Gefährdung auf dem Land
Drogen nicht nur in der Stadt

Crystal passt absolut zu unserer Gesellschaft, in der es um Leistung geht.

Crystal-Meth als "Partydroge"? Ein Begriff, der die aktuelle Lage verharmlost: Die unscheinbar wirkenden Kristalle werden mittlerweile - unabhängig von Partys - in allen Alters- und Berufsgruppen konsumiert. Aufgrund der Nähe zur tschechischen Grenze ist die Oberpfalz ein Brandherd des Drogenhandels und -konsums.

"Crystal-Meth passt absolut zu unserer Gesellschaft, in der es um Leistung und Erfolg geht", sagt Katjenka Wild, Leiterin der Caritas-Fachambulanz in Weiden. Der Stoff ist fünf Mal so stark wie das chemisch ähnliche Ecstasy. Er wirkt länger, heftiger. Die synthetisch hergestellte Substanz ist aufgrund ihrer Reinheit so gefährlich, das Risiko, schnell abhängig zu werden, entsprechend hoch. Konsumenten spüren einen unheimlichen Suchtdruck, erneut zur Droge zu greifen.

Im Jahr 2015 betreute die Ambulanz über 400 Suchtkranke. Davon waren 95 abhängig von Crystal-Meth. Diese Zahl ist in den letzten vier Jahren stark gestiegen. "Das liegt zum einen an unserer Leistungsgesellschaft, zum anderen an der Grenznähe zu Tschechien", erklärt die Suchttherapeutin. Auch auf dem Land besteht die Gefahr, mit solchen Substanzen in Kontakt zu kommen. "Drogen sind keineswegs nur ein Problem in Städten", bestätigt Thomas Bauer, Leiter der Kriminalpolizei Weiden. Natürlich sei die Konzentration an Rauschgiftdelikten dort gravierender, wo die Bevölkerungsdichte höher ist. Dennoch sei es ein Irrglaube, dass sich Drogenhandel und -konsum nur in den Städten abspielten.

600 Fälle in der Region


Im Jahr 2014 ging die Kripo in Weiden insgesamt 600 Fällen von Rauschgiftdelikten nach. Die Hälfte davon entfiel auf die Stadt Weiden sowie die Landkreise Neustadt und Tirschenreuth. Bei der anderen Hälfte handelt es sich um überregionale Aufgriffe von Drogenfällen. Laut Kriminaloberrat Bauer verteilen sich die Rauschgiftdelikte relativ gleichmäßig auf die Region. Rund 100 Fälle gab es in Weiden, etwa 120 im Landkreis Neustadt und annähernd 80 im Landkreis Tirschenreuth. Die Gefahr, auf dem Land mit Drogen in Kontakt zu kommen, sei also genauso hoch wie in der Stadt.

Hoher Preis


Crystal-Meth setzt im Gehirn an. Es beschert dem Konsumenten ein Hochgefühl, vermittelt dem Körper und der Seele, unverwundbar zu sein. Schmerzempfinden ist kaum noch vorhanden. Über Tage hinweg braucht man keinen Schlaf, bleibt fit und steigert vorübergehend die Leistung. Der Preis für dieses absolute Selbstbewusstsein ist hoch.

Die schlimmen Folgen kristallisieren sich erst heraus, wenn die Droge nicht mehr wirkt. Der Konsument fühlt sich geschlaucht, es treten Konzentrationsschwierigkeiten auf, zusätzlich leidet das Zeitgefühl. Vor allem Menschen, die überfordert sind und unter Dauerstress stehen, greifen auf das Rauschgift zurück. Egal ob Schüler, Student, Arzt, Rechtsanwalt, Chef oder alleinerziehende Mutter, wie Katjenka Wild weiß: Man soll funktionieren, sich beweisen, den Alltag mit Links nehmen.
Crystal passt absolut zu unserer Gesellschaft, in der es um Leistung geht.Katjenka Wild, Leiterin der Caritas Fachambulanz Weiden
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