichtet. An der Schule arbeiten rund 30 Kollegen: Lehrkräfte im Förderschuldienst, Referendare, Fachlehrer, Heilpädagogische Förderlehrer und Unterrichtshilfen. Insgesamt werden 143 Schüler in 16 Klassen unterrichtet. (szl)
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