Fliegen summen, Schwammerln wachsen
Frühling mitten im Winter

Blütenzauber an Heiligabend: Ringelblumen in einem Garten in der Gemeinde Fensterbach (Kreis Schwandorf). Bild: Houschka
 
In einem Fichtenwald nördlich von Altenstadt fotografierte Pilzberater Norbert Griesbacher an Heiligabend diese Butterrüblinge. Bild: hfz

Der Rasen sprießt, Schneeglöckchen blühen, Fliegen summen, die Schwammerln wachsen: Der Dezember steht zwar als Wintermonat im Kalender, aber längst scheint der Frühling ausgebrochen zu sein. Doch NT/AZ-Wetterexperte Andy Neumaier warnt: "Der Winter ist noch nicht gegessen."

/Amberg. Eine seit Wochen anhaltende südwestliche Höhenströmung beschert selbst der rauen Nordoberpfalz den "wärmsten Dezember seit Messbeginn". So beträgt in Amberg die Abweichung üppige 6 Grad vom langjährigen Mittel (-0,4 Grad), stellt Neumaier fest.

Heuer fiel die Schwammerl-Saison wegen des extrem trockenen Sommers weitgehend aus: Dafür gedeihen die Schwammerln im Dezember in den Oberpfälzer Wäldern. Pilzberater Norbert Griesbacher sichtet Eierschwammerl und Steinpilze. Am Heiligen Abend stieß er zwischen Altenstadt/WN und Windischeschenbach auf den essbaren Butterrübling. "Im Prinzip findet man in unseren Wäldern derzeit alle Pilz-Arten, allerdings nur in geringen Mengen", meint Griesbacher.

In einer der größten Baumschulen Bayerns, die Gärtnerei Punzmann bei Menzlhof (Kreis Neustadt/WN), betrachtet Juniorchef Peter Punzmann "mit Sorge" die Kapriolen der Natur: "Mindestens acht Wochen zu früh" schlagen die Kirschblüten aus, die Schneeglöckchen blühen und bei vielen Bäumen prangen die Knospen. "Das ist der Wahnsinn." Punzmann befürchtet "extreme Kälteschäden", sollte es wirklich zu scharfem Frost kommen.

Einigermaßen gelassen sieht Peter Gach, Abteilungsleiter beim Amt für Landwirtschaft und Forsten, den bisher viel zu milden Winter: "Wir gehen davon aus, dass es noch richtig kalt wird." Frost brauche es zum Abfrieren des Zwischenfrucht-Anbaus. Sollte wider Erwarten die Kälte ausbleiben, drohe 2016 eine enorme Mäuseplage. Schon der letzte milde Winter sei problematisch gewesen.

Die Wildschweine sind kugelrund und fett.Christian Ertl, Leiter der Kreisgruppe Vohenstrauß im Bayerischen Jagdverband.

"Unlustige Situation"


Die ungewöhnlichen Plus-Grade wirbeln Flora und Fauna gehörig durcheinander. Von einer ganz und gar "unlustigen Situation" spricht Christian Ertl, Leiter der Kreisgruppe Vohenstrauß im Bayerischen Jagdverband (BJV). Ertl erwartet im Frühjahr 2016 einen "Höchstbestand an Wildschweinen". Der passionierte Waidmann vertritt 100 Reviere. "Die Wildschweine sind kugelrund und fett." Weil die Kälte fehle, kommen ganz junge Wildschweine gut durch den Winter; Buchen und Eicheln gebe es ohne Ende und für den Abschuss mangle es - trotz Vollmond - am Restlicht, "weil kein Schnee da ist".

Auf der Suche nach tierischem Eiweiß pflügen die Wildschweine Wiesen und Felder um. Besonders betroffen sind Areale, auf denen nach dem Mais jetzt Wintergetreide angebaut wird. Ertl: "Die Wildschweine graben die alten Maiskolben aus und zerstören so ganze Felder. " Der viele Mais für Biogasanlagen verschärfe die Populations-Probleme. Notwendig seien revierübergreifende Drückjagden und eine verbesserte Zusammenarbeit mit den Landwirten.

Winterdienst im Warmen


"Alles, was gegen Kälte schützt, wird nicht gekauft", zieht Christian Fehr, Inhaber eines der größten Sporthäuser in der Region, eine gemischte Bilanz. Auch der Verkauf von Langlaufskiern "findet fast nicht statt". Dafür sei "Elektronik am Handgelenk" - wie Puls-Uhren ohne Brustgurt, Fitness-Bänder u. a. - der große Renner: "Was aber den Umsatzverlust nicht ausgleicht." Trotz der "außergewöhnlichen Wärme" gibt Fehr die Hoffnung auf Schnee und Kälte nicht auf. "Schließlich dauert die Wintersaison bis weit in den März."

Zu den (finanziellen) Gewinnern des Frühlings-Winters zählen neben Hausbesitzern und Mietern, die sich Energiekosten sparen, die Kommunen und der Staat: Am Winterdienst durften sie bisher sparsamst haushalten. So brachte das Straßenbauamt Sulzbach-Rosenberg - zuständig für etwa 2000 Straßenkilometer im Verbreitungsgebiet unserer Zeitung - weniger als 5000 Tonnen Streusalz im November und Dezember aus. "Normal" ist die doppelte Menge. "Die Streufahrzeuge sind meist vorbeugend unterwegs, um auf höher gelegenen Straßen Eisglätte durch überfrierende Nässe zu verhindern", berichtet Abteilungsleiter Stefan Noll.

Kalte Luft aus Norden beendet zum Jahreswechsel - vorerst - den "verrückten Frühling". Wetterexperte Andy Neumaier will sich aber noch nicht festlegen, ob sich ein deutlich kälterer Januar anbahnt: "In solch wirren Klima-Zeiten sind althergebrachte Regeln leider nicht mehr gültig; und so muss man sich stets aufs Neue überraschen lassen."

Wetter wie im AprilWeihnachten 2015 war in den vergangenen 25 Jahren mit 12,0 Grad im Mittel zwar am wärmsten. Mit einer Höchsttemperatur von 13,5 Grad wichen jedoch die Festtage 2012 stärker von der "Norm" ab. Nach Angaben von Andy Neumaier kam es im Dezember bisher zu 7 Tagen mit leichtem Nachtfrost: "Eine Witterung, wie sie sonst Anfang April bei uns herrscht. Kein Wunder, dass sich die Natur entsprechend verhält und munter Blüten austreibt." Statistisch ist es im Januar und Februar am kältesten. (cf)
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