Folgen einer Psychose führen in einem Ort bei Neustadt/WN zu zwei Verletzten
36-Jährige terrorisiert das halbe Dorf

Weiden/Neustadt. Ein ganzes Dorf nahe Neustadt/WN litt 2015 unter den Psychosen einer Bewohnerin. Die verheiratete Diplom-Ingenieurin (36) attackierte im Prinzip jeden, der in Feld, Wald und Flur ihre Wege kreuzte. Jogger, Radler, Boarder, Reiter. Als die Situation im Sommer in zwei gefährlichen Körperverletzungen gipfelte, schritten die Behörden ein. Die Oberpfälzerin kam im August in die geschlossene Psychiatrie. Drei Beamte waren nötig, um die 1,60-Meter-Frau zu bändigen. Jetzt steht sie vor Gericht. Zentrale Frage: Kann sie wieder auf die Öffentlichkeit losgelassen werden?

Am schwersten wiegen die zwei Angriffe, bei denen es Verletzte gab. Zunächst traf es einen Nachbarn. Der Industriemeister (49) ließ am Feldrand seinen Modellflieger steigen, als die Nachbarin zeternd auf ihn zukam. Spuckte, schlug, kratzte. Der Mann blieb so passiv wie möglich. "Ich hatte mehrere Attacken hinter mir." Eine davon war mit einer Geldstrafe geahndet worden. Ein Bauer beobachtete beim Heuwenden, wie die Frau "mit dem blumerten Hut" über die Wiese auf den Modellflieger zustapfte. Später sah er die blutigen Kratzer am Arm des Mannes: "Wie kann man so scharfe Fingernägel haben?" Die Narbe sieht man noch.

Die zweite gefährliche Körperverletzung ereignete sich 14 Tage später auf dem Radweg zwischen Edeldorf und Neustadt. Eine Krankenschwester radelte vom Dienst nach Hause, als sie von der 36-Jährigen zu Boden gerissen wurde. Die Angreiferin trat ihr unter Beschimpfungen in die Rippen und schlug mit einem Schlüsselbund auf sie ein. Die Folgen: Schädel- und Thorax-Prellungen.

13-jährige Zeugen


Etliche Zeugen aus dem Ort und dem Umland treten vor Gericht. Und dabei handelt es sich nur um die Vorfälle, die polizeibekannt wurden. Die jüngsten Zeugen sind 13 Jahre alt und hörten damals nicht jugendfreie Schimpfwörter. "Wir wollten heim und haben gar nichts getan", sagt einer der beiden Gymnasiasten, die mit ihren Long-Boards unterwegs waren. Einer Joggerin aus Neustadt warf die Beschuldigte Steine hinterher. Die Bürokauffrau (43) spurtete heim, "so schnell ich konnte." Auch eine Studentin hoch zu Ross wurde unflätig in die Flucht geschlagen.

Die 36-Jährige ist aufgrund paranoider Schizophrenie schuldunfähig. Haft scheidet aus. Heute muss die 1. Strafkammer unter Vorsitz von Walter Leupold entscheiden: Unterbringung oder Unterbringung auf Bewährung? Laut Staatsanwalt sind infolge ihres Zustandes weitere Taten zu erwarten. Aber die 36-Jährige ist in der psychiatrischen Klinik Taufkirchen medikamentös so gut eingestellt worden, dass keine Symptome mehr auftraten. Das bestätigt eine Psychologin.

Wie das wäre, wenn die Patientin plötzlich wieder in Freiheit käme, will Leupold wissen. "Ich kann nicht in die Zukunft sehen", ist die Psychologin vorsichtig. Zum einen sei die Klinik eine "behütete Umgebung". "Wenn man mit dem ganzen Ort verstritten ist, könnte es schwierig werden." Zum anderen sei die Krankheitseinsicht "nicht fundiert". Davon gibt die Patientin selbst eine Kostprobe. Sie schildert zwar anschaulich ihre Psychose. Stress führe bei ihr zu einem Dopamin-Überschuss. "Alltägliche Reize werden als sehr bedrängend empfunden." Das Medikament filtere diesen Überschuss.

Die Schuld an ihren Ausfällen gibt sie am Ende aber doch wieder den Bewohnern. "Ich bin sehr enttäuscht, was in dem Dorf passiert ist." Sie und ihr Mann hätten sich ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn aufbauen wollen. Ihr Ehemann kündigt an, dass man "in nächster Zeit" wegziehen wolle. "Das war dort nicht das Tüpfelchen auf dem i." Ob das eine Lösung ist? Leupold: "Möglicherweise werden die Probleme bloß verlagert: von Ort A in Ort B."

Die Medikamentengabe wäre zumindest gesichert. Die Frau bekommt alle zwei Wochen unter ärztlicher Aufsicht eine Depot-Spritze verabreicht. Ihr Berufsbetreuer organisiert zudem betreutes Wohnen: Ein Sozialpädagoge würde die Frau regelmäßig aufsuchen. Der Landgerichtspräsident bittet den Nachbarn, der 36-Jährigen gegebenenfalls noch eine Chance zu geben. Der hadert nicht lange: "Ich bin nicht nachtragend. Es war schon immer mein Anliegen, dass man dieser Person hilft."

Fluchend in der Sauna


Nicht unbekannt ist die 36-Jährige auch in Saunen der Region, wo sie mit ihren Flüchen für Unruhe sorgte. Als sie im Sibyllenbad einem Badegast die Brille zerdepperte, kam es auch hier zur Anzeige.

Möglicherweise werden die Probleme mit einem Umzug bloß verlagert: von Ort A in Ort B.Richter Walter Leupold
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Stephanie Egger aus Neustadt an der Waldnaab | 04.03.2016 | 11:58  
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