Georg Löchel über das Altwerden
Zahnputzzeug im Kühlschrank

Die unterschiedlichen Möglichkeiten, mit dem Altwerden umzugehen beschreibt Hobbyautor Georg Löchel. Bild: dpa
 
Georg Löchel. Bild: ehi

Georg Löchel feiert am Montag Geburtstag. Während das Älterwerden für andere ein Problem darstellt, nimmt es der fast 84-Jährige mit Humor. Seine Gedanken dazu formuliert er in der "Betrachtung zum Alter oder zum Altwerden".

Hobbyautor Georg Löchel schreibt über reale Begebenheiten "Wir hatten im Bekanntenkreis das Thema ,Alt werden' und die Frage, wie man damit umgeht", erklärt er die Entstehung seines ersten Textes "Eine Betrachtung zum Alter oder zum Alt werden". Mit dem Schreiben angefangen hat er vor einigen Wochen.

Mittlerweile hat Löchel viele weitere Ideen. Seine nächsten Texte werden zum Beispiel von Medikamentbeipackzetteln handeln und von einem Mann mit einer "unwahrscheinlichen Geltungssucht und Minderwertigkeitskomplexen, dir er zu überspielen versucht".

Eine Betrachtung zum Alter oder zum Altwerden


Vorwort

Mein kleiner Vortrag ist nicht nur meiner Generation gedacht, sondern auch für unsere Kinder, vielleicht sogar für die Enkel. Denn, ob sie es jetzt wahrhaben wollen oder nicht, das Alter kommt – schneller als sie es wollen – auch auf sie zu. Und da nützt es gar nichts, sich zu verstellen, sich zu verstecken, oder nicht daran zu denken. Es erwischt uns alle!

Was meine ich eigentlich mit „sich zu verstellen“? Ich denke da zum Beispiel an diese berufsjugendlichen Frauen, die mit steigenden Jahren immer größere Sonnenbrillen tragen und ihre mehr oder weniger welken Körper in betont jugendliche Kleidung – meist sind es Jeansanzüge mit zerfetzten Hosen – stecken, mit einer Baseballkappe auf den gefärbten Haaren. Nicht zu vergessen, einen Schal keck um den faltigen Hals. Sie merken dabei gar nicht, wie lächerlich sie sich machen.

Aber auch wir Männer kommen nicht ungeschoren davon. Und das ist auch nur ein Beispiel von vielen: Gehen Sie mal über den Wochenmarkt. Da stehen häufig kleinere Gruppen von Männern rum (manchmal sind auch die Frauen dabei), die sich mit einer erheblichen Lautstärke unterhalten, unterbrochen von dröhnendem Lachen, und dann bemerkt man, dass sie entweder ihr Hörgerät vergessen oder falsch justiert haben. Wenn sie dann in irgendeinem Straßencafé landen, wird nach dem Hinsetzen – manchmal auch schon vorher – der Hosengurt gelöst und eine gewisse Erleichterung ist in ihren Gesichtern nicht zu übersehen. Zu diesem Verhalten gehört natürlich auch der forsche Händedruck bei Begrüßungen, der jugendlichen Elan suggerieren soll. Das mit der Perücke hat sich eigentlich von selbst erledigt, nachdem „Glatze poliert“ zur Zeit in ist. Na, kommt Ihnen da irgendetwas bekannt vor? Da gäb´s ja noch so viel! Vielleicht ist das ja Stoff für eine weitere satirische Betrachtung. Doch nun zur Sache

Eine Betrachtung zum Alter oder zu Altwerden

Sagt doch neulich zu mir einer: „Na, wie geht´s ?“ Wahrscheinlich nur so dahingesagt. Darauf von mir die übliche Antwort: „Na, so lala, anderen geht’s schlechter.“ Das war auch nur so dahin gesagt und keiner macht sich große Gedanken und vergisst das letztlich auch wieder.

Ich muss aber dann doch dran denken; Denn wie geht’s mir denn eigentlich wirklich? Natürlich, ich lebe noch. Schon mal viel wert. Andere in meinem Alter (über 80) sind ziemlich arm dran mit ihrer Gesundheit oder sie haben's schon geschafft und gucken von oben herab auf uns. Sind die glücklicher? Wahrscheinlich. Aber wir Menschlein wissen das eben nicht.

Ja, das Alter soll ja schon mit 60 anfangen (medizinisch noch früher), sich mit allerlei absonderlichen Beschwerden bemerkbar zu machen. Ich muss das übersehen haben oder habe nicht drauf geachtet. Auf einmal war es da, das Alter. Ich bin eigentlich erst drauf gekommen, als ich auf Drängen meiner Frau und guter Bekannter mich überreden ließ, mich von einem Arzt mal so richtig durchchecken zu lassen. Das sei wichtig, sagten sie und ich müsse doch schließlich mal erfahren, wie es um mich stehe. Dabei waren die wahrscheinlich bloß neugierig. Dabei fiel mir das Sprichwort ein: Gehe nie zum Arzt, der find' was!

Stimmt! Hätte ich das bloß sein gelassen. Seitdem schmeckt mir kein Essen und Trinken mehr. Das Erste, was er mir verbot, war nämlich alles, was mir bisher ausgesprochen gut geschmeckt hatte. Und als wir beim Trinken ankamen, zog er die Stirn kraus und brachte die Anonymen Alkoholiker ins Gespräch. Nach allen möglichen Untersuchungen kam ich am Schluss mit einem Aktenkoffer voll gut gemeinter Ratschläge, Diätpläne für Diabetes, für Lebererkrankungen, für erhöhte Harnsäure und Rezepte für eine Menge Tabletten, die ich nun noch zusätzlich zu meinen bisherigen schlucken sollte. Habe ich einige Male gemacht. Es ist mir nicht gut bekommen, vor allem dann nicht, wenn man die bedrohlichen Nebenwirkungen auf den Beipackzetteln liest, die vom Darmbluten bis zum Tode führen können. Und nachdem mein Blutdruck – auf dem ja heutzutage bis zum Gehtnichtmehr herumgeritten wird – trotz zusätzlicher Einnahme sich nicht verändert hat, habe ich sie weggelassen und das andere Zeugs auch. Bis auf die halbe Zuckertablette. Und die Trinkerei wurde reduziert. Die Essgewohnheiten habe ich nicht verändert. Und jetzt fühle ich mich wieder wohl. Seitdem sträube ich mich mit Händen und Füßen, wenn ich zum Arzt soll. Ich konnte mich bisher erfolgreich verteidigen. Mit Schrecken denke ich daran, wenn ich mal nicht mehr kann und vielleicht im Altenheim bin? Da werde ich in kürzester Zeit zwar wohlmeinend aber hingehimmelt.

Vielleicht nehme ich mal an so einer Kur teil, wie sie immer wieder einmal in den Magazinen, Frauenzeitschriften und Apothekerrundschauen auf Glanzseiten veröffentlicht wird.

Da soll doch tatsächlich ein lang verschollenes Präparat wiederentdeckt worden sein mit phänomenalen, von mindestens drei berühmten Wissenschaftlern bestätigten Eigenschaften, die einen wahren Jungbrunnen weit in den Schatten stellen. Natürlich muss man die Pillen mehrere Monate einnehmen und auch selbstverständlich selbst bezahlen, denn die Wirkung tritt erst ganz allmählich ein. Und man muss unbedingt dabeibleiben, denn sonst ist alles für die Katz. Aber wenn man das durchhält, dann hat nicht nur der Herr Apotheker was davon, sondern vor allem der Hersteller. Aber auch ich werde fürstlich belohnt! Der Beweis, wie es mir dann geht, liegt auch schon dabei. Da sieht man Fotos von lachenden, offenbar glücklichen, braungebrannten älteren Leuten, die mit ihren erstaunlich gut erhaltenen Körpern am Strand rumhüpfen und das alles auf Glanzdruck in Farbe. Nicht fehlen dürfen dann auch die Einzelinterviews, die all das bestätigen. Na, ich überleg mir das nochmal. Vielleicht können wir als altes Ehepaar dann Krücken und Rollator vergessen.

So, das waren jetzt mal Überlegungen allgemeiner Art zum Alter. Kommen wir einmal zu etwas Speziellem: Zum Altern des Geistes, zum Gedächtnis, zum Seh- und Hörvermögen. Ich rede (schreibe) jetzt nicht mal über die leider recht sichtbaren Symptome wie Parkinson oder Alzheimer oder über das rapide Nachlassen des Seh- und Hörvermögens, sondern über die kleinen Veränderungen im Denken und Fühlen und in der Auffassungsgabe. Aber ehe ich's vergesse, ich erwähnte gerade das Sehvermögen und möchte mich da nicht ausschließen. Das lässt nach. Ob man will oder nicht. Und neben mir geht es auch noch vielen anderen so. Mir macht das Fahren in der Dunkelheit zunehmend Schwierigkeiten, vor allem, wenn's regnet. Dann blendet mich der Gegenverkehr schon ziemlich massiv.

Aber jetzt wieder zum psychischen Verständnis der allgemeinen Befindlichkeit im Alter. Sagen Sie mal, ist Ihnen das nicht auch aufgefallen, dass die Zeit, die Monate, die Jahre immer schneller an einem vorbeirasen? Es ist noch gar nicht so lange her, da ging ich in Pension, dann war ich plötzlich 70 und wo sind die Jahre hin bis zum 80.? Donnerwetter, wenn das so schnell weiter geht, verpasse ich womöglich meinen eigenen Tod. (Was eigentlich bei näherer Betrachtung gar nicht so schlecht wäre) Da muss ich doch wirklich an den Wilhelm Busch denken, der in der „Frommen Helene“ den Gevatter Tod sagen ließ: „Eins, zwei, drei, im Sauseschritt saust die Zeit, wir sausen mit.“ Wie wahr, wie wahr.

Und dann bringe ich auch nicht mehr das richtige Verständnis für die Musik unserer Kinder und Enkel auf. Ich habe immer gedacht, dass ich da als Fan des Rock ‘n‘ Rolls, des Twists, der schönen Swingmusik mit Frank Sinatra, der Schmusesongs von Dean Martin, aber auch mal Ray Charles und Oscar Petterson, da drüber stehe. Na, ich musste meine humane Einstellung ein wenig revidieren, nachdem ich mich mit diesen neuen Songs und Musikstilen ein wenig befasst habe. Fazit: Ich bin zu alt dafür! Aber das ist beileibe keine Zeiterscheinung. Denn als ich früher abends bei der leidigen Klavierstunde statt „Großmütterchen“ oder „den fröhlichen Landmann“ mal einen Boogie anspielte, verließ mein Vater erbost das Zimmer. „So eine Negermusik“, wollte er sich nicht anhören. Na, und wenn unsere Kinder bei den heutigen Darbietungen zu dem Gekreische und Gestampfe – und dazwischen singt engelsgleich ein Kastratenduett oder -trio – auch noch begeistert den Text mitsingen, dann soll das eben so sein. Und das alles finden sie cool und krass! Immer noch besser als das idiotische Mitgeklatsche bei den unsäglichen Paraden der Volksmusik der Besten der Besten, in denen ein ebenso unerträglicher Dauergrinser die ganze Show niederquasselt. Fast so schlimm ist auch die weibliche Variante, die mit einer unerhörter Begabung des Schnellsprechens ausgerüstet ist.

So, das war das. Und da wir gerade auch beim Fernsehen sind, Verstehen Sie eigentlich noch die Sendungen? Gut, bei der Rosemarie Pilcher kommt man ja noch so einigermaßen mit, zumal diese Geschichten immer nach dem gleichen Muster gestrickt sind: Frisch getrennte, frustrierte Frau (kann auch Mann sein) kommt in die Heimat zurück, verliebt sich trotz gegenteiliger Vorsätze in die Jugendliebe und nach einer ziemlich tragischen Verwechslung, kommt alles doch noch ins Lot, und wenn´s auf dem Flugplatz dicht vor dem Abflug ist. Aber das geht ja alles noch! Ich meine ja jetzt eher die Tatorte, die früher mal spannend und auch mal lustig waren. Die heutigen sind aber dermaßen mit einer sofort eingerufenen SOKO verlangweilt, so dass auch die psychologischen Diskussionen die Ermittler nur von der Arbeit abhalten. Das geht solange, bis zum Glück die, von einer übergeordneten Stelle zur SOKO versetzte, junge, dynamische Kommissarin auftaucht, sofort eine riesige Pinnwand aufbaut, ein oder zwei Profiler und einen Psychologen hinzuzieht und nach kurzer Überlegung den Fall für gelöst erklärt. Was mit der Leiche und dem Verbrecher geschehen ist, mag der geneigte Zuschauer dann selbst heraus-
finden.

Na, Gott sei Dank, gibt’s dank der Kabeltechnik noch genug andere Sender. Nehmen wir nur mal die netten 45 Minuten langen Familiensendungen, die mit Folge 2002 oder so über den Bildschirm flimmern und die immer dann enden, wenn's spannend wird. Dadurch wirst du gezwungen, auch die 2003. anzusehen, weil du ja wissen willst, wie's weitergeht. Ich habe ein paar Mal versucht nichts mehr anzuschauen, bin aber dann doch schwach geworden und habe mich zwar schimpfend, aber dennoch vor den Fernseher gesetzt und schon war's vorbei. Auch der Versuch, dringende Termine auf die Anfangszeiten zu legen, schlug fehl, denn mein schlaues Weib hat die betreffende Sendung dann aufgenommen.

Auf den anderen Kanälen ist auch nichts weiter los, außer, dass die von laufenden Werbesendungen unterbrochenen Darbietungen, je später die Zeit ist, immer brutaler und damit immer lächerlicher werden. Oder können Sie sich vorstellen, dass brennende Autos durch die Luft fliegen und unten am Boden Dutzende von Polizisten auf die fliehenden Banditen mit Pistolen feuern, die offenbar nicht mehr nachgeladen werden müssen. Trotzdem gelingt es immer einer Gruppe um den Haupträdelsführer zu entkommen, die dann in der nächsten Folge gehörig aufmischen, bis sie durch irgendeinen blöden Zufall vor eine Wand oder ins Wasser fahren. Fast so toll, wie diese Einmannhelden, die immer wieder die ganze Welt retten. Meist werden sie aus dem verdienten Ruhestand zurückgeholt.
Da gucke ich mir fast lieber Filme über den Vogelflug nach Afrika an, oder wie im Nordmeer die Wale singen. Genug davon.

Ich habe noch ein anderes Thema, was mir auf der Seele liegt: Ist Ihnen das eigentlich auch schon passiert, dass Sie plötzlich nicht mehr auf einen bestimmten Namen kommen? Lächerlich!? Von wegen! Na, das war doch der Ding, der Dings aus Dingsfeld. Weißte das nicht mehr? Und in der folgenden Nacht wacht man plötzlich auf und hat den Namen wieder. Den spricht man dann voller Freude und Befriedigung aus und die Frau meint dann, man rede im Schlaf. Aber da man nun einmal munter ist, kann man ja auch gleich zur Toilette gehen. Das ist sicherlich nicht so schlimm und schon jedem mal passiert, werden Sie sagen. Aber das ist der Anfang!

Denn gerade die Kleinigkeiten häufen sich leider meist unbemerkt und
werden unterdrückt, verschwiegen oder ins Lächerliche gezogen. Und dann steht man in einem Zimmer, um irgendwas zu erledigen und weiß nicht mehr was. Und wenn man beim Einkaufen sich vorher keine Liste gemacht hat, dann ist man zuhause und hat das Wichtigste vergessen. Also immer eine Liste! Peinlich nur, wenn man diese dann daheim liegen lässt. Man sollte das beobachten!

Schlimm wird’s dann allerdings, wenn das Zahnputzzeug neben der Kamera im Kühlschrank liegt. Und man hat fest daran geglaubt, dass die irgendeiner geklaut hat. Überhaupt bestiehlt man die alten Leute sowieso am laufenden Band. Die Altenheime sind voll mit diesen Geschichten. Und nicht nur die Altenheime. Das geht auch zuhause los und fängt mit dem Geld an, was für die Enkel gespart wird und hört mit Schmuck noch lange nicht auf, der irgendwie verschwindet. Meine Mutter hat seiner Zeit steif und fest behauptet, die Nachbarn würden mit ihrer Kleidung rumlaufen. Aber ich wollte nicht abschweifen. Ich wollte damit nur sagen, dass das alles nur eine ganz normale Alterserscheinung ist, mal weniger, mal mehr. Wir alle werden nicht umhin kommen, damit zu leben, solange es nur irgendwie geht. Denn wenn uns noch bewusst ist, was wir für einen Mist bauen, dann ist alles noch nicht so schlimm und wir können fröhlich weitermachen, bis uns die gnädige Nacht des Vergessens in eine andere Welt entführt.


Georg LöchelGeboren wurde Löchel am 7. November 1932 in Magdeburg als Sohn eines Offiziers. Er wuchs Erfurt auf und heiratete 1953 Frau Brigitte. mit der er vier Kinder hat. Fünf Jahre später flüchtete das Paar nach Würzburg. „Ich war nicht der richtige Mann, um in der DDR zu bleiben.“. Als Sohn aus einer recht wohlhabenden Familie habe er dort keine beruflichen Perspektiven gehabt.
In Würzburg arbeitete Löchel in der Schadensbearbeitung einer Versicherung. 1968 kam er berufsbedingt nach Weiden. An der Oberpfalz schätzt er vor allem die Natur. Auch mit den Menschen kommt er mittlerweile klar, auch wenn es da anfangs Schwierigkeiten gab. „Die haben mich nicht verstanden und ich sie auch nicht.“ (ehi)
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