Fachtagung zum Thema "Umgangsrecht um jeden Preis?"
Im Zweifel für das Kind

Wenn Verdacht auf sexuellen Missbrauch besteht, hat der Schutz des Kindes Vorrang. Diese klare Aussage gab Professor Dr. Ludwig Salgo (stehend) den Teilnehmern der Fachtagung mit auf den Weg. Organisiert hatte die Veranstaltung der Arbeitskreis "Gegen sexualisierte Gewalt an Kindern" Weiden-Neustadt/WN. Bild: Schönberger

"Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern", heißt es im Grundgesetz. Was aber wenn Eltern bei dieser Aufgabe versagen oder sogar ihr Kind missbrauchen? "Dann hat der Schutz des Kindes eindeutig Vorrang", sagt Professor Ludwig Salgo.

Mit dieser Aussage gibt der Jurist und Seniorprofessor an der Goethe-Universität in Frankfurt/Main seinen Zuhörern eine wichtige Handlungsvollmacht. Knapp 70 Sozialarbeiter aus dem Bereich Jugendhilfe, von Beratungsstellen, privaten Trägern und Jugendämtern hat das Thema "Kinderschutz vor Elternrecht - Umgang um jeden Preis?" angelockt. Denn genau vor diesem Dilemma stehen sie in der Praxis häufig. Der Arbeitskreis "Gegen sexualisierte Gewalt an Kindern" Weiden-Neustadt/WN hat es deshalb zum Thema der Fachtagung 2016 gemacht.

"Schwieriges Thema"


Die findet im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Weiden statt. Als Hausherr begrüßt Landgerichtspräsident Walter Leupold die Gäste und gesteht aus seiner Erfahrung in der Praxis: "Umgangsrecht ist ein schwieriges Thema und meines Erachtens nur einvernehmlich gut zu lösen."

Dass der Spagat zwischen Kinderschutz und Elternrecht schwierig ist, räumt auch der Jurist Professor Ludwig Salgo ein. Diplom-Psychologe Gunter Hannig vom Arbeitskreis "Gegen sexualisierte Gewalt an Kindern" stellt ihn als "Anwalt des Kindes" vor. "Einen Elternführerschein gibt es nicht", sagt der Jurist. "Trotzdem geht die Erziehung in den allermeisten Familien gut." Selbst die Fälle, in denen ein Kind gefährdet sei, würde das Jugendamt noch ohne Gericht gut in den Griff bekommen. "Die übrigen werden zu Skandalen", erinnert Salgo an den Fall Kevin und andere.

Im Grundgesetz werde das Recht der Eltern auf Erziehung sehr hoch eingestuft. Es gewähre Kindern aber ebenso das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Wahrung ihrer Menschenwürde. Der Begriff Kindeswohlgefährdung sei letztlich schwer zu bestimmen. "Der Richter muss hier Kinder und Eltern anhören und er muss diese Fälle beschleunigt behandeln." Der Familienrichter entziehe das Sorgerecht in der Regel nur dann, wenn das Jugendamt dargelegt habe, dass in diesem Fall alle Hilfsangebote versagt hätten. Denn das Jugendamt sei verpflichtet, den Eltern entsprechende Hilfen anzubieten. Der Jurist forderte aber auch ein Recht auf angemessene Aus- und Fortbildung der Familienrichter. "Heutzutage kann jeder nach einem Jahr Tätigkeit als Richter Familienrichter werden. Er muss keine Fortbildung nachweisen."

Falls ein Kind sexuell missbraucht worden sei oder auch nur der Verdacht bestehe, müsse das Umgangsrecht der Eltern zurückstehen. "In diesem Fall wird das Kind durch den Umgang belastet, schlimmstenfalls sogar retraumatisiert", erklärte Prof. Solga. Der Schutz des Kindes habe absoluten Vorrang. "Einer möglichen Entfremdung ist das Risiko der Traumatisierung gegenüberzustellen."

Traumatisches Erlebnis


Zum Thema "Psychotraumatologie des Kindesalters bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch - Kindeswohl und Umgangsrecht" referierte Dorothea Weinberg am Nachmittag. Die Diplom-Psychologin betreibt eine Praxis für Kinder- und Jugendtherapie in Nürnberg und gilt als Expertin für Traumatherapie.
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