Fünf Gramm Tabak im Nasenloch
Wer niest, wird geschnupft

Das Nasenloch von Horst Straka (rechts) ist von dem vielen Tabak ausgebeult. Fünf Gramm versucht der Latscher beim wöchentlichen Training in Neunkirchen in dem Sinnesorgan unterzubringen. Ziel ist es, in einer Minute mehr als Sohn Andreas zu schaffen. Bilder: Spitaler (5)
 
Mit einem Pinsel wird das Pulver, das auf die Serviette gefallen ist, feinsäuberlich in die Dose gefegt.
 
Vorher, nachher: Was von den fünf Gramm Schmalzler (rechts im Bild) übrig bleibt (links), wird gewogen. Wer sich davon am meisten in die Nase gestopft hat, gewinnt das Training und den Wettkampf.

Mit stumpfsinnigem Nasebohren hat der Schnupfer-Sport nichts zu tun. Stattdessen geht es um Ästhetik, Geschick und Schnelligkeit. Jeden Freitag trainiert der Schnupferclub Latsch für Wettkämpfe. Eine Frau hat dabei meistens die Nase vorne.

Latsch. Vorsichtig schaufelt Horst Straka mit dem Zeigefinger kleine braune Häufchen, die aussehen wie Mini-Maulwurfshügel, aus einer Dose und bugsiert sie zum Nasenloch. Mit roten Wäscheklammern hat sich der Vorsitzende des Schnupferclubs ein beschichtetes Papier um den Hals geheftet, das sich wie ein langer weißer Latz über dem Tisch ausbreitet. Nur wenige dunkle Krümel sind darauf verstreut. Neben Straka sitzt sein Sohn Andreas. Auch er stochert mit dem Finger in einer Dose und versucht, noch mehr von dem Tabak in seinem Nasenloch verschwinden zu lassen als sein Vater. Rudi Straka, der ältere Bruder, stoppt die Zeit. 60 Sekunden haben die Männer, um sich fünf Gramm Schnupftabak in die Nase zu stopfen. Wer am meisten schafft, gewinnt.

Papier abpinseln


Seit 1964 gibt es den Schnupferclub Latsch. "Wir saßen zu viert im Wirtshaus. Am Tisch lag zufällig eine Schnupferdose, deshalb sind wir ein Schnupferclub geworden", erzählt Gründungsmitglied Günther Magerl. Der Verein sollte zunächst nur der Geselligkeit dienen. Wäre ein Schnuller auf dem Tisch gelegen, wäre es der Schnullerclub, ist sich Magerl sicher und zwinkert. Von den 163 Mitgliedern schnupfen zwölf bei sechs Wettkämpfen pro Jahr. Bis in die Schweiz fahren die Latscher dafür.

"Wir haben auch Damen dabei", berichtet Andreas Straka. Bettina Ochs sei die Beste im Verein. An fünf Gramm komme sie für ihre Gegner gefährlich nah ran.

Den Tabak, der auf das Papier gerieselt ist, fegt Rudi Straka penibel mit einem Pinsel in die Dose zurück. Dann wird gewogen. "Die Waage zeigt bis drei Stellen nach dem Komma an", erklärt Andreas Straka, der wie sein Bruder seit der Jugend im Schnupferclub Mitglied ist. "Wir sind da reingewachsen", meint er. Das Ergebnis notiert der 30-Jährige auf das Gramm genau und mit Namen in seinen Block. Dann ist das nächste Übungspaar an der Reihe.

Bettina Ochs schmiert sich eine Salbe um die Nase, bevor sie sich auf den Platz neben Rudi Straka setzt. Die Wund- und Heilsalbe soll verhindern, dass die Nase zu arg gereizt wird. Während das Kommando "Schnupfer fertig machen, Dosen öffnen, Achtung, fertig los" ertönt, klopft Ochs mit der hinteren Ecke der Dose immer wieder leicht auf die Tischfläche. "Dann ist es leichter, den Tabak auf den Finger zu bekommen", kommentiert Horst Straka. "Beim Schnupfen geht es um Geschicklichkeit, dass nichts hängen bleibt, die Finger sauber sind."

Geruchsneutrale Öle


Ist der Tabak, der Schmalzler genannt wird, kühl gelagert, bleibe das Pulver besser an der Nase kleben. Zu pfefferig sollten die Körner auch nicht sein. Der Schmalzler, der geruchsneutrale Öle beinhaltet, habe mit den aromatischen Tabaken von Genussschnupfern nichts zu tun, betont der Vorsitzende. Der Schnupftabak sei nasenfreundlich und für das Training oder den Wettkampf geeignet. "Alle anderen gehen auf die Nasenschleimhäute", weiß Magerl.

"Bichert?", fragt Straka Ochs, die von ihrem Stuhl aufspringt und mit vorgehaltener Hand aus der Wirtsstube im Kummerthof läuft. "Kann ich nicht sagen. Ich bin so verrotzt", näselt sie. Auf ihrer Oberlippe hat sich das Pulver zu einem Bärtchen geformt. "Es gibt welche, die aufstehen und sauber sind. Wahnsinn", sagt der Vorsitzende. Die Fünf-Gramm-Marke knackt Ochs an diesem Abend nicht ganz, aber 4,87 Gramm hat sie in ihrer Nase untergebracht. "Man schafft 4,50 Gramm und dann hängt man Jahre fest, bis der Knoten platzt", erzählt Straka von der Geduld, die man beim Schnupfen brauche. "Wenn man den Balken übersprungen hat, bleibt man auf dem Level." Oft komme es auch auf äußere Bedingungen an, wie: Ist der Finger trocken oder feucht?

Nach dem Training marschieren die Schnupfer zu einer Tonne im Hof. Auf dem blauen Plastiksack kleben braune Pulver-Sprenkel. Mit dem Finger halten sich die Mitglieder ein Nasenloch zu, dann wird der Tabak mit Schwung in den Eimer katapultiert. Die letzten Brösel fischen sich die Mitglieder schließlich im Bad vom T-Shirt. (Angemerkt)

RegelnDie Wettkämpfe im Schnupfer-Sport richten sich nach bestimmten Regeln:

Bei einer Schnupfmeisterschaft sind von jedem Mitgliedsverein sechs aktive Schnupfer zugelassen. Die vier besten Aktiven werden für die Mannschaft gewertet.

Sechs Punktrichter und ein Oberschiedsrichter beurteilen unter anderem die Sauberkeit und die Menge des Tabaks, die übrig bleibt.

Es dürfen nur Schmalzlertabake verwendet werden.

Es dürfen nur ein oder zwei Finger benutzt werden.

Es müssen fünf Gramm in 60 Sekunden geschnupft werden.

Tabak, der auf die Serviette fällt, darf nicht mehr geschnupft werden. Pulver, das in die Innenhand fällt, darf wieder in die Dose geschüttet werden.

Erst wenn der Punktrichter die Hände abgepinselt hat, darf der Schnupfer aufstehen.

Wer niest, wird disqualifiziert. (spi)

Kommentar von Anne Spitaler: Ein Selbstversuch

Schnupfen ist nicht mein Ding, es ist irgendwie eklig und was für ältere Wirtshausgänger: Vorurteile, die ich vor meinem Termin beim Schnupferclub Latsch hatte. Dort war ich allerdings plötzlich fasziniert von dem Sport - ja, das ist das Schnupfen nämlich tatsächlich. Ich musste nicht nur ein Tabak-Bärtchen auf meiner Oberlippe balancieren und Fingergymnastik beherrschen, sondern auch noch fünf Gramm Schmalzler in Höchstgeschwindigkeit in mein Nasenloch katapultieren.

Gar nicht so einfach, wenn man vorher nur probeweise den Schnupftabak des Kollegen benutzt hat. Die erste Hürde war schon, das Pulver auf den Finger zu schaufeln. Beim ersten Versuch war der Fingernagel leer, bis er an der Nase angelangt war. Als das eine Nasenloch schließlich doch voll war, wollte ich den Rest im anderen unterbringen. Ein Tipp: Beim professionellen Schnupfen nicht vergessen, durch den Mund zu atmen. Weil ich nicht gleich auf diese glorreiche Idee gekommen bin, landete die Hälfte des Tabaks beim Ausatmen auf dem Latz vor mir. Das Ergebnis der Waage: 1,09 Gramm und ein tröstendes Lächeln der Profi-Schnupfer.

anne.spitaler@derneuetag.de
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