Horst Scheiner sucht Kartons für den Umzug des Archivs des Weidener Eisenbahnmuseums
Bahn-Archiv in Kartons verpackt

Horst Scheiner muss mit seinem Archiv des Eisenbahnmuseums die bisher genutzten Räume im Stellwerk des Weidener Bahnhofes räumen. Dazu benötigt er stabile Umzugskartons und hofft dabei auf Spenden. Bilder: Götz (2)
 
Auch dieses Schriftstück trägt die Unterschrift von Gustav von Schlör. Bisher wurden im Fundus des Archivs sechs Original-Signaturen gefunden.

Das wertvolle Archiv des Eisenbahnmuseums Weiden steht auf der Straße. Die DB Netz AG hat die Räume im Stellwerk am Bahnhof Weiden gekündigt. Ende April muss Vorsitzender Horst Scheiner die Unterlagen auf rund 300 Metern Regalfläche geräumt haben. Dazu braucht er dringend Hilfe - und Umzugskartons.

Eigentlich ist der Auszug überfällig. Denn im Schreiben vom November 2015 war die Frist für Ende März gesetzt. Doch nach Umbauten am Eingang zum Stellwerk hatte Horst Scheiner keinen Schlüssel zum Archiv, konnte nicht in die Räume. Die "wichtigen Gründe" für die Kündigung erläutert die DB Netz AG nicht. Sie war aber zu einer Fristverlängerung zu bewegen.

Horst Scheiner und sein Archivar Horst Büllesfeld haben sich bereits einen Aufzug gebastelt, mit dem sie die Kartons auf kurzem Weg aus dem ersten Obergeschoss abseilen können. Jetzt bräuchte das Weidener Eisenbahnmuseum (Telefon 401 7651) jede Menge kostenlose Umzugskartons (eventuell auch auf Leihbasis). Bis geeignete und bezahlbare Räume zur Verfügung stehen, soll alles erst einmal zwischengelagert werden. "Gelingt keine schnelle Lösung, müssten wir schlimmstenfalls Teile unseres Archiv endgültig entsorgen", stellt Scheiner ernüchtert fest.

Drei Tonnen Papier haben sich seit 2006 im Archiv angesammelt, darunter viel Wertvolles, Rares und vieles, was es noch zu katalogisieren und zu digitalisieren gilt. Eisenbahn-Historiker Gerhard Groschl aus München war schier aus dem Häuschen, als er mit Horst Büllesfeld den Inhalt der beiden Eichenkisten sichtete, die angeblich aus dem Bunker unter dem Bahnhofsvorplatz stammten. Auf Anhieb erkannte er auf sechs Dokumenten aus dem Jahr 1862 die Unterschriften von Gustav von Schlör. Ebenfalls unwiederbringlich sind etwa die originalen Streckenpläne oder auch die Pläne für die Anlage des Weidener Bahnhofes.

Insgesamt haben die Mitglieder des Eisenbahnmuseums zudem einen Bestand von über 9000 Fachzeitschriften ab 1885 - etwa 2000 Eisenbahnbild- und Fachbücher und eine Vielzahl von noch handgeschriebenen Akten, Postkarten und Fotos angesammelt.

Seit 2007 im "Stellwerk"


Um die kostbaren Unterlagen auch adäquat unterbringen zu können, wurden 2007 drei leerstehende Räume unterhalb des Stellwerks von der Bahn-Immobilie Nürnberg angemietet. Dort konnten in über 300 Metern selbst gebauter Regale mit 250 Fächern die vielen mittlerweile vorhandenen Archivunterlagen gehortet werden. Zum Teil sind es Schenkungen von Privatpersonen oder sie stammen von Flohmärkten, sind Fundsachen aus dem ehemaligen Weidener Luftschutzbunker. Oder sie fanden sich bei der Altstoffentsorgung, etwa nach Auflösung der ehemaligen Bahndirektion Regensburg. Allein von dort stammen über 100 Mappen mit Originalplänen von Bahnanlagen aus der Oberpfalz, die noch die damals üblichen Siegel tragen. Weitere Raritäten steuerte die Weidener Bahndienststelle bei. Auch aus Hinterlassenschaften pensionierter Eisenbahner gibt es wertvolle "Fundstücke". Sie alle haben eines gemeinsam: Sie müssen raus. Möglichst schnell und möglichst in stabilen Umzugskartons.

Bahngeschichte seit 1863Weiden ist seit Langem eng mit der Eisenbahn verbunden. Schon 1863 kam der erste Zug am neuen Bahnhof an. Bald darauf wurde gegenüber dem Bahnhofsgelände eine Betriebswerkstätte errichtet und 1898 eine "königlich-bayerische Zentralwerkstätte" (Ausbesserungswerk) in der "Scheibe".

Aber auch viele andere Bahn-Dienststellen waren hier beheimatet. So gab es schon in der Zeit der "bayr. Ostbahn" eine "königlich- bayrische Betriebsinspektion" und ein "königliches Oberbahnamt Weiden", ab 1901 die "Eisenbahnbetriebsdirektion Weiden", später eine "Verkehrskontrolle Bayern" und dann noch bis 1974 ein Bundesbahn-Betriebsamt.

Aus dieser Tradition heraus gründeten 1972 17 Eisenbahnbegeisterte aus Weiden und der umliegenden Region einen Modelleisenbahnclub. Das bereits nach einem Jahr vom Verein eröffnete Eisenbahnmuseum ist nicht bloß ein musealer Aufbewahrungsort einstiger Eisenbahn-Romantik, sondern vielmehr eine geschätzte, lebendige Einrichtung, in der Eisenbahnfreunde Erinnerungen austauschen und fachsimpeln. Dazu wurde vom Verein im 2006 das Eisenbahnarchiv gegründet. (wd)
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