Gericht nimmt Schleusertanks in Augenschein
Keiner will in die Kiste

Rechtsmediziner Prof. Dr. Peter Betz (Dritter von links) erklärt den Juristen die Gefahren des Transports. Bild: ca

Den Selbstversuch will keiner der Juristen wagen, die am Donnerstag im Justizgebäude staunend vor den drei Metallkisten stehen. 140 mal 70 mal 75 Zentimeter. "Man fragt sich schon, in welcher Position da drei Erwachsene reingehen sollen", sagt Rechtsmediziner Professor Dr. Peter Betz und gibt sich selbst die Antwort: "verkrümmt und sich teilweise überlagernd".

Sie waren drin. Jeweils drei Mann. Das ist bewiesen und inzwischen gestanden. Vier angeklagte Türken haben im Rahmen einer Verständigung einen Großteil der Schleusungen von Syrern eingeräumt. Die Geschleusten waren während der Grenzübertritte von Bulgarien bis Österreich/Tschechien im Tank untergebracht, ansonsten in der Schlafkoje über dem Führerhaus. Ein Schleuser fuhr sogar die 800 Kilometer von Rumänien bis Maria Ellend in Österreich komplett so durch. "Ich wollte kein Risiko eingehen", sagte er nach der Festnahme der österreichischen Polizei. Der Türke ließ seine Passagiere nur für "Pinkelpausen" aus der Kiste. Bei Bedarf rief einer der Syrer per Handy an. Der Lkw war an den Grenzen acht Mal polizeilich kontrolliert worden.

Wie gefährlich war die Fahrt? In dreierlei Hinsicht lebensbedrohlich, meint Betz. Zum einen bestehe die Gefahr von Verkehrsunfällen. "Bei einer Seitenkollision zerquetscht es den Menschen, der außen sitzt, und möglicherweise auch die anderen." Zum Zweiten schätzt Betz die Überhitzung als besonders lebensgefährlich ein. "Ein paar Minuten, eine Stunde geht das schon. Aber mehrere Stunden im August?" Die Personen waren extrem "eng gelagert". Die Luft konnte nicht zirkulieren. Damit gelangt kein Sauerstoff an die Haut. Es kann sich keine Verdunstungskälte durch Schwitzen bilden. Folge könne ein tödlicher Hitzschlag sein.

Den Einwand von Anwältin Akgün Ayora, die Syrer seien Wüstenklima gewohnt, lässt der Rechtsmediziner nicht gelten: "Die Körperkerntemperatur, die man überleben kann, ist bei jedem gleich." Erhöht sich diese auf über 43 Grad, "erwischt es alle": "Egal, ob aus Norden, Süden, Osten oder Westen." Als dritte Lebensgefahr nennt er schließlich den Tod durch Ersticken. Die Luftluken waren 12 mal 12 bzw. 16 mal 16 Zentimeter groß und teilweise durch Blenden verdeckt. "Der Hitzestau muss dramatisch gewesen sein." Mindestens ein Geschleuster verlor nach Aussagen seiner Begleiter das Bewusstsein.

Hilferuf per Handy


Richter Markus Fillinger verlas den Inhalt eines Telefonats. Der Hauptangeklagte Abdulhakim Ö. informiert bei einer Fahrt einen Mitangeklagten, dass die Insassen aus dem Tank wollen: "Die können nicht mehr." Dieser gibt ihm den Tipp, das Handy auszuschalten, damit Ruhe sei.

Ö. bat am Donnerstag nach einem emotionalen Ausbruch um Milde: "Ich möchte mich entschuldigen, auch bei den Leuten, die ich hierher gebracht habe. Ich wusste nicht, dass es so schlimm ist. Das schwöre ich auf den Koran und auf die Bibel." Ihm sind 5 bis 6 Jahre Haft in Aussicht gestellt, seinen Komplizen 2 Jahre 3 Monate bis 4 Jahre 6 Monate.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.