Ersticktes Baby: Mutter wegen Mordes vor Gericht

In diesem Container fand die Polizei am 27. April das tote Neugeborene in einem verknoteten Müllsack. Nach den Ermittlungen hatte die jetzt angeklagte Mutter die Tüte aus dem Kundenwaschraum dort nicht selbst eingeworfen, sondern eine ahnungslose Reinigungskraft. Archivbild: ms

Die 21-Jährige, die im April ihr Neugeborenes in einem Einkaufsmarkt erstickt haben soll, steht ab Freitag, 20. November, vor Gericht. Sie muss sich wegen Mordes verantworten, nicht wegen Totschlags, wie in der Anklage vorgesehen. Wie jetzt bekannt wurde, hatte die Frau das ungewollte Baby eigentlich zur Adoption freigeben wollen.

Weiden/Neustadt/WN. (ca) Die Strafkammer unter Vorsitz von Landgerichtspräsident Walter Leupold sei der Ansicht, dass auch eine Verurteilung wegen Mordes in Betracht kommt, bestätigte am Freitag Landgerichtssprecher Markus Fillinger. Das mögliche Mordmerkmal in diesem Fall: die "grausame" Tötung.

Das Hauptverfahren ist eröffnet, fünf Verhandlungstage sind terminiert. 37 Zeugen werden geladen, darunter vier Professoren. Prof. Michael Osterheider (Regensburg) ist psychiatrischer Gutachter, der während der Verhandlung im Gericht dabei ist. Er hat zudem im Vorfeld - bei Tötungsdelikten Standard - die Angeklagte in der Haft besucht und ihre Schuldfähigkeit beurteilt.

Vier Professoren als Zeugen

Als Zeugen werden weiterhin zwei Rechtsmediziner aus Erlangen erwartet. Prof. Dr. Peter Betz, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Erlangen, und sein Kollege Prof. Stephan Seidl, der die Leichenöffnung vorgenommen hat. Der vierte Professor im Bunde ist ein Experte für Kindermedizin, der unter anderem zum Schmerzempfinden von Kindern Auskunft geben soll. Der Ärzte nicht genug: In den Zeugenstand werden die Gynäkologin der Angeklagten treten, eine Notärztin aus Neustadt/WN sowie ein Oberarzt der Frauenklinik. Weiterhin will das Schwurgericht Familienangehörige, Kollegen und Kripobeamte anhören.

Die Tat ereignete sich am Samstag, 25. April. Laut Anklage befand sich die 21-Jährige aus dem Landkreis Neustadt/WN in der Endphase der Schwangerschaft (38. von 40 Wochen) und hatte am Morgen schon Wehen gespürt. Am Vormittag fuhr sie mit Verwandten zum Einkaufen in den Supermarkt, in dem sie auch beschäftigt war. Dort brachte sie in der Kundentoilette das Kind zur Welt.

Das neugeborene Mädchen war laut Anklage von Oberstaatsanwalt Rainer Lehner lebend und lebensfähig. Die Angeklagte soll dem Baby Papierhandtücher in den Mund getan und es dann in einen Müllsack gesteckt haben, den sie verknotete und in einen Abfallbehälter legte. Eine Putzfrau brachte den Beutel am Abend ohne Kenntnis des Inhalts zum Müllcontainer. Dort fand die Polizei die Babyleiche zwei Tage später. Ärzte des Klinikums waren misstrauisch geworden, als die 21-Jährige wegen starker Blutungen vorstellig wurde. Die Blutungen wiesen auf eine kürzlich erfolgte Geburt hin - nur fehlte der Säugling dazu.

Laut Anklage hatte die ledige Mutter von zwei Kindern (2 und 4) die erneute Schwangerschaft vor ihrer Familie geheim halten wollen. Die Schwangerschaft war erst spät festgestellt worden: bei einem Frauenarzttermin in der 32. Woche, also acht Wochen vor dem regulären Geburtstermin.

Kreisjugendamt kontaktiert

In der Folge soll die 21-Jährige eine Abtreibung erwogen haben. Am Ende entschloss sie sich, das erwartete Neugeborene zur Adoption freizugeben. Zu diesem Zweck nahm sie am 15. April Kontakt zum Kreisjugendamt auf. Es wurde eine Inkognito-Adoption nach Kaiserschnitt im Klinikum Weiden vereinbart. Die Wehen kamen diesem Termin zuvor. Am Morgen der Tat informierte die Angeklagte den Kindsvater, der eingeweiht war, per SMS über die Komplikationen. Sie kündigte an, nach dem Einkauf ins Klinikum zu fahren.

Die Strafkammer ist besetzt mit Vorsitzendem Richter Walter Leupold, den Richtern Matthias Bauer und Dr. Marco Heß sowie zwei Schöffen. Die 21-Jährige wird verteidigt von Rechtsanwalt Christoph Scharf aus der Kanzlei Dr. Burkhard Schulze. Weitere Verhandlungstage sind der 26. und 30. November sowie der 3. und 7. Dezember.
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