Heinrich Kammermeier ist seit 40 Jahren Pilot und seit 20 Jahren Luftretter
Ein Leben für das Cockpit

Luftrettungspilot Heinrich Kammermeier sitzt seit 40 Jahren im Dienste der Menschen im Cockpit eines Hubschraubers - erst für den Bundesgrenzschutz, seit 20 Jahre für die Luftrettung. (Bilder: Götz)
   

Blauer Himmel, freie Sicht. Es ist windstill – perfekte Bedingungen für Luftrettungspilot Heinrich Kammermeier, um mit seiner „Christoph 80“ abzuheben. Seit 40 Jahren steht der Pilot im Dienst der Rettung. Ein aufregender Beruf – aber auch ein aufwühlender.

Der Stützpunkt der DRF-Luftrettung liegt abgelegen inmitten von Wiesen und Wäldern. Vom Lärm der Stadt ist in Latsch nichts zu hören. Ab und zu startet ein Segelflugzeug, das nach wenigen Minuten nur noch schemenhaft am Himmel zu erkennen ist. Auf der Ablage der Stations-Küche liegen frische Brötchen, neben einem schweren Ledersofa lehnt eine schwarze Akustik-Gitarre an der Wand. Eine beinahe wohnliche Atmosphäre.

Der schrille Alarm eines Piepers stört diese Idylle. Kammermeier ist konzentriert. Ein Moment der Unachtsamkeit, ein kleiner Fehler könne tödlich sein, beteuert er. Es bleiben zwei Minuten – höchstens. Länger dürfe es nicht dauern. Der 58-Jährige wirft sich seine rote Rettungsjacke mit der Aufschrift „DRF Luftrettung“ über und setzt den weißen Helm auf. Wenige Augenblicke später startet er den Motor des Hubschraubers „Christoph 80“. Eine alltägliche Situation, oft sogar mehrmals am Tag.

Seit 40 Jahren ist Heinrich Kammermeier Pilot, seit 20 Jahren fliegt er im Dienst der Rettung. Die Leidenschaft für das Fliegen entdeckte der 58-Jährige erst spät. 1974 machte er eine Ausbildung beim Bundesgrenzschutz, der heutigen Bundespolizei.

„Bei einem Unterführerlehrgang in Grafenau standen wir im Gelände, als ein Hubschrauber vom Typ BellUH-1D eingeflattert kam. Eine halbe Stunde durfte jeder von uns mitfliegen – es wurde klassische Musik eingespielt, das war ein tolles Gefühl“, erinnert sich Kammermeier an das Schlüsselerlebnis in seinem Leben, wie er es selbst bezeichnet.

Test auf „Herz und Nieren“


Bei der Polizei herrschte Pilotenmangel. Schnell war Kammermeier klar: „Das ist das Beste, was ich beim Bundesgrenzschutz machen kann.“ 1977 begann er einen eineinhalbjährigen Hubschrauberführerlehrgang. „Wir mussten an einem Auswahlverfahren teilnehmen. Dabei wurden wir auf Herz und Nieren getestet“, erinnert sich Kammermeier. Besonders künstlich erzeugter Stress habe vielen Bewerbern zu schaffen gemacht. Das sei wichtig, denn Multitaskingfähigkeit sichere Leben, erklärt der 58-Jährige.

„Wir haben im Cockpit trainiert. Dabei mussten wir viele Dinge gleichzeitig im Blick haben – Tankanzeige, Höhe, Geschwindigkeit. Gleichzeitig berechneten wir, wie weit mit dem Tank noch geflogen werden kann.“ An seinem 21. Geburtstag hielt Kammermeier seinen Hubschrauber-Pilotenschein in Händen, „das beste Geschenk“.

Acht Jahre beim Bundesgrenzschutz folgten. „In dieser Zeit flog ich Politiker, überwachte die Grenze vom Cockpit aus und war für Rettungseinsätze zuständig.“ Mit der Zeit habe sich die Polizei immer mehr von der Rettung zurückgezogen, private Anbieter wie der ADAC übernahmen diese Aufgabe. „Das war schade, denn die Rettung hat mir immer am besten gefallen.“

„Krieg“ in Wackersdorf


Wackersdorf, 1986. „Das war Krieg.“ Hunderttausende Menschen demonstrierten gegen eine geplante Wiederaufbereitungsanlage. Auch Kammermeier war in Wackersdorf – allerdings „auf der anderen Seite“. „Vom Hubschrauber aus koordinierte ich Polizeitruppen und beobachtete, wo sich Menschenansammlungen bildeten und wo es zu Ausschreitungen kommen konnte.“

Am 7. September 1986 ereignete sich ein für Kammermeier prägender Unfall. Ein Triebwagen der Bundesbahn rammte an der Bahnstrecke Schwandorf-Cham einen Polizeihubschrauber, der gerade drei Polizisten aufnahm. Er schwebte einen Meter über den Gleisen. Die fünf Insassen des Helikopters wurden zum Teil schwerverletzt, ein 31-jähriger Beamter starb zwei Wochen nach dem Unfall an den Folgen.

„Derartige Einsätze waren der Grund, warum ich die Polizei verlassen habe. Es war auch eine Gewissensentscheidung. Ich wollte den Willen des Staates nicht länger gegen den Willen des Volkes durchdrücken.“ Noch im gleichen Jahr quittierte er den Dienst. Eine Urkunde, die ihm den Beamtenstatus auf Lebenszeit bescheinigte, lehnte er ab. „Mein Hundertschaftsführer sagte, das sei wie heiraten. Heiraten wollte ich aber nie“, erklärt Kammermeier und lacht.

Die Leidenschaft zum Fliegen aber blieb. Kammermeier begann ein Studium der Flugbetriebstechnik. „Ich habe aber schnell gemerkt, dass das nicht das Richtige für mich ist. Mir gefiel die Aussicht nur Schreibtisch und Computer nicht. Dann habe ich mich an den Rettungsdienst erinnert.“ Die abwechslungsreiche Arbeit, die Vertrautheit mit einem Team, der Wunsch, ein Teil davon zu sein, Menschen in Not zu helfen.

Kammermeier bewarb sich bei der DRF-Luftrettung – und wurde eingestellt. „Ich war sieben Jahre lang Springer, deutschlandweit in allen DRF-Standorten tätig.“ 2011 wurde der Standort Latsch etabliert, „da bin ich quasi seit der ersten Minute dabei“.

Der Arbeitstag des 58-Jährigen beginnt immer gleich. Morgens ein Wettercheck – „dann kontrolliere ich, ob es in unserem Bereich Luftfahrthindernisse gibt. Das kann beispielsweise ein Kran in Amberg sein, der noch nicht beleuchtet wist.“ Anschließend widmet sich Kammerer dem Hubschrauber – „Christoph 80“. „Ich schaue, ob technisch alles in Ordnung ist, die Ärzte kontrollieren die medizinische Ausrüstung.“

Doch ihre Hauptaufgabe ist nicht planbar. Sobald der Piepser geht,, heißt es für das Rettungsteam, das grundsätzlich aus einem Piloten, einem Rettungsassistenten und einem Arzt besteht, schnell sein. Noch während der Pieper dröhnt, werden von der Leitstelle per Funk der Notfall und Unfallort durchgegeben.

„Ich werfe meine Rettungskleidung über und laufe zur Karte, um zu schauen, wohin es geht. Dann lasse ich die Maschine an. Vom Signal des Piepers bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir im Hubschrauber – das schaffen wir in 1:50 Minuten, allerhöchstens 2. Länger dürfen wir nicht brauchen.“ Die Gedanken sind fokussiert, Fehler dürfe man sich nicht erlauben. „Deshalb haben wir auch eine Herdplatte, die sich nach 10 Minuten automatisch abschaltet.“

In 10 Minuten 40 Kilometer


Eines hat das Team dabei immer vor Augen: „Wir fliegen, weil es jemanden gibt, dem es nicht gut geht, jemand, der unsere Hilfe braucht.“ Die Luftrettung ist schnell, oft als erste am Unfallort. In 10 Minuten legen sie bis zu 40 Kilometer zurück. Anders als die meisten vermuten, handelt es sich nicht hauptsächlich um Verkehrsunfälle, zu denen sie gerufen wird. „Die machen nur rund zehn Prozent aus. Größtenteils fliegen wir wegen Herz- oder Schlaganfällen, Unfällen im Haushalt oder Arbeitsunfällen. Bei jedem Notfall, der einen Notarzt bedarf, sind wir vor Ort, wenn wir gerufen werden.“

Der 58-Jährige lebt für seinen Job. Das Gefühl, anderen zu helfen, Menschen, die heute ansonsten vielleicht nicht mehr leben würden, „das ist befriedigend, dafür machen wir das alles“. Allerdings gibt es auch Schattenseiten. Wenn die Notärzte am Unfallort „auf Teufel komm raus“ arbeiten, gibt es für Kammermeier wenig zu tun.

„Für mich ist der Umgang mit den Angehörigen oft schwer. Wenn ich eine weinende Mutter sehe, während ihr Kind wiederbelebt wird, die verzweifelten Augen einer älteren Dame, während ihr Mann stirbt – diese Hilflosigkeit tut weh.“ Der Pilot hat viele solcher Bilder gesehen – abstumpfen könne er nicht, vergessen auch nicht.

„Wir sind keine Helden. Sobald ein Einsatz gefährlich für unser eigenes Leben wird, sobald die Checkliste besagt ,landen sie unverzüglich’, machen wir das.“ Eine Einstellung, die auch Kammermeier erst habe lernen müssen. „Ich habe viele Kollegen verloren, die abgestürzt sind. Technisches Versagen war nie die Ursache. Ein kleiner Fehler, eine falsche Entscheidung kann tödlich sein.“

In dem Moment, in dem sich die Propeller immer schneller drehen und sich der Hubschrauber mit einem Ruck vom Boden erhebt, ist Kammermeier hochkonzentriert. Nervös sei er nicht mehr. „In diesem Moment redet man auch nicht mit seinem Team darüber, wie Bayern beispielsweise gestern gespielt hat. Absolut keine Ablenkung.“

Sanft fühle es sich an, einen Helikopter zu fliegen, bei einer Kurve sei lediglich ein leichter Druck in den Sitz zu spüren. Die Suche nach einem geeigneten Landeplatz sei immer wieder eine Herausforderung. Egal ob am Stadtrand, einer freien Fläche oder einem unbebauten Grundstück in der Stadt, „finden tut man immer eines.“

20 Jahre ist es her, dass sich Kammermeier dem Rettungsdienst verschrieben hat. Die Liebe zu seinem Beruf sei ungebrochen, die Motivation, Menschen zu helfen, ungebremst. Auch morgen wird der Pieper wieder schrillen. Dann heißt es: zwei Minuten. Nicht länger.