Eltern bringen Kind nach Verbrühungen erst mit Zeitverzögerung ins Krankenhaus
Kein Wort der Reue

Symbolbild (Foto: dpa)

Leon (Name geändert) ist ein halbes Jahr, als er von seinen Eltern in eine Regensburger Klinik gebracht wird. Der Vater sei mit dem "Wasserkocher gestolpert". Das Baby hat Verbrühungen zweiten Grades an Gesicht und Ohren. Ein Jahr später fährt die Familie an einer anderen Regensburger Klinik vor. Wieder ist der Bub am Kopf schwerst verbrüht.

Eine Version des Vaters lautet diesmal, dass er das Kind versehentlich heiß geduscht habe. Ob dahinter Absicht steckte, kann vor Gericht letztlich nicht bewiesen werden. "Die derart verlogene Situation lässt einen schon zweifeln, ob hier jeweils vorsätzliches Verbrühen vertuscht werden sollte", sagt Vorsitzender Richter Gerhard Heindl. Das Schöffengericht verurteilt Mutter (24) und Vater (27) zu je drei Jahren Haft wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen. Es bleibt damit knapp unter der Forderung von Staatsanwältin Sandra Dechant. Berufung ist noch möglich. Hat diese keinen Erfolg, muss das Paar ins Gefängnis.

Das Gericht konnte am Ende nur die Qualen bestrafen, die entstanden, weil Leon nicht sofort ärztlich versorgt wurde. Die Vorfälle ereigneten sich 2013 im Landkreis Tirschenreuth und nach dem Umzug der Familie 2014 in Weiden. Statt einen Notarzt zu holen oder das örtliche Klinikum aufzusuchen, seien die Eltern mit dem schreienden Kind "quer durch die Oberpfalz" gefahren, um das Fehlverhalten vor dem Jugendamt zu verbergen. Heindl: "Dabei weiß jeder, dass kochendes Wasser eine furchtbare Geschichte ist."

Die Fotos, die dem Gericht vorliegen, sind so schrecklich, dass die Verteidiger Dr. Georg Karl und Matthias Haberl an die Schöffinnen appellieren, sich nicht von Gefühlen leiten zu lassen. "Konzentrieren Sie sich auf das, was erwiesen ist."

Erster Fall, September 2013: Die Ärzte des Regensburger Krankenhauses lassen das verbrühte Baby per Helikopter sofort ins Verbrennungszentrum Schwabing weiterfliegen. Dem Stationsleiter dort erzählt der Vater, dass das Kind unter einem Spielebogen am Boden gelegen habe, als er mit dem Wasserkocher gestolpert sei. Diese Szene schildern die Eltern auch der Bezirkssozialarbeiterin in Tirschenreuth, die zufällig doch von dem Vorfall erfährt, weil die Mutter die Fahrtkosten in die Klinik vom Jobcenter erstattet haben will.

Das Paar stand seit der Geburt von Leon, ihrem zweiten Sohn, unter Beobachtung. Aufmerksam war man geworden, als die Mutter das Neugeborene zur Adoption freigeben wollte. Bei der Beratung berichtete sie von Schlägen und Vergewaltigungen durch den Kindsvater. Als das Paar doch zusammenblieb, ordnete das Familiengericht Besuche eines Familienhelfers an. Dieser gab "nur positive Rückmeldungen", sagt die Sozialarbeiterin. Auch die "Stolper-Story" habe sie schließlich geglaubt.

Misstrauische Ärzte


Anfang 2014. Die Familie zieht nach Weiden um. Im August wird Leon in der Weidener Wohnung erneut schwerst verbrüht. Es vergehen Stunden, bis der Junge in ein Krankenhaus gebracht wird. Die Regensburger Ärzte bemerken Widersprüche in den Aussagen der Eltern. Das Verletzungsmuster passt nicht dazu. Ohnehin sei die Mutter extrem launisch aufgetreten. "Sie drohte, alle zu erschießen, auch den Chefarzt." Die Klinik löst polizeiliche Ermittlungen aus. Der Kriminalbeamte bekommt mehrere Versionen serviert: Einmal sagt der Vater, er habe das Kind versehentlich in die heiße Wanne gesetzt. Dann sagt er, der Kleine habe den Wasserkocher von der Anrichte gezogen. Einmal war's die Mutter.

Rechtsmediziner Dr. Stephan Seidl erkennt in den Abrinnspuren klar ein "Überschütten mit heißer Flüssigkeit". Das Kind habe "massivste Schmerzen" erleiden müssen. Seidl untersucht Leon 14 Tage danach. Die Kopfhaut ist mit grau-gelblichen Brocken übersät: "Kopfschwarten-Defektstellen." Ein Lid ist geschwollen. Das Gesicht ist verbrüht, Kinn, Hals, Mund, Nacken, Rücken, die Wirbelsäule runter bis zu den Lenden. Laut Seidl braucht es eine Sekunde bei 70 Grad oder fünf Sekunden bei 60 Grad, um irreversible Schäden herzustellen. Die Schäden bei Leon seien "in gewisser Weise irreversibel".

Und heute? Leon kehrte nie zu seinen leiblichen Eltern zurück. Er zog vom Krankenhaus direkt in eine Pflegefamilie. Die Pflegemutter ist Krankenschwester und kümmere sich liebevoll, berichtet eine Sozialpädagogin des Weidener Jugendamtes. Zweimal am Tag müsse seine Haut gecremt werden, im Winter öfter. Die Narben seien noch sichtbar ("das sieht so marmoriert aus"). Rücken und Hals sind sehr berührungsempfindlich. "Kragen und Schal sind immer ein Problem." Schon bei einem "Zetterl" im Shirt könne sich das Narbengewebe entzünden. Stellenweise wachse das Haar nicht nach. "Sie frisieren das geschickt." Leon ist laut Kinderarzt entwicklungsverzögert. Und die Psyche? "Früher sagte man: kleine Kinder, kleines Trauma. Heute geht man vom Gegenteil aus."

Keine Aussage


Der große Sohn blieb noch bis April 2015 im Haushalt der Frau, bis das Jugendamt auch ihn in Vollzeitpflege nahm. Der Kindsvater ging trotz Kontaktverbot ein und aus. Das Paar führte weiterhin eine von Gewalt gezeichnete On-Off-Beziehung. "Sie hat sich an nichts gehalten", sagt die Familienhelferin. Vor Gericht wirken beide Eltern ungerührt. Kein Wort der Reue. Er nutzt sein Aussageverweigerungsrecht. Sie belastet ihn. In der Vergangenheit ging sie dabei soweit, sich selbst von seinem Handy "gefakte" Drohungen zu schicken.

Die Persönlichkeit der Angeklagten lässt Übles befürchten.Richter Gerhard Heindl
1 Kommentar
Alexander Unger aus Amberg in der Oberpfalz | 28.06.2016 | 12:11  
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