Im Zuge des Prozesses gegen Oliver H. laufen weitere Ermittlungsverfahren gegen Beteiligte
Gericht weiter beschäftigt

Das Interesse am Prozess gegen Oliver H. war bis zuletzt groß. Bild: gsb
 
Das Interesse am Prozess gegen Oliver H. war bis zuletzt groß. Bild: gsb

Im Publikum sitzen viele Vohenstraußer. Ein Lehrer. Auch ein pensionierter Polizist. Sie wollen verstehen, wie mitten in einer 7000-Einwohner-Stadt ein 34-jähriger Vater ein Kind quälen konnte. Und: Warum?

"Es machte ihm Spaß." Zu diesem Schluss kommt Oberstaatsanwalt Rainer Lehner in seinem Plädoyer. "Der Angeklagte genoss es, Maximilian leiden zu sehen. Maximilian war als Persönlichkeit schon vernichtet, bevor ihn der Angeklagte physisch ausgelöscht hat." Dem 34-Jährigen sei es um die Demonstration seiner Überlegenheit gegangen. "Das Kind wurde gebrochen. Es war nicht einmal mehr ein Schatten seiner selbst."

Der Mutter seien in ihrer Abwesenheit auf Kur Fortschritte vorgegaukelt worden. "Die tatsächliche Situation blieb ihr verborgen." Neun Jahre seines Lebens sei Maximilian H. unter ihrer Obhut als "fröhliches, lebhaftes, willensstarkes Kind" aufgewachsen. Die Hyperaktivität des Sohnes habe sie zwar an Grenzen gebracht, aber nie zu Gewalt. Sie habe sich vom Umzug nach Vohenstrauß Unterstützung erhofft. "Maximilian und seine Mutter sind einem sadistischen, berechnenden, empathie- und skrupellosen Täter in die Hände gefallen."

Maximilian und seine Mutter sind einem sadistischen, berechnenden, empathie- und skrupellosen Täter in die Hände gefallen.Staatsanwalt Rainer Lehner

Rund um den Prozess gegen Oliver H. sind weitere Ermittlungsverfahren aufgenommen worden. Die Mutter von Maximilian K. ist zu einer Geldstrafe wegen Betrugs verurteilt worden. Gemeinsam mit dem Angeklagten hatte sie einen unrechtmäßigen Antrag auf Pflegegeld gestellt. Das Verfahren gegen eine weitere alleinerziehende Bekannte von Oliver H. mit ähnlichem Hintergrund wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt.

Gegen einen 77-jährigen Bekannten des Angeklagten läuft zudem aktuell ein Strafverfahren wegen Anstiftung zur Strafvereitelung. Dieser hatte von Oliver H. Briefe aus der Haft bekommen. Er soll daraufhin dem Sohn des Angeklagten ein Geschenk in Aussicht gestellt haben, sollte dieser bei der Polizei zugunsten des Vaters aussagen.

Auch auf den Angeklagten könnte noch weiteres Ungemach zukommen. Er hat von 2012 bis 2014 rund 60 000 Euro Pflegegeld im Namen dieses Bekannten kassiert. Man hatte gegenüber der Kasse angegeben, dass der 77-Jährige den Sohn von Oliver betreue. Zu einem Stundensatz von 8 Euro, oft 24 Stunden pro Tag. Rückforderungsansprüche der Krankenkassen stehen im Raum.

Im Prozess kam zudem eine Brandstiftung an einem Wohnwagen im Saalekreis zur Sprache, den der Angeklagte wegen der Versicherungsprämie angezündet haben soll. Die Erkenntnisse wurden an die Polizeibehörden in Sachsen-Anhalt weitergeleitet.

Ungeahnte AbgründeAngemerkt von Christine Ascherl

Die Staatsanwaltschaft dankt der Kripo für Beharrlichkeit und persönlichen Einsatz. 15 Monate nach dem Tod des neunjährigen Maximilian K. hatten im November 2015 die Handschellen geklickt. Oliver H. war schwer zu knacken. Er, der 2014 tränenreich den Tod des Jungen beweinte, ist in Wahrheit ein sadistischer Kinderquäler. Mit solch menschlichen Untiefen hatte auch die Mutter des Kindes nicht rechnen können, als sie den engagierten Alleinerziehenden im Kinderzentrum kennenlernte.

Es bleibt das schale Gefühl, dass am Ende nur die halbe Wahrheit auf den Tisch kam. Mit jeder Zeugenaussage ging noch eine Klappe tiefer auf. Betrüger, Brandstifter, Abzocker der Sozialsysteme. Am Ende ein Mörder. Drei Wochen. Neun Verhandlungstage. Selten war es so hart.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.