Filmvorführer Wolfgang Graf erzählt aus seinem kuriosen Berufsleben
Dirigent der Killer-Haie und Superstars

Wolfgang Graf an seinem Arbeitsplatz. Als Jugendlicher begann er, im "Scala". Heute ist der 60-Jährige der dienstälteste Filmvorführer Weidens - und kann nebenbei ein paar hervorragende Geschichten erzählen. Bilder: Kunz (2)
 
Lampen wie diese sorgen bei modernen Digitalprojektoren fürs rechte Licht. Allerdings nicht lange. Nach 1000 Stunden müssen sie schon wieder ausgetauscht werden. Im Gegensatz zu den Leuchten an den alten analogen Geräten. Die hielten 4000 Stunden.

Das Kino heißt "Neue Welt". Hinter den Kulissen werkelt allerdings ein alter Hase. Wolfgang Graf ist Weidens erfahrenster Filmvorführer. Wer zu ihm will, muss beweglich sein. Dafür warten aber viele kuriose Geschichten.

Eine ausgediente Küchenzeile, Schreibtisch, Drehstuhl. Der Mann, der im zweiten Stock in der Fichtestraße 6 in seinem engen Büro sitzt, um dort Daten auf seinem Monitor zu kontrollieren, ist Weidens dienstältester Filmvorführer. Wolfgang Graf (60) war früher Großhandelskaufmann in einem Weidener Betrieb und legte nur nebenbei Filmkopien in den Vorführprojektor ein. Als seine Firma pleiteging, sattelte er hauptberuflich um.

Nostalgie, die keiner will


Wer hinauf zu Graf will, muss über eine enge Treppe steigen. Dort eröffnet sich dem Kino-Freak dafür aber ein ganz besonderes Reich. Kleine Guckfenster und jede Menge Technik. Riesige, ausgediente Projektoren - "Nostalgie, die keiner haben will" -, zwei digitale Projektoren fürs "Anker" und fürs "Bambi". Im Erdgeschoss steht ein weiterer Super-Beamer, der das "Neue Welt" bespielt.

Eigentlich war Grafs älterer Bruder Gerhard schuld an Wolfgangs Faible fürs große Kino. "Er arbeitete damals als Platzanweiser im ,Scala' gleich nebenan. Und weil er gelernter Elektriker war, kümmerte er sich auch um technische Sachen." Einmal hat er dann den kleinen Wolfgang mit zur Arbeit genommen. Der war gerade einmal 13 Jahre alt. Trotzdem kann er sich noch genau an den Film erinnern: "Asterix und Kleopatra". Graf durfte zum ersten Mal den Platzanweiser spielen. "Ich war hin und weg und fragte den Besitzer Rudi Wolf, ob ich wiederkommen darf." Durfte er. Es war der Beginn einer dreijährigen Zusammenarbeit.

Augen zu beim Sex


Bald wurde ihm das Geschäft mit der Taschenlampe zu wenig anspruchsvoll. Graf wollte in den Vorführraum. Und Wolf erfüllte ihm den Wunsch. "Allerdings war das damals so, dass im ,Scala' viele Sexfilme liefen. Leichte Sachen waren das. Die Lederhosenfilme." Sachen ab 18. Deshalb sollte sich der jugendliche Filmvorführer auf Anweisung des Chefs im Vorführraum die Augen zuhalten. "Was ich natürlich gemacht habe", erzählt Graf mit einem Augenzwinkern.

Volle Kontrolle


Im realen Leben wird Graf wohl nie mit Matt Damon zusammenkommen. Aber in seinem engen Stübchen ist er dort oben Chef des Superstars. Mit einem einzigen Mausklick könnte Graf Jason Bourne den Garaus machen und dessen Rachefeldzug gegen den CIA stoppen. Er hat in seinem Büro die volle Kontrolle über die großen Stars. Acht Minuten und ein paar Sekunden jagt Bourne noch seine Widersacher. Der Mörder-Hai im "Anker" darf noch zwölf Minuten beißen. Und auch die "Pets" bellen noch eine Weile im "Neue Welt". Das überblickt Graf alles auf seinem PC.

Er ist es auch, der bestimmt, wann das Licht angeht und wann sich der Vorhang im Saal zuzieht. "Alles vorher programmiert." Durch ein kleines Fenster beobachtet er die Platzanweiserin, die durch die leeren Reihen geht. Ein kurzer Wink von ihr in den Vorführraum - und Graf weiß, dass kein Besucher mehr im Saal sitzt und er das Licht jetzt endgültig löschen kann. Bis zum nächsten Tag.

"Das habe ich mir alles selber angeeignet", sagt er. "Ich bin nicht mit Computern und Smartphones aufgewachsen, sondern in einer analogen Zeit." Damals war der Film noch griffig und schwer. Über 37 Kilo wogen die Blockbuster früher. Früher - das war noch vor fünf, sechs Jahren, als die Filme immer mittwochs per Kurier angeliefert wurden. Meistens sieben Spulen, die auf "Bobbies" aufgezogen waren. "So haben wir die Spulkerne genannt."

Jedes Mal, wenn ein neuer Film kam, musste der erst geschnitten und auf zwei, später dann auf eine Großspule gewickelt werden. "Damals sind die Filme auch während der Vorstellung gerissen." Einmal, so Graf, während einer Vorstellung 14 Mal. "Da kommst du ins Schwitzen." Ein Western war das. "Und ich hab die Teile falsch zusammengeklebt. Statt dass er den Colt gezogen hat, hat er ihn in den Halfter gesteckt, der Cowboy. Das kam vor."

Legendärer Umzug


Die Pfiffe aus dem Publikum, die bei Filmrissen Tradition waren, liegen ihm heute noch in den Ohren. Legendär sei der Umzug vom "Neue Welt" ins "Anker", weil einmal der Projektor den Geist aufgegeben habe. "Ich bin runter, hab gesagt, dass der Film im ,Anker' in 15 Minuten aus ist und ich das Ende des ,Neue Welt'-Films im ,Anker' zeigen werde. Die Leute haben mitgemacht. Und wer damals mit dabei war, der erinnert sich heute noch daran." Pleiten, Pech und Pannen, die Nerven wie Drahtseile verlangten.

Rund sechs Wochen habe ein Film damals durchgehalten, "dann war er kaputt und wurde eingestampft". Inzwischen kommen die Filme auf Festplatte. Wie lange sie gezeigt werden dürfen, bestimmt der Verleih. Er hat die Hand drauf. Ist der Film auf dem PC grün markiert, darf er noch weiter laufen. Ist die Markierung rot, ist Schluss. Eine Panne im Digitalzeitalter zu reparieren, sei ungleich schwieriger. "Einmal musste ich abbrechen, und die Leute bekamen ihr Geld zurück."

Ins "Neue Welt" kam Graf, da war er 16. Das "Scala" hatte dichtgemacht. Und die damalige "Neue Welt Lichtspiele"-Besitzerin Ilse Kick (seit 1949) heuerte ihn und seinen Bruder an. Beide wieder im Nebenberuf. "Was haben wir uns reingehängt, das vernachlässigte Kino wieder auf Vordermann gebracht. Schablonen geschnitten, neue Werbeflächen angefertigt."

Kollege Spencer


Kino, das sei damals schon viel mehr gewesen als nur ein Job. "Das ist meine Bestimmung, das ist mein Leben." Später kauften Erika und Helmut Platzer das Kino und boten Graf einen festen Arbeitsplatz an. Heute leitet das Kino deren Tochter Evelyn Nadler in der zweiten Familien-Generation. Enkelin Lisa Nadler steht schon in den Startlöchern.

Nicht nur das Kino habe sich grundlegend verändert, meint Graf. Auch die Filme. "Ich würde mir niemals den neuen ,Ben Hur' anschauen. ,Ben Hur' - das war damals Charlton Heston. Das war ein Film!" Was natürlich seine ganz persönliche Meinung ist. Von all den Filmstars, denen er in den vergangenen 47 Jahren auf der großen Leinwand begegnet sei, hätten sich zwei in sein Herz eingebrannt: Bud Spencer und Terrence Hill. "Als Bud Spencer vor wenigen Wochen starb, war das so, als sei ein guter Kollege gestorben."

Ich hab die Teile falsch zusammengeklebt. Statt dass er den Colt gezogen hat, hat er ihn in den Halfter gesteckt, der Cowboy.Wolfgang Graf
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