Fortsetzung des Verfahrens gegen Oliver H. wegen Totschlags an einem Neunjährigen
"Wie ein Zinnsoldat"

(Foto: dpa)

Die Verblüffung kann größer nicht sein. Oliver H., angeklagt des Totschlags an einem Neunjährigen, hielt sich eine Art Harem. Fast alle Frauen waren alleinerziehend und labil. Hier konnte der 34-Jährige seine Macht ausspielen: Er, die Krone der Schöpfung. Sie, die schwachen Versager.

Eine nach der anderen sagt am Donnerstag und Freitag vor der Schwurgerichtskammer aus. Fünf Frauen. Eine 30-jährige Mutter von drei Kindern hat so viel Angst vor dem Angeklagten, dass ihn das Gericht aus dem Saal bringen lässt. Sie hatte den Angeklagten mit seinem Sohn im Juli 2014 zum Frühstück eingeladen. Oliver H. hatte Maximilian dabei, auf den er während der Kur der Mutter aufpasste. Um 9.15 Uhr kamen die Gäste, erinnert sich die Frau. Maximilian K. musste sich sofort in die Ecke stellen und mit Blickrichtung zum Tisch stehen bleiben. "Alle haben gefrühstückt, er nicht. Und um 10 sind sie wieder gefahren."

"Und da blieb er stehen?", kann es Richter Markus Fillinger nicht fassen. Ja, sagt die blasse Blondine. Sie steht auf und macht es nach: Sie zieht die Schultern hoch, lässt die Arme hängen und faltet die Hände vor dem Körper. Der Kopf gesenkt, der Blick zum Boden. "Und dabei hat er immer so geblinzelt." Sie flattert mit den Augenlidern. Sie erzählt von einem Freibadbesuch, bei dem Maximilian neben der Decke sitzen musste. Von einem Filmabend für die Kinder, bei dem Maximilian 90 Minuten hinter der Tür ausharren musste.

Landgerichtspräsident Walter Leupold und Verteidiger Ulrich Dost-Roxin sind sich einmal einig. "Ich hätte mein Temperament da nicht zügeln können. Warum haben Sie nichts gesagt?", fragt Leupold. Aus Angst, sagt die Frau. Darauf der Berliner Anwalt: "Aber dann essen Sie gebackenen Blumenkohl miteinander? Das geht einfach nicht in mein Gehirn rein."

Die meisten Frauen kannten den schlanken 1,85-Mann aus der Kinderkrippe und fanden ihn anfangs "supertoll". "Er hatte alles so gut im Griff." Spendabel und charmant. Später störten sie sich an seinem autoritären Stil, den er auch an ihnen anwandte. Einer Freundin öffnete er die Tür nicht, weil sie fünf Minuten zu spät kam. Die andere warf er raus, weil sie den Müll nicht trennte. Zeitweise wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen, um intime Dinge zu klären. Nicht zum ersten Mal in diesem Prozess: Auch als ein väterlicher Freund (77) des Angeklagten in den Zeugenstand tritt, wird nichtöffentlich gesprochen. Es geht um die Kontaktaufnahme des 77-Jährigen zum Angeklagten vor etwa 15 Jahren.

Die Jungs nennen den Mann "Opa", auch wenn er keiner ist. Dieser Mann, der ebenfalls aus Sachsen-Anhalt stammt und später in die Oberpfalz zog, ist im Leben des Angeklagten eine feste Größe. Bei ihm brachte Oliver H. nach dem Tod von Maximilian den eigenen Sohn unter. Im Auto des 77-Jährigen sagte der Siebenjährige einen denkwürdigen Satz: "Maxi hat sich selbst erschlagen, weil er nicht mehr leben wollte." "Opa" bestätigt vor Gericht - widerstrebend - seine belastenden Aussagen bei der Kripo. Ihm war bei Oliver H. ein Handstaubsauger auf dem Kühlschrank aufgefallen. "Er war so installiert, dass Maximilian nicht heimlich die Tür öffnen konnte."

"Punkteplan" zur Erziehung


Sein Hunger blieb auch in der Schule nicht verborgen. Kaum war die Mutter auf Kur, habe sich Maximilian aus den Brotdosen der Mitschüler bedient. Er wühlte auf dem Pausenhof im Abfall. "Ich habe ihm eine Leberkässemmel gekauft", erinnert sich die Schulbegleiterin. Am gleichen Tag stand der Angeklagte in der Schule und verbat sich eigenmächtige "Belohnungen". Er wende einen "Punkteplan" aus dem Kinderzentrum an, der nicht unterlaufen werden dürfe. Parallel ging ein Fax der Mutter ein: "Es hat keine Abweichungen zu geben: kein Essen, kein Umarmen, kein positives Zureden."

Er hatte extrem Hunger, suchte im Müll nach Essbarem. Ich habe ihm dann eine Leberkässemmel gekauft.Schulbegleiterin

Die Lehrerin schildert Maximilian als anfangs "aufgeschlossen, freundlich, redefreudig". Nach Pfingsten wurde er immer stiller, spielte nicht mehr mit den anderen. "Man ist an den Buben nicht mehr rangekommen", sagt der Sportlehrer. Der Ergotherapeut war "total verwundert" über die Verwandlung des Umtreibers. "Er war wie ein Zinnsoldat."

Weitere Zeugen, weitere BeweiseNach Prozessbeginn haben sich zum Tod von Maximilian H. drei weitere Zeugen aus Vohenstrauß gemeldet. Sie werden an den vier Verhandlungstagen nächste Woche (Montag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag) eingeschoben. Des weiteren lädt das Gericht die behandelnden Ärzte aus dem Kinderzentrum München nach. Dort hatten sich der Angeklagte und die Kindsmutter bei einer Therapie ihrer Söhne 2010 kennengelernt. Von dort soll der "Punkteplan" stammen.

Inzwischen sind zwar die rüden Erziehungsmethoden des Angeklagten gesichert. Aber die Todesnacht bleibt diffus. Die Mutter berichtet von Schlägen des Angeklagten im Bad. Der Angeklagte bezichtigt die Mutter, mit dem Duschkopf zugeschlagen zu haben. Staatsanwalt Rainer Lehner hat jetzt diesen Duschkopf sicherstellen lassen. Die Rechtsmedizin Erlangen prüft, ob er als Tatwerkzeug in Frage kommt. Dort wurde auch das Gutachten zur Todesursache gemacht. (ca)


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2 Kommentare
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Ludwig Dierl aus Waidhaus | 25.10.2016 | 17:10  
6
Manuela Kargl aus Weiden in der Oberpfalz | 10.11.2016 | 18:58  
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