Fünf Jahre Luftrettung in Weiden
Christoph 80: Hoch soll er leben

Christoph 80 rettet seit fünf Jahren Leben. Das macht der Hubschrauber der DRF-Luftrettung auch am Freitag, seinem Ehrentag. Während über 200 Gäste ihn feiern, piepst der Einsatzwecker. Nur eineinhalb Minuten später heben Pilot, Rettungssanitäter und der Notarzt, der zuletzt einsteigt, in Richtung Vilseck ab. Der Grund für den Einsatz: Ein Kind bekommt keine Luft mehr.
 
"Als ich den Hubschrauber hörte, habe ich wieder den ersten Schnapperer Luft gekriegt", erzählt Karl Schätzler (Mitte) im Gespräch mit Jürgen Meyer (links). Im Mai rettete ihm die Christoph-80-Crew das Leben. Hinten steht Robert Schmid, Chef der Rettungssanitäter in Latsch.
 
Über fünf Jahre Luftrettung in Weiden unterhalten sich (von links) Landrat und Zweckverbandsvorsitzender Andreas Meier, Jürgen Meyer, Moderator und stellvertretender Leiter der Integrierten Leitstelle, Matthias Wenig, Bereichleiter der Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände Bayern, Steffen Lutz, Vorstand DRF-Stiftung Luftrettung, Alfred Rast, Geschäftsleiter des Rettungszweckverbandes, und der Vorstand der Kliniken Nordoberpfalz AG, Josef Götz. Bilder: Götz (3)

Seit fünf Jahren ist der Rettungshubschrauber der DRF-Luftrettung in Latsch stationiert. Nun trafen sich über 200 Ehrengäste, um dieses Jubiläum zu feiern. Am Ende aber stiehlt ihnen allen ein Mann die Schau: Flugbeobachter Karl Schätzler, der unter Tränen schildert, wie er morgens noch mit der Hubschrauber-Crew frühstückte, um später von ihr gerettet zu werden.

Im Hangar steigt die Geburtstagsfeier. Bundes-, Landes- und Kommunalpolitiker, Vertreter der Rettungsdienste, Krankenkassen sowie aus der Medizin und Geistliche feiern mit. Nur der Jubilar selbst muss draußen bleiben: Der Rettungshubschrauber Christoph 80 steht auf der Landeplattform vor der Halle - bereit für den nächsten Einsatz. Wie seit nunmehr fünf Jahren.

Rückblick: 1981 berichtete "Der neue Tag" zum ersten Mal von Überlegungen, einen Rettungshubschrauber in Weiden zu stationieren, weiß Steffen Lutz, Vorstand der DRF-Stiftung Luftrettung. Konkret wurde es erst 2010, nach einem positiven Gutachten des Instituts für Notfallmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, erinnert Alfred Rast, Geschäftsleiter des Rettungszweckverbandes. Nur ein Jahr später, am 1. April 2011, startete Christoph 80 erstmals an der DRF-Luftrettungsstation in Latsch.

"Nicht mehr wegzudenken"


Seitdem ist der Hubschrauber für eine halbe Million Einwohner der nördlichen Oberpfalz ein schneller Retter in der Not. Bis heute ist er 6000 Einsätze geflogen. "Er hat 6000 Mal Leben gerettet", meint Moderator Jürgen Meyer. Für Andreas Meier, Landrat und Vorsitzender des Rettungszweckverbandes, zeigt dies: "Der Rettungshubschrauber ist hier nicht mehr wegzudenken. Wenn wir diese Einsatzzahl anderweitig decken müssten, hätten wir ein logistisches Problem." 1004 Einsätze schlugen im ersten Jahr 2011 zu Buche. 2015 waren es bereits knapp 1400. Einer davon war ein ganz besonderer. Das wird deutlich, als Karl Schätzler vor über 200 Ehrengästen im Hangar ans Mikrofon tritt. Der Luftbeobachter zählt zum Team der Rettungsstation. Seit 28. Mai 2015 zählt er auch zu den Patienten, die die Crew in den vergangenen fünf Jahren gerettet hat.

Was passiert ist? Der Tag begann mit einem Frühstück in der Luftrettung Latsch. "Dann ging's in der Freizeit in den Stodl, um den Heuboden zu reparieren", erinnert sich der Mallersrichter. "Und: Ich habe einen drei Jahre alten Sohn." Tränen schießen ihm in die Augen, die Stimme stockt. "Plötzlich bin ich durch morsche Bretter vier Meter in die Tiefe gestürzt und mit dem Arsch auf dem Boden gelandet", presst er hervor. Schätzler verlor das Bewusstsein. "Als ich wieder zu mir kam, wollte ich aufstehen, aber es ging nicht." Zudem bekam er kaum noch Luft. Seine Mutter wählte schließlich die 112, um ihn dann mit dem Besen abzukehren. "Wie du ausschaust, kann man doch keinen kommen lassen", sagte sie. Dann vernahm Schätzler Fluglärm. "Als ich den Hubschrauber hörte, habe ich wieder den ersten Schnapperer Luft gekriegt." So erleichtert sei er gewesen und so sicher, dass jetzt alles gut wird.

"Zum Glück hat die Rettungsleitstelle sofort erkannt, dass es mit mir Spitz auf Knopf steht", sagt Schätzler weiter. "Man kann den Leuten hier gar nicht genug danken. Das war wirklich Rettung in letzter Minute. Plötzlich liegt man da vor den Kollegen. Das hat mir deutlich gezeigt: Es kann einfach jeden treffen."

Ruckzuck in der Luft


Wie Luftrettung im Fall der Fälle funktioniert, erläutern ein Video sowie Leitender Stationsarzt Dr. Jürgen Altmeppen, Stationsleiter und Pilot Jochen Huber sowie Chef-Rettungssanitäter Robert Schmid den Ehrengästen im Hangar. "Wir sind zackig unterwegs. Meist nur eineinhalb Minuten nach der Alarmierung ist Take-off", sagt Pilot Huber. Dass das stimmt, zeigt die Realität am Freitag gegen 12 Uhr mittags. Der Alarm schrillt, die Crew geht an Bord des Rettungshubschraubers, Christoph 80 hebt ab - und kehrt erst eineinhalb Stunden später gegen Ende der Feierlichkeiten zurück. Hochleben lassen ihn die Gäste trotzdem. Für Musik sorgte die Regensburger Band "41 Hertz" um Oliver Grossmann. Er ist Pilot in Regensburg.

Stimmen von der JubiläumsfeierZur Finanzierung des Rettungshubschraubers sagt Matthias Wenig von der Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassen: "Das Geld dafür kommt zu 90 Prozent von den Bürgern, die Mitglied in einer gesetzlichen Krankenversicherung sind." Zur Luftrettungsstation Latsch sagt er: "Wir bezeichnen dieses Projekt hier als Vorzeigeprojekt, weil es zum einen binnen nur eines Jahres geräuschlos hochgezogen wurde und das zum anderen zu Kosten geschah, die einem Kassenvertreter das Herz aufgehen lassen."

Wie das kommt? "Wir in der Nordoberpfalz reden nicht viel, wir handeln", sagt Alfred Rast , Geschäftsleiter des Rettungszweckverbandes. Zu Stimmen, dass der Hubschrauber alarmiert werde, um Einsatzzahlen zu generieren, sagt er: "Das ist Wirtshausgeschwafel. Die Einsatzstelle alarmiert nach strengen Vorgaben."

Die Krankenkassen zahlen den täglichen Betrieb der Luftrettungsstation, sagt Steffen Lutz , Vorstand der DRF-Stiftung Luftrettung. Die DRF dagegen finanziere etwa Schulungsstunden oder teures medizinisches Gerät. Wie? Dank Förderer und Spender. "Wir haben 350 000 Mitglieder. Das sind nicht so viele. Aber mehr als bei der SPD."

Zwei Mal schon war Andreas Meier , Landrat, Vorsitzender des Rettungszweckverbandes und ein Mann mit Reisekrankheit, an Bord des Hubschraubers. Er schwärmt von dessen Schlagkraft und zeitlichem Vorteil. "In Flächengebieten braucht man ein schnelleres Rettungsmittel." Künftig auch nachts? "Die Station ist für den Nachtflug ausgebaut. Wir haben das auch schon beantragt. Ohne Erfolg. Wir bleiben aber dran und stellen zu gegebener Zeit wieder einen Antrag."

Am Amberger Klinikum St. Marien geht der neue Landeplatz heuer in Betrieb. In Weiden 2018, sagt Josef Götz , Vorstand der Kliniken Nordoberpfalz: "So wird die Rettungskette nochmal beschleunigt."

Pfarrer will abheben


"Das, was Sie hier tun, ist gelebte tätige Nächstenliebe", lobt Pfarrer Armin J. Spießl im Hangar - und erinnert an die Einweihungsfeier 2011. "Das hat man nicht jeden Tag." Damals schwang er im Beisein des evangelischen Pfarrers Andreas Ruhs über Christoph 80 den Weihwassersprenger. "Prompt folgte auf Gottes Segen der Alarm." Der Hubschrauber hob zum ersten Einsatz ab. Seither wünscht sich Spießl vergeblich, mitzufliegen. Jürgen Meyer bittet um Verständnis: "Das macht sich nicht gut, wenn der Pfarrer vorm Notarzt aussteigt."
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