Gerhardingerschüler gewinnen Landespreis mit einer ganz alten Geschichte
Der Pferdekauf

Ein "Russischer donscher Kosak" und ein "krimscher Tatar". Die Zeichnung von Johann Cappi zeigt Soldaten 1815 auf ihren kleinen Pferden, die Johannes so gut gefallen haben. Sie tragen weite Hosen und hohe Mützen. Als Waffen haben sie lange Spieße. Die Bilder sind Teil der preisgekrönten Schülerarbeit.
 
Der zeitgenössische Maler Johann Cappi hat ein Kosakenlager festgehalten. So könnte auch das Lager auf dem Zimmeranger in Weiden ausgesehen haben. Die Soldaten sitzen am Feuer, wärmen sich und erzählen sich Geschichten. Im Hintergrund sieht man ihre Pferde.
 
Die Kosaken schlugen ihr Lager auf einer Halbinsel im heutigen Stadtpark auf. Diese Halbinsel gibt es heute nicht mehr. Die Waldnaab hatte damals noch ihren natürlichen Verlauf und wurde dann vor vielen Jahren weitgehend in den Flutkanal umgeleitet. Bilder: hfz (7)

Wer ist neun Jahre alt? Fast alle Finger schießen in die Höhe. Die Gerhardinger-Grundschüler der jetzigen Vierten können sich prima mit einem Jungen identifizieren, der vor 200 Jahren in Weiden gelebt hat. Johannes Lindner, damals acht Jahre, wohnhaft in der Schulgasse. Dieser fiel mit einem Pferdekauf dermaßen auf die Nase, dass die Geschichte die Jahrhunderte überlebt hat.

Die Schüler haben diese Anekdote mit Mentor Dr. Sebastian Schott vom Stadtarchiv und ihrer Drittklass-Lehrerin Martina Schott neu entdeckt. Sie haben damit im letzten Schuljahr den Landespreis im Geschichtswettbewerb "Erinnerungszeichen" gewonnen (wir berichteten). Ihre Arbeit ist viel zu schade, um gleich wieder für 200 Jahre in der Schublade zu verschwinden.

Kosakenlager im Park


Die Klasse ist "multikulturell". "Meine Familie ist aus Russland", sagt Christian Fritz. 1815 hielt sich in der Stadt ebenfalls eine größere Ansammlung von Russen auf. Es war die Zeit der napoleonischen Kriege. Die Armee des Zaren zog aus Böhmen zum Rhein, um sich Napoleon entgegenzustellen. Die Kosaken schlugen ihr Lager auf einer Halbinsel im heutigen Stadtpark auf.

In dieses Kosakenlager liefen auch die Buben aus der Altstadt. Dem achtjährigen Johannes Lindner hatten es dabei vor allem die Pferde der Kosaken angetan: kleine, wendige Donpferde. Er kratzte daheim das Ersparte zusammen und übergab die Silbermünzen dem Kosaken. Statt eines Pferdes erntete er Schläge. Seine Münzen war er los. Als er am nächsten Tag mit dem Vater, dem er den gescheiterten Kauf gebeichtet hatte, das Lager aufsuchen wollte, war der Kosake schon weg - weitergezogen. Für Johannes setzte es am Ende auch noch Schläge vom strengen Papa.

Später wurde Johannes Lindner ein Rentamtmann und erzählte die Geschichte mit heiterer Note gern weiter. 1887 verstarb er. 1915 schrieb sein Neffe Albert Vierling die Anekdote aus der Zeit der napoleonischen Kriege in seinem Buch "Die Oberpfalz" nieder (siehe unten). Die Kinder aus der Gerhardingerschule haben mit Historiker Schott die Originalschauplätze in der Stadt gesucht und gefunden. Unter anderem das "Black Bean". In dem Anwesen am Unteren Markt hatten die Kosaken eine - leere - Geldkassette zurückgelassen. Die Kinder haben es versucht: Keiner konnte das schwere Stück aufheben. Entdeckt haben die Schüler auch das Elternhaus von Johannes Lindner: Schulgasse 12, ein Haus, das gerade renoviert wird. Und sogar eine Silbermünze aus dieser Zeit ist im Stadtmuseum zu bewundern.

Ohnehin: "Im Stadtmuseum und Archiv war vorher keines meiner Kinder", sagt Lehrerin Martina Schott, Schwägerin des Historikers. Vielleicht auch ein Tipp für die nächsten Ferien: Geschichte kann Spaß machen. Die Schulkinder aus der Stadtmitte können das bezeugen.

Das Original: Ein Pferdekauf im Jahr 1815 in WeidenAlbert Vierling hat die Geschichte seines Onkels Johannes Lindner im Buch "Die Oberpfalz" 1915 festgehalten: Familienerinnerungen an die Truppendurchzüge durch die Oberpfalz in den Jahren 1814 und 1815.

"Eine andere Geschichte aus der Familie kann ich verbürgen. Diese Geschichte hat sich meiner Ansicht nach im Jahre 1815 abgespielt, als größere russische Truppenmassen via Nürnberg, Weiden, Tirschenreuth und umgekehrt die Oberpfalz passierten. Mitte Mai 1815 war es das große Woronzow'sche Corps, das über Weiden direkt nach Roth marschierte und in Weiden Quartiere bezog. Nach der erwähnten Familientradition hatte eine größere Kosakenabteilung auf dem Zimmeranger zwischen der Naab und dem Naabkanal, der die Stadt umfließt, Zelte aufgeschlagen und mit ihren kleinen Pferden dort kampiert.

Ein nachmaliger Onkel von mir, der im August 1807 geborene Bürgerssohn Johannes Lindner, besuchte wie andere Schulbuben das Kosakenlager und hatte eine große Freude an einem Pferdchen, das ihm der Kosak als ganz zutraulich und brav vorführte. Der kleine Johannes hielt mit seinem Wunsche, ein solches Rösslein zu besitzen, nicht zurück, und siehe, der Kosak machte den Vorschlag, ihm das seinige abzukaufen. Er fragte den Knaben, ob er denn Geld habe, dieser aber dachte an seine Sparbüchse und bejahte die Frage, worauf ihm der Kosak befahl, das Geld zu bringen, sie würden schon handelseins werden.

Der kleine Johannes kannte sich nun in Gedanken an den Erwerb des Pferdes, wie man in der Oberpfalz sagt, vor lauter Profit nicht mehr aus, ging nach Hause und erspähte einen Moment, wo er seinem Sparschächtelchen die darin liegenden paar Silbermünzen entnehmen konnte. Am anderen Tage verfügte er sich schleunigst wieder zum Zimmeranger, wo er auch den Kosaken wieder traf. Das erste was dieser tat, war dass er von dem jubelnden Knaben die Sparmünzen in Empfang nahm.

Johannes meinte nun, er nehme das Pferd gleich mit, und nahm es auch am Zügel. Der Kosak ließ ihn anfangs gewähren, auf einmal aber wurde er grob, das Geld schien ihm nicht zu langen, und er gab dem Knaben eine Ohrfeige, worauf er ihn ohne Pferd aus dem Lager hinausjagte. Verweint kam Johannes nach Hause, wo er erst nach und nach seinem Vater den unglücklichen Handel eingestand. Als dann am nächsten Tage der Vater mit dem Sohne das Kosakenlager besuchen wollte, um das Spargeld zu reklamieren, da waren weder Ross noch Reiter mehr da. Trübselig schlich der kleine Johannes nach Hause, er hatte ein gewisses Gefühl, dass die Sache noch nicht ganz erledigt sei.

Dies war auch ganz richtig, gemäß einer in der Empirezeit und noch viel später lebenden Rechtssitte in der Oberpfalz musste der Junge eine leibliche Erinnerung an sein russisches Abenteuer erhalten. Dazu aber war die Anwendung der in jedem Hause ober dem Ofen auf einem Gestelle zum Trocknen aufbewahrten langen Föhrenholzschleißen geradezu ausgezeichnet. Johannes erhielt also seine richtigen flachen Schleißenhiebe auf die rückwärts gelegenen Körperteile. Es ist eigentlich schade, dass in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts dieses eminente Mittel zur Gedächtnisschärfung fast ganz in Vergessenheit gekommen ist. Die Familie Lindner aber fasste selbstverständlich schon bald danach die Geschichte von der heiteren Seite auf, und Johannes, der später Rentamtmann in Neunburg und dann in Mallersdorf wurde, erzählte nicht ungern (er war ein vorzüglicher Erzähler) seinen Handel mit den Kosaken. Er starb am 15. Dezember 1887 in Amberg.

Als die Russen aus Weiden fort waren, hörte und sah man staunend, dass sie im Höglerhaus (untere Stadt) eine schwere eiserne Militärkasse zurückgelassen hatten. Darin war aber nichts. Diese Kasse wurde jetzt durch den um die Weidener Ortsgeschichte so sehr verdienten Herrn Sekretär Wagner der Stadtbehörde für das geplante Museum überwiesen.
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