Hopser-Patienten solls nicht mehr geben

Öffentlichkeit und Klinikpersonal über das Krankheitsbild Delir aufrütteln wollen (von links) Pflegestationsleiter Markus Argauer, Oberärztlicher Stationsleiter Andreas Faltlhauser und Chefarzt Dr. Martin Angerer. Bild: sbü

Die vielen Erfolge der High-Tech-Medizin verhindern den Blick auf eine Krankheit, die man erst jetzt richtig entdeckt hat. Das Krankheitsbild Delir wurde lange nicht ernst genommen. Doch seine Dimensionen sind enorm.

Ärzte haben lange Zeit vom "Hopser-Patienten" (Hirnorganisches Psycho-Syndrom) oder vom Durchgangssyndrom nach einer Krankenhauseinlieferung oder während des Klinikaufenthalts gesprochen. Heute nennt man dieses Krankheitsbild Delir und immer deutlicher werden die Erkenntnisse über dessen enorme Ausbreitung und Bedeutung.

Mit einer ersten Informationsveranstaltung für Patienten und medizinisches Personal trat jetzt das Klinikum in Weiden in dieser Sache an die Öffentlichkeit. Zahlreiche weitere Veranstaltungen und Workshops sind für das kommende Jahr geplant. Im Mittelpunkt der Auftaktveranstaltung des Aktionsjahres "Delirfreies Krankenhaus" stand das Referat von Andreas Faltlhauser, Oberärztlicher Leiter an der Medizinischen Klinik I.

Verbreitetes Phänomen


Vorher hatte die zahlenmäßige Bedeutung des Krankheitsbild Delir Chefarzt Dr. Martin Angerer mit "10 bis 30 Prozent der Patienten haben bei der Krankenhausaufnahme ein Delir-ähnliches Syndrom" beschrieben. "Delir ist eine Bewusstseinsstörung mit hirnorganischem Hintergrund verbunden mit Wachheits- und Aufmerksamkeitsstörungen" erläuterte Dr. Angerer. Man könne dies auch als akutes Verwirrtheitssyndrom bezeichnen. Wichtig sei die Abgrenzung von Delir zur Demenz. Delir sei schwankend über einen Zeitraum oft nur kurz und reversibel, Demenz verschlechtert sich meist kontinuierlich. Es gibt zahlreiche auslösende Faktoren und Risikofaktoren wie Alter, Mangelernährung, beginnende Demenz, Medikamente oder Elektrolytstörungen.

Im Referat des Oberärztlichen Leiters Faltlhauser wurde auch die Krankenhausumgebung genannt. "Menschen gleiten aus ihrem häuslichen Normalzustand im Krankenhaus in einen deliranten Zustand ab", stellte Faltlhauser fest. In den Intensivstationen komme Delir häufiger vor. Manchmal würden die Patienten in Anbetracht der Lärmkulisse oder Temperatureinflüssen dort tagelang nicht schlafen. Mit Statistiken belegte der Referent, dass Delir-Zustände, die länger als drei Tage anhalten, besonders gefährlich seien. Gemessen wurde eine deutlich höhere Sterblichkeit in den ersten zwölf Monaten nach der Behandlung. Unterschätzt werde Delir oft bei Patienten, die künstlich beatmet werden.

"Delir ist ein klinisches Problem, es kostet Kraft und Arbeitszeit", stellte Faltlhauser fest. Es seien Kosten, die von den Krankenkassen nicht zurückkämen. Behandelt und vergütet werde oft nur die Grunderkrankung. Die Diagnose von Delir sei eine "interprofessionelle Aufgabe", denn Pflegekräfte sind dabei den Ärzten oft im Vorteil. In zunehmendem Maße komme man von Beruhigungsmitteln in der Behandlung ab, "da werden Delire ausgelöst". Somit werde verhindert, dass Patienten selbst an ihrer Genesung mitarbeiten können. Diese Mitarbeit gehöre heutzutage zum Behandlungskonzept.

Aber "ein Patient mit Delir kann nicht aus dem Bett geholt werden", sagte Faltlhauser. Und er ging noch einen Schritt weiter, als er formulierte: "Der Mensch ist ein Stehtier und kein Liegetier." Jemand frühzeitig aus dem Bett zu holen verbessere seine Überlebenschancen. "Alles ist sehr komplex", fasste Faltlhauser zusammen. Die "goldene Pille" gebe es nicht. Er forderte: "Alle diese Erkenntnisse müssen in die Öffentlichkeit und die klinische Praxis." Und: "Wir wollen, dass der Patient wieder in das Alltagsleben zurückfindet."

Um Delir vorzubeugen, wären am Klinikum Weiden zahlreiche Maßnahmen ergriffen worden. So soll vor allem die Schlafhygiene wieder hergestellt werden. Das bestätigte Pflegestationsleiter Markus Argauer: "Wir versuchen nachts Ruhe auf den Stationen herzustellen." Er sprach über die große Bedeutung der Angehörigen für den Gesundungsprozess. Mit zahlreichen Möglichkeiten, wie Bewegungsunterstützung, Tageszeitung oder Lieblingsessen mitbringen, könnten Angehörige helfen. "Wir bieten die Zusammenarbeit an."

Menschen gleiten aus ihrem häuslichen Normalzustand im Krankenhaus in einen deliranten Zustand ab.Andreas Faltlhauser, Oberärztlicher Leiter an der Medizinischen Klinik I
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