Fluchtpunkt Kino
Großes Interesse an Filmgesprächen zu Flüchtlingsdoku

Über Flüchtlinge in der Stadt diskutierten (von rechts) OB Kurt Seggewiß, Jost Hess, Pfarrersgattin Claudia mit Mann Herbert Sörgel, Integrationsbeauftragter Thomas Hentschel sowie Peter Schönberger von der Katholischen Erwachsenenbildung.
 
"Wir haben verdammt noch mal die Pflicht, das Geld dort einzusetzen, wo die Fluchtursachen geschaffen worden sind. Und das vermisse ich", sagt Jost Hess vom AK Asyl. Dabei will er gar nicht mehr so viele Worte beim Filmgespräch verlieren. Denn: "Wir reden und reden, aber wir handeln nicht." Bilder: Kunz (2)

Es zählte zu den meistbesuchten Filmgesprächen überhaupt. Welcher Film das Publikum so sehr ins Neue-Welt-Kinocenter zog? Der Dokumentarstreifen "Willkommen auf Deutsch", der so nah dran ist an der Problematik, die gerade alle umtreibt: Wie gehen wir mit Flüchtlingen auch in unserer Region um?

"Die Menschen kommen aus einem vollkommen fremden Kulturkreis. Sie sind sehr dankbar, wenn sie sich mit uns austauschen dürfen. Sie haben wirklich ein Riesenbedürfnis, unsere Kultur kennenzulernen." Oberbürgermeister Kurt Seggewiß ermunterte die Bevölkerung, offenen Kontakt zu den Flüchtlingen zu suchen.

Zuvor hatte sich der Rathauschef mit anderen den Dokumentarfilm "Willkommen auf Deutsch" angesehen. Wie Seggewiß am Mittwochabend bei den Weidener Filmgesprächen im Neue-Welt-Kinocenter erläuterte, ist die Stadt verpflichtet, 4,4 Prozent aller Flüchtlinge, die dem Regierungsbezirk zugewiesen werden und einen anerkannten Status haben, aufzunehmen. Nicht eingerechnet seien die Leute in der Erstaufnahmeeinrichtung. "Hier helfen die Kommunen dem Staat, weil der keine Kapazitäten hat."

An der Diskussionsrunde beteiligte sich der evangelische Pfarrer von Flossenbürg, Herbert Sörgel, mit Gattin Claudia. Beide hatten kürzlich drei Männern Kirchenasyl gewährt (wir berichteten). Ferner der Integrationsbeauftragte der Stadt Weiden, Thomas Hentschel, und Jost Hess vom Arbeitskreis Asyl (siehe Infokasten). Moderiert hat die Runde der Vorsitzende der Katholischen Erwachsenenbildung, Peter Schönberger.

"Natürlich hat man Erwartungen", berichtete Claudia Sörgel über ihr sechs Monate langes Zusammenleben mit den drei Flüchtlingen. Die manchmal auch enttäuscht würden. "Das war aber bei den eigenen Kindern nicht anders." Aber ans Herz gewachsen seien sie ihr doch.

Enger zusammenrücken


Der OB sprach von einer gigantischen Helferschaft in der Stadt. Viele hätten Patenschaften übernommen. Andere begleiteten Flüchtlinge bei Behördengängen. "Die Notunterkunft in der Mehrzweckhalle macht mir Sorgen. Bis Mittwochabend sind dort 190 Menschen untergebracht. Die Hälfte davon alleinstehende Männer, voll im Saft. Die andere Hälfte Familien mit Kindern." Am Donnerstag kam wieder ein Bus mit 50 Leuten. Der OB: "Mir bleibt nichts anderes übrig, als die Pritschen noch enger zusammenzurücken."

Andere Hallen habe er nicht. Und das Postgebäude? Hier sei ihm ein Weidener Investor beinahe schon mal in den Rücken gefallen, der über seinen Kopf hinweg mit der Regierung verhandelt habe. "Gottseidank konnten wir das noch abwenden." Das alte Postgebäude sei gänzlich ungeeignet. "Ich möchte die Leute schon menschwürdig unterbringen." Und eine weitere Turnhalle? "Hält das die Stadtgesellschaft noch aus?" Als man die Mehrzweckhalle belegt habe, habe man von 200 000 Flüchtlingen gesprochen. Inzwischen seien es über eine Million. Tendenz: nicht abnehmend. Und: "Wir haben mittlerweile Köln gehabt."

Abwehrhaltung nimmt zu


Auch in Weiden merke man eine deutlich zunehmende Abwehrhaltung. Hentschel erläuterte die nicht immer leicht nachvollziehbaren rechtlichen Vorschriften bei der Unterbringung von Flüchtlingen, speziell von unbegleiteten Jugendlichen.Jost Hess vom Arbeitskreis Asyl appellierte beim Filmgespräch eindringlich, vernünftig über das Asylproblem nachzudenken. "Es kamen im letzten Jahr Menschen zu uns, die aus Foltergebieten geflüchtet sind." Wer aus Syrien komme oder als Jeside aus dem Irak, der habe bei uns noch die Chance zu überleben. "Dort hätte er sie nicht gehabt."Aus Afghanistan flüchteten Menschen, für die es in ihrer Heimat, gerade wenn sie sich in Nähe des westlichen Militärs aufgehalten hätten, lebensgefährlich sei. "Es kommen Leute aus Eritrea, einem Land, das den Zuständen in Nordkorea entspricht, wo junge Männer einen nicht enden wollenden Kriegsdienst leisten müssen."

"Es kommen also Leute, die in Lebensgefahr sind. Und da können wir nicht einfach sagen: Da kommen Millionen." Hess: "Wir müssen was tun, dass sich in diesen Ländern was ändert. Und wenn es in Jordanien und im Libanon Syrer gibt, die in der Nähe ihres Landes bleiben wollen, in der Hoffnung, dass sich die Situation dort wieder zum Besseren ändert, dann sollten wir endlich anfangen, das versprochene Geld in diese Lager zu schicken, damit diese Leute überleben können."

"Die großen internationalen Hilfsorganisationen klagen, dass sie nur 40 Prozent der Mittel bekommen hätten, die ihnen zugesagt wurden. Im Übrigen auch seitens der Bundesrepublik." Wen wundere es da, wenn diese Menschen sagten: "Hier halten wir es nicht mehr aus." In den Lagern gebe es keine flächendeckenden Schulen mehr für Kinder, die Gesundheitsversorgung sei marode, es gebe nichts mehr zu essen. "Und da wundern wir uns. Wir haben verdammt noch mal die Pflicht, das Geld dort einzusetzen, wo die Fluchtursachen geschaffen worden sind. Und das vermisse ich." Hess: "Wir reden und reden, aber wir handeln nicht."
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