Feuerwehr Roggenstein bekommt analoge Funkwecker, die bald unbrauchbar sind
Teuer, veraltet und bald nutzlos

Noch müssen die Feuerwehren auf analoge Funkgeräte zurückgreifen. Sobald auf Digitalfunk umgestellt worden ist, sind die Apparate unbrauchbar. Bild: dpa

Die Feuerwehr Roggenstein bekommt Funkwecker für bis zu 600 Euro das Stück. Die sind analog und somit veraltet. Und sobald der Digitalfunk den analogen abgesetzt hat: unbrauchbar.

Weiden/Amberg. Stellen Sie sich vor, Sie brauchen ein Auto. Ihre Eltern kaufen Ihnen eins, das noch zwei Jahre vom TÜV zugelassen ist. Das aber so umweltverschmutzend ist, dass es nie wieder durch die Hauptuntersuchung kommt. Und stellen Sie sich vor, Ihre Eltern hätten einen Batzen Geld bezahlt - für ein Auto, von dem Sie wissen, dass es in zwei Jahren nutzlos ist.

Keine andere Möglichkeit


Den Verantwortlichen der Feuerwehr Roggenstein geht es so ähnlich. Sechs analoge Funkwecker haben sie vor kurzem von der Gemeinde erhalten. "Unser Kommandant hat gesagt, die Teile kosten zwischen 350 und 600 Euro pro Stück", sagt Wolfgang Kiesbauer, Vorsitzender der Roggensteiner Feuerwehr. Und das obwohl die analogen Funkmelder nutzlos sind, sobald das analoge Funknetz abgeschaltet wird und alles über das Digitalfunknetz läuft, wie Kiesbauer mitteilt. "Das ist Unsinn. Warum müssen die Gemeinden dafür Geld ausgeben?"

Alexander Kleber, stellvertretender Kommandant der Feuerwehr Waldthurn und Ausbilder im Digitalfunk, klärt auf: "Es gibt aktuell keine andere Möglichkeit. Es ist kein digitales Gerät am freien Markt verfügbar." Deswegen müssten die Feuerwehren weiter auf die analoge Alarmierung setzen. Bis es digitale Funkmeldeempfänger gibt. Bis dahin werde man im "Parallelbetrieb" arbeiten: Der Sprechfunk laufe digital, die Alarmierung analog.

Seit 2013 testen Bayern und Hessen die digitale Alarmierung bei Behörden und Organisationen für Sicherheitsaufgaben (BOS), sagt Kleber. "Forschungsarbeit." Laut dem Bayerischen Staatsministerium des Inneren, für Bau und Verkehr haben die ersten zertifizierten Funkmelder bei den Tests ihre Einsatztauglichkeit bewiesen. Aber erst wenn die Geräte zu "100 Prozent" funktionieren, würden sie flächendeckend eingesetzt. Kleber: "Es geht ja um Menschenleben."

Im Ministerium rechnet man, dass die Alarmierung flächendeckend bis Ende 2018, Anfang 2019 eingeführt ist. Ein Sprecher der Projektgruppe DigiNet, die für das BOS-Digitalfunknetz zuständig ist, stellt klar, dass das Innenministerium die Gemeinden nicht verpflichtet, über das BOS-Digitalfunknetz zu alarmieren. Sondern es nur empfehle. "Sollte sich ein Landkreis für eine Alarmierung über andere Funktechniken wie POCSAG entscheiden, muss er allerdings auch die entsprechende Netzinfrastruktur errichten und unterhalten." Und selbst zahlen. Da aber in Bayern alle Sicherheitsbehörden dem Digitalfunk BOS zugestimmt hätten, erwartet die Projektgruppe, dass auch alle über den Digitalfunk alarmieren.

Laut Alfred Weiß, stellvertretender Vorsitzender des Bezirksfeuerwehrverbands Oberpfalz, sei für die meisten Feuerwehren die Umstellung sowieso unbedeutend: "Da ändert sich nichts. Gerade im ländlichen Teil." Dort laufe die Alarmierung über die Sirene, nur die wenigsten hätten Funkwecker.

Weiß kann nur schwer nachvollziehen, warum es noch keine digitalen Funkmelder gibt, warum das so lange dauert. "Ich muss ja immer nachrüsten." Da man wisse, dass die analoge Technik veraltet und bald unbrauchbar ist, müsse man in der Übergangszeit auf gebrauchte Geräte zurückgreifen. Oder Beschaffungen hinauszögern. Weiß zeigt auch Verständnis: "Das ist ja ein Riesenprozess. Seit 2006 sprechen wir über den Digitalfunk. Jetzt, zehn Jahre später, ist er umgesetzt."

Digitalfunknetz wichtiger


Ein Sprecher der Projektgruppe DigiNet stellt klar: "Der Entschluss zum Aufbau eines Digitalfunknetzes in Deutschland für die Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben steht in keinem zeitlichen Zusammenhang mit der Einführung von digitalen Dienstleistungen, kurz: Diensten."

Solche Dienste seien mit den Apps auf Handys vergleichbar. Darunter falle die Alarmierung. Das Digitalfunknetz aufzubauen sei wichtiger gewesen, als die "Dienste" einzuführen. Außerdem biete die Industrie erst seit Mitte letzten Jahres geeignete Endgeräte zur Alarmierung an. "Aktuell stimmt sich das Ministerium mit allen Beteiligten ab, um ab 2018 alle 26 Integrierte Leitstellen für die Alarmierung aufzurüsten."

HintergrundLokale Unterschiede

Im Landkreis Neustadt funken die Feuerwehren immer noch nicht digital. "Ein leidiges Thema", sagt Wolfgang Kiesbauer. Der Digitalfunk verzögere sich, da die Auftragsfirma kurz vor der Fertigstellung pleite gegangen sei. Ab August 2016 laufe der Sprechfunk digital, teilt Alexander Kleber mit. In den Landkreisen Amberg-Sulzbach und Schwandorf sowie in Amberg arbeiten die Feuerwehren seit 4. April 2016 mit dem digitalen Sprechfunk, sagt Alfred Weiß. Der Kreisbrandrat lobt: "Wir haben überhaupt keine Probleme, sind wirklich sehr zufrieden mit der Qualität, mit allem."

Digitale Vorteile

Die digitalen Funkmeldeempfänger bieten laut Projektgruppe DigiNet eine Reihe von Vorteilen gegenüber den analogen. Die neuen Geräte alarmieren die Einsatzkräfte per Textmeldung. Darin enthalten seien wichtige Daten wie Adresse, Meldebild oder Ansprechpartner. Und es gebe die Möglichkeit, eine Empfangsbestätigung zurückzuschicken. Mit analogen Funkmeldern funktioniere das nicht. Außerdem hätten digitale Melder verschiedene "Priorisierungsstufen", die den auswärtigen Einsatzkräften zeigen, ob es sich überhaupt lohnt, auszurücken.

Mobile Möglichkeiten

Warum alarmiert man in Zeiten von alleskönnenden Smartphones nicht über Handys? Weil für die BOS ein Netz nötig ist, über das der Bund die Verantwortung hat, sagt Alexander Kleber. "In einem privaten Anbieter hätte der Bund keine Herrschaft über das Netz. Das verspräche keine hundertprozentige Sicherheit." Aber die Alarmierung über digitale Funkmeldeempfänger funktioniere "ähnlich zu Smartphones, zu einer SMS". (pjut)
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