Filmgespräche befassen sich mit "The Cut"
Ein Volk wandert aus

Das einhellige Urteil bei den "Weidener Filmgesprächen" lautete: verpasste Chance. Die Kritiker hatten doch recht. Regisseur Fatih Akin hätte mehr aus dem komplexen Themen der Armenienfrage machen können.

Die Politik bleibt oberflächlich. Stattdessen erzählt der Film "The Cut" die abenteuerliche Odyssee eines Armeniers auf der Suche nach seinen Zwillingstöchtern. Die Geschichte zieht sich über einen Zeitraum von acht Jahren hin. "The Cut" (2014) wurde am Mittwochabend im "Capitol" gezeigt. "Auf die Armenienfrage hat der Film keine passende Antwort", sagte der Vorsitzende der Katholischen Erwachsenenbildung, Peter Schönberger. "Ich weiß jetzt nicht mehr als vorher."

Erzählt wurde die Geschichte des jungen armenischen Schmieds Nazaret Manoogian aus Mardin, der 1915 von der türkischen Gendarmerie von seiner Familie getrennt wurde und der sich auf der Suche nach ihr machte, nachdem er den Horror des Völkermordes überlebt hatte. Dabei begegnete er engelgleichen und gütigen Charakteren, aber auch dem Teufel in Menschengestalt.

Obwohl einige gezeigte Aspekte recht interessant seien, verliere sich das Thema Völkermord an den Armeniern, kritisierte Veit Wagner. Der Film sei zu lang gestrickt und verlasse das eigentliche Ziel, indem über den Helden Nazarat immer wieder andere, neue Bereiche gestriffen würden. Nazaret der Gutmensch werde zu holzschnittartig dargestellt.

Armenien wurde bereits während des Russisch-Türkischen Krieges im 19. Jahrhundert an den Rand gedrückt, erklärte Diakon Karl Rühl, der zusammen mit Wagner heuer Armenien besuchte. 1918 sei tatsächlich ein Prozess in der Türkei in Gang gesetzt worden, die den Völkermord von 1915 aufarbeiten wollte. "Es gab sogar Gerichtsverhandlungen."

Rühl: "Es gab Angeklagte, es gab Todesurteile." Vor diesem Hintergrund habe er den Film in Teilen schon auch als symbolisch empfunden. Rühl betonte auch die recht unrühmliche Rolle der Kurden beim Genozid. "Die machten sich hinterher ans armenische Eigentum ran." Das armenische Religionsverhalten sei "uns westlichen Christen" völlig fremd, erklärte er. "Die befinden sich, was ihre Religionsausprägung angeht, noch im zweiten nachchristlichen Jahrhundert." Und: Nach ihrem Verständnis gebe es die Erde erst seit 4500 Jahren. Sie seien die einzigen Christen in dieser Gegend.

Der Film biete zu wenige emotionale Grundlagen, sagte Wagner. "Er forscht nicht in die Tiefen." Dennoch wirke er ungemein aktuell vor dem Spiegel der heutigen Flüchtlingssituation. "Wenn man dort die Lager sieht und Aleppo im Hintergrund: Damit ist er heute näher an uns dran, als vielleicht noch vor zwei Jahren."

Drei Viertel emigriert


Akin zeige den Zuschauern eine zeitlose Hölle, die Ähnlichkeiten mit der Gegenwart aufweise. Wie Rühl versicherte, gibt es in vielen Großstädten, auch Istanbul und Jerusalem, armenische Viertel. "Das beweist, dass die armenische Gemeinschaft außerhalb von Armenien liegt." Wagner: "Siebeneinhalb Millionen leben im Ausland, drei Millionen in Armenien."
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