Heiligabend mit Fawzi
Kirchenasyl für syrischen Flüchtling in Rothenstadt

Die Adventszeit dürfte keinem so lange vorgekommen sein wie Fawzi (22) aus Syrien. Er harrt im Pfarrhaus von Hans-Peter Pauckstadt-Künkler im Kirchenasyl aus, um der Abschiebung nach Ungarn zu entgehen. Seit Ende Oktober ist die Dublin-III-Verordnung wieder in Kraft. Fawzis Ablehnung kann auch der Beginn einer ganzen Welle sein, fürchtet der Pfarrer. Bild: Götz

Heute morgen hat Fawzi mit dem Pfarrer zwei Christbäume in die Kirche geschleppt. Sechs Meter hoch. Am Donnerstag feiert der Moslem mit der evangelischen Pfarrersfamilie Pauckstadt-Künkler seinen ersten Heiligabend. Nicht ganz freiwillig. Der 22-Jährige lebt in Rothenstadt im Kirchenasyl.

Familie Pauckstadt-Künkler war in diesem Jahr selten unter sich. Der erste Schützling im Frühjahr hieß Assedin. Er war 17 und kam aus Marokko. Als ihn die Polizei auf der Wache ins Auto setzte, glaubte er, jetzt gehe es schnurstracks ins Gefängnis. Dabei waren nur gerade alle Wohngruppen für Minderjährige voll. Assedin wurde im Pfarrhof untergebracht. Gemütlich, wohnlich, warm. Der Pfarrer und seine Frau haben zusammengezählt sechs Kinder, die größtenteils schon aus dem Haus sind. Das spricht für Nervenstärke und freien Wohnraum. Zu Assedin hat man heute noch guten Kontakt.

Überraschend Abschiebung


"Und ein wenig Gefängnis sind wir ja auch", bedauert "Father Peter", wie sie ihn alle nennen. Am 2. Oktober zog Fawzi, der Syrer, ein. Völlig überraschend. Eigentlich galt für ihn und seine Landsleute der Syrer-Erlass. All seine Freunde und Mitreisenden sind anerkannt und leben inzwischen in einer Wohnung in Weiden. Nur Fawzi erreichte am 1. Oktober in der Unterkunft in Bärnau ein Brief, der schon ganz verknittert ist vor lauter Vorzeigen. Die Abschiebung nach Ungarn.

Im Herbst trat die Dublin-Verordnung nämlich wieder in Kraft. Sie bedeutet die Rückführung in das erste sichere Drittland, das betreten wurde. Aber ein Syrer? Und ausgerechnet Ungarn? Fawzi ist nicht der erste Flüchtling, der glaubhaft versichert, von der ungarischen Polizei tagelang bei Wasser und ohne Brot festgehalten worden zu sein. Verwaltungsgerichte in ganz Deutschland haben Abschiebungen nach Ungarn aus humanitären Gründen gestoppt. Fawzis Anerkennung als Kriegsflüchtling beschäftigt inzwischen den landeskirchlichen Beauftragten und die Härtefallkommission des Bamf in Nürnberg. Bis 27. Januar muss er durchhalten, dann ist die Sechs-Monats-Frist seit Stichtag Ablehnung überschritten. Wer bis dahin nicht in das Ersteinreiseland zurückbefördert werden kann, darf in Deutschland Asylantrag stellen.

Die Fälle von Kirchenasyl sind in diesem Jahr sprunghaft angestiegen. In der Region gibt es kaum ein - evangelisches - Pfarrhaus ohne Gast. Kirchenasyl gewährten oder gewähren Pfarrer Herbert Sörgel in Flossenbürg, Pfarrerin Lisa Weniger in Floß, Pfarrerin Stefanie Endruweit in Weiden. Das wird sich nicht ändern. Aktuell wird in Bayern viel und unangekündigt abgeschoben. "Das geht gerade alles sehr schnell", weiß Pfarrer Pauckstadt-Künkler. Vor wenigen Wochen sammelten Busse Familien aus dem Kosovo ein und brachten sie ins Abschiebezentrum Bamberg. Und es gibt eben auch Syrer mit Negativbescheiden. Aktuell eine Frau mit drei Kindern. Oder eben Fawzi.

Der 22-Jährige wischt auf seinem Handy herum. Seine Nachrichtenquelle Nummer eins. Eine Art "Bordcomputer" für Flüchtlinge. Am Wochenende sind in Syrien bei Luftangriffen mindestens 150 Zivilisten getötet worden. Die Bilder von zerbombten Häusern und Vätern mit blutenden Kindern auf dem Arm liefen in der Tagesschau. Fazwis Mutter, der große Bruder (25) und seine junge Ehefrau Marah (22) befinden sich noch im Kriegsgebiet. Er vermisst sie und hat Angst um sie. "Es kann sein, dass ich hier sitze. Und in einer Stunde ist meine Familie tot."


Es kann sein, dass ich hier sitze. Und in einer Stunde ist meine Familie tot.Fawzi A. (22)


Wo sieht er sich in 20, 30 Jahren? Daheim in Syrien. "Ich muss Geduld haben." Der Krieg dauert jetzt schon sechs Jahre und hat eine Viertel Million Tote gefordert. Es gibt keine Armee, der er sich anschließen kann, um sein Heimatland zu befreien. Assad? IS? Es bleibt nur die Flucht, die jetzt auch sein Bruder wagen will.

Fawzi, Sunnit kurdischer Abstammung, hat das alles hinter sich. Als Jura-Student in Damaskus beteiligte er sich 2013 an Kundgebungen gegen das Assad-Regime. Im Frühjahr 2014 sei er nach einer Ausweiskontrolle verhaftet und von schiitischen Polizisten vier Monate im Gefängnis festgehalten und mit Elektroschockern gefoltert worden. Fawzi ist 22. Und er hat weiße Haare.

Im Oktober 2014 floh er mit einer Gruppe anderer junger Männer in die Türkei, im Juni 2015 weiter über das Meer nach Griechenland. Er war einer im Tross der Tausenden, die sich über Mazedonien, Serbien nach Ungarn durchschlugen, wo er Fingerabdrücke abgeben musste. Die letzten Kilometer von Österreich nach Deutschland legte er zu Fuß zurück.

Döner von der Polizei


Am 15. Juni saß er im Zug von Weiden in Richtung Marktredwitz, als die Bundespolizei zur Kontrolle zustieg. Die Beamten holten die illegalen Flüchtlinge aus dem Waggon. Fawzi und seine Freunde waren erschöpft und hatten Hunger. "Der Polizist sagte: Bitte setzen", erzählt Fawzi. "Bitte." Die Jungs warteten. Die Beamten kamen mit vier Portionen Döner zurück. Fawzi fragte seinen Freund: "Ist das die Polizei?" Er kam in die Erstaufnahmeeinrichtung Regensburg und später nach Bärnau.

Diese "Menschenliebe" der Polizisten, die wünscht er sich für sein Heimatland. "Danke Deutschland", sagt er. Wofür denn? Fawzi beklagt die mangelnde Solidarität der arabischen Welt mit den Syrern. In einem Land, das nicht seine Sprache spricht, bei Leuten, die nicht seines Glaubens sind, hat er Hilfe und Unterschlupf gefunden. "Ihr helft mir hier."

VHS kommt ins Haus


Dass ein 22-Jähriger, der ein halbes Jahr in Deutschland ist, ein solches Interview auf Deutsch führen kann, spricht für sich. Weil Fawzi nicht in den VHS-Deutschkurs kann, kommt die VHS-Deutschlehrerin einmal die Woche in den Pfarrhof. Er lernt schnell. So freundlich ihn "Father Peter" auch aufgenommen hat: Fawzi will raus. Er will studieren, arbeiten, seinen Leuten helfen. Am liebsten alles miteinander und sofort. "Das Schlimmste ist das Warten", sagt Fawzi. "Mir geht es dabei nicht um mich."

Das Pfarrhaus ist inzwischen teilrenoviert. "Er wollte ständig was tun", hebt Pfarrer Pauckstadt-Künkler hilflos die Schultern. Fawzi hat nicht nur Christbäume geschleppt. Er hat Wände gestrichen und den Wohnzimmertisch geschliffen. Kein Möbelstück, das nicht neu eingelassen wäre. Es ist Zeit für neue Ziele.
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