Ernährungswissenschaftlerin Dr. Karin Bergmann beim Freundeskreis Tutzing
"Essen ist doch keine Ideologie"

Essen soll nicht andere Lebensinhalte und Religion ersetzten. Dafür plädiert Dr. Karin Bergmann (links). Dr. Ehrenfried Lachmann begrüßte die Expertin für den Freundeskreis der Akademie Tutzing. Bild: Bühner

Ernährungstrends wechseln wie die Mode. Was gestern noch als richtig galt, ist heute längst überholt. Das Essverhalten wird zum Religionsersatz - meint zumindest Wissenschaftlerin Dr. Karin Bergmann.

Mit einem Thema aus der Alltagswelt der Bevölkerung begann diesmal die Reihe der Herbstvorträge des Freundeskreises Weiden der Evangelischen Akademie Tutzing. "Vegane Grillschnecken, Ernährungstrends als Religionsersatz" war der Abend im Martin-Schalling-Haus überschrieben. Ernährungswissenschaftlerin Dr. Karin Bergmann aus München sprach in dem unterhaltsamen Vortrag über aktuelle Ernährungstrends. Diese würden von ihren Anhängern oft viel zu stark überbewertet. Ernährungslehren bekämen eine zunehmende Bedeutung, während umgekehrt die Religionen Mitglieder verlieren.

Essen aus Hunger


Immer mehr Ernährungs-Literatur, Fernsehshows und spezialisierte Restaurants dokumentierten diese Entwicklung. Für die einzelnen völlig unterschiedlichen Richtungen wirbt jeweils eine lange Reihe von Prominenten. "Essen ist doch keine Ideologie, kein Lifestyle und kein politisches Bekenntnis", kritisierte die Expertin. Und sie empfahl wieder eine andere Wertschätzung gegenüber dem Essen zu entwickeln. "Essen hat zunächst eine physiologische Bedeutung, weil wir Hunger haben."

Andererseits will sie keine Rückkehr zum Essverhalten von vor 40 oder 50 Jahren. Schließlich bekennt sie, selbst Vegetarierin zu sein. Essen sei Ausdruck sozialer Identität, auch von Geschmack und Lebensfreude, und schaffe soziale Identität. Dr. Bergmann fürchtet um den sozialen Zusammenhalt bei Essen und Trinken, wenn die unterschiedlichsten Einstellungen zum Essen zusammentreffen. Diese Trends seien austauschbar und "keine Vertrauensbasis für ein Leben". Trotz unterschiedlicher Inhalte hätten diese jedoch einige Gemeinsamkeiten. So "befriedigen sie das Bedürfnis nach Beistand und Stabilität bei existentiellen Ängsten". und "sie sind fast alle ohne wissenschaftliche Grundlage".

Andere Prioritäten


Für wissenschaftliche Ernährungsaussagen gelte eine EU-Verordnung, die ein Rechtsverfahren vorschreibt. Doch viele machten ungeprüft Aussagen über die Wirkung von Lebensmitteln. Das Glaubensbekenntnis heiße vielfach "Verzicht", stellte Bergmann fest. Sie sieht auch einen Zusammenhang mit der Überflussgesellschaft und fordert "andere Prioritäten".

Anhänger der einzelnen Ernährungstrends müssten sich über die globalen Umweltauswirkungen mehr Gedanken machen. Bald müssten 10 Milliarden Menschen ernährt werden. Es gelte, Abfälle zu reduzieren und die Spanne zwischen Arm und Reich national wie international zu reduzieren sowie die Vielfalt und Biodiversität zu erhalten. "Wir trennen uns von dem natürlichen Verbund der Rohstoffe", sollten die modernen Ernährungstrends überhand nehmen, warnte Dr. Bergmann. Schließlich könne es doch nicht sein "dass künftig das Essen aus dem 3-D-Drucker kommt".

Clean-Eating und SteinzeitdiätAusführlich erläuterte Dr. Karin Bergmann die verschiedensten aktuellen Ernährungstrends: Clean-Eating (unter anderem Nahrung ohne Zusatzstoffe, frisch hergestellt, kein Weißmehl, Zucker und Süßstoff, wenig gesättigte Fette), Steinzeitdiät (Essen der Jäger und Sammler), Veganes Essen (Verzicht auf alle tierischen Produkte) und Selbstoptimierung (ständige Überprüfung und Auswertung eigener Gesundheitsdaten). Die Expertin: "Was noch vor Jahren abgelehnt wurde, ist heute in vielen Produkten enthalten." Beispiele seien die vegane Grillschnecke oder die vegetarische Schinkenwurst und deren Bestandteile. Geschmacksverstärker, Aromen und Farbstoffe seien noch vor wenigen Jahren vehement abgelehnt worden. Doch in den veganen und vegetarischen Produkten seien sie ausdrücklich deklariert. Zur Methode "Steinzeitdiät" sagte Dr. Bergmann, dass es nicht exakt bekannt sei, wie sich die Menschen damals ernährt hätten. Bei der "Selbstoptimierung" formulierte sie ein Negativbeispiel: "Der Kühlschrank geht nicht mehr auf, wenn das Fitnessarmband signalisiert, dass Sie zu wenig gelaufen sind." (sbü)
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