Immer mehr Mütter sind berufstätig
Frauen in der Teilzeit-Falle

Berufstätige Mütter sind auf Kinderbetreuung angewiesen. Der eineinhalbjährige Anton besucht die Kinderkrippe "Klinikzwerge" in Weiden. Seine Mutter Dr. Katarina Seidl ist Ärztin am Klinikum Weiden. Die Stadt Weiden hat die höchste Betreuungsquote für Kinder unter drei Jahren in der ganzen Oberpfalz. Bild: Weiß
 

Vormittags arbeiten und etwas Geld verdienen, nachmittags Zeit für sich und die Familie haben. Viele Frauen mit Kindern entscheiden sich für Teilzeitjobs. Doch die haben durchaus ihre Tücken.

So ideal, wie das Modell "Teilzeitarbeit" auf den ersten Blick aussieht, ist es nicht. Vor allem "Minijobs" oder Beschäftigungsverhältnisse mit geringen Arbeitszeiten und niedrigen Gehältern sind problematisch. Margot Salfetter, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt bei der Agentur für Arbeit in Weiden, kennt die Risiken. "Ich rate allen Frauen: Versuchen Sie, nach einer Familienpause so bald wie möglich den Wiedereinstieg zu schaffen! Gehen Sie so bald wie möglich von Teilzeit wieder in Vollzeit! Arbeiten Sie so bald und so viel wie möglich!" Ihre Kollegin Monika Reichel, Beauftragte für Chancengleichheit beim Jobcenter Weiden-Neustadt, pflichtet bei. Problematisch seien vor allem Minijobs: "Da sollte man wirklich ständig im Blick behalten, was später mit der Rente ist."

Auch die Gewerkschaften sehen die Zunahme der Teilzeit- und Minijobs kritisch. Peter Hofmann, Regionssekretär der Region Oberpfalz des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Weiden, umreißt die Problematik: "Fast jede zweite Frau in Deutschland arbeitet in Teilzeit. Viele machen das aber nicht freiwillig." Die meisten Beschäftigten hätten keine Chance, über ihre Arbeitszeiten mitzubestimmen. Bis heute gelte: einmal Teilzeit - immer Teilzeit. "Damit die Teilzeit-Falle ein Ende hat, brauchen wir neue Rechte", bekräftigt Hofmann.

Die Zahl der vollzeitbeschäftigten Frauen ging in ganz Deutschland zwischen 2001 und 2014 um knapp eine Million auf 7,5 Millionen zurück. Dagegen stieg die Zahl der Frauen in sozialversicherungspflichtigen Teilzeitjobs um 2,5 Millionen auf 6,3 Millionen. 5,3 Millionen weibliche Beschäftigte hatten 2014 ausschließlich einen Minijob. Gemessen an allen Beschäftigungsverhältnissen von Frauen fiel die Vollzeitquote von 55 Prozent im Jahr 2001 auf 40 Prozent im Jahr 2014.

Gesetzliche Teilzeit-Regelungen: Arbeitnehmer haben nur dann einen Anspruch auf Verringerung der Wochenarbeitszeit, wenn der Arbeitgeber - unabhängig von der Zahl der Auszubildenden - in der Regel mehr als 15 Arbeitnehmer beschäftigt. Aber auch Unternehmen, die diese Bedingung erfüllen, finden häufig Wege, eine Teilzeitbeschäftigung abzulehnen. "Die gesetzliche Regelung ist sehr dehnbar", sagt Margot Salfetter. Andererseits gilt: Wer erst einmal eine Teilzeitstelle angetreten hat, steckt oft darin fest. Ein gesetzlicher Anspruch, die Arbeitszeit wieder aufzustocken oder von der Teilzeit in eine Vollzeitbeschäftigung zu wechseln, besteht nämlich nicht.

Niedriges Einkommen: Den ersten Fehler machen viele Frauen nach Ansicht der Arbeitsmarkt-Expertinnen schon lange bevor sie als Mütter in die "Teilzeit-Falle" gehen. "Sie lernen oftmals typische ,Frauenberufe'", sagt Salfetter. Diese seien aber häufig vergleichsweise schlecht bezahlt. "Junge Mädchen sollten die Augen offenhalten. Es gibt inzwischen 360 Ausbildungsberufe im dualen System." Vor allem technische Berufe böten attraktive Gehälter. Trotzdem entscheiden sich Schulabgängerinnen für die immergleichen, eher wenig lukrativen Tätigkeiten im sozialen und im Dienstleistungsbereich. Bei Teilzeitbeschäftigung sei das Einkommen dann noch niedriger: "Damit lässt sich nur schlecht zurechtkommen", weiß Salfetter.

Frauen verdienen bis zu 20 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, kritisieren die Gewerkschaften und fordern ein Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit. "Das Bundesfamilienministerium hat einen Entwurf für ein Lohngerechtigkeitsgesetz vorgelegt", sagt DGB-Sekretär Hofmann. "Auch wenn wir uns mehr hätten vorstellen können, führt der Entwurf in die richtige Richtung." Das Gesetz müsse nun aber auch zügig verabschiedet werden.

Monika Reichel vom Jobcenter bedauert: "Es gibt leider immer noch zu viele Mädchen, die gar keine Ausbildung machen. Erst später wachen diese Frauen auf." Besonders schwierig sei es für jene, die nicht einmal einen Schulabschluss vorweisen könnten und schon jung Kinder bekommen hätten.

Neues Unterhaltsrecht: Der Gesetzgeber hat mit der Neugestaltung des nachehelichen Betreuungsunterhalts (Paragraf 1570 Bürgerliches Gesetzbuch) Fakten geschaffen. Er gab für Kinder ab der Vollendung des dritten Lebensjahres den Vorrang der persönlichen Betreuung auf. Auch derjenige Partner, der nach einer Trennung die Kinder erzieht, muss also spätestens nach dem dritten Geburtstag des jüngsten Kindes wieder selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen.

Dieses Schicksal kann jeden treffen. Von den rund 8,1 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern in Deutschland sind mittlerweile 1,6 Millionen Ein-Eltern-Familien. In neun von zehn Fällen ist der alleinerziehende Elternteil die Mutter. Zur Mehrfachbelastung durch Kinder, Haushalt und Job kommen häufig finanzielle Sorgen - vor allem dann, wenn der Ex-Partner den Kindesunterhalt schuldig bleibt. Die Jugendämter gewähren in solchen Fällen zwar einen Unterhaltsvorschuss; dieser wird jedoch nur bis zur Vollendung des 12. Lebensjahres und für maximal 72 Monate gezahlt. Nach Abzug des für ein erstes Kind zu zahlenden Kindergeldes gibt es für Kinder bis zu 5 Jahren derzeit 145 Euro und für Kinder von 6 bis 11 Jahren 194 Euro pro Monat.

Gleichberechtigung und gleiche Verteilung von Familienarbeit: Vor allem in der Familienphase verfestigen sich die Unterschiede in den Arbeitszeiten zwischen Männern und Frauen. Die Mehrheit der Paare entscheidet sich nach der Geburt eines Kindes für das "Zuverdienermodell": Der Mann arbeitet weiter Vollzeit, die Frau wechselt auf Teilzeit.

"Sehr viele Frauen gehen auch mit kleinen Kindern schon bald wieder arbeiten", weiß Margot Salfetter. Monika Reichel bestätigt: "Die berufliche Tätigkeit ist ihnen wichtig, da geht es nicht nur ums Geld." Doch kommen Studien immer wieder zum selben Ergebnis: Trotz zunehmender Erwerbstätigkeit lastet der Löwenanteil der Familienarbeit nach wie vor auf den Frauen.

Die meisten Männer beantragen nach der Geburt eines Kindes nur zwei Monate "Elternurlaub". Sie erfüllen also gerade einmal die gesetzlichen Mindestvorgaben, damit die Familie die staatlichen Leistungen in vollem Umfang erhält. Trotzdem findet Chancengleichheits-Beauftragte Salfetter: "Die Vätermonate sind schon mal ein Anfang." Monika Reichel sagt: "Bei Müttern fragt der Arbeitgeber nach, was sie tun, wenn ihr Kind krank wird. Die Väter fragt niemand." Es sei an der Zeit, dass auch Väter im Ernstfall zu Hause blieben - und dass die Betriebe dies akzeptierten.

Eine im Dezember 2014 veröffentlichte Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigt: 74 Prozent der Väter übernehmen nach eigenen Angaben weniger als die Hälfte der Kinderbetreuung, davon 37 Prozent etwas weniger als die Hälfte und 37 Prozent nur einen kleinen Teil oder kaum etwas. 30 Prozent der Mütter wünschen sich bei der Kinderbetreuung mehr Unterstützung durch ihren Partner.

Kinderbetreuung: Berufstätige Mütter sind auf Kinderbetreuung angewiesen. Eine flächendeckende Ganztagsbetreuung für Kinder sowohl im Vorschul- als auch im Schulalter gibt es in Bayern jedoch nicht. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung wagte 2014 einen Ausblick auf die Entwicklung der Ganztagsschulangebote in den Bundesländern. Bei konstanter Entwicklung käme demnach Bayern noch im Jahr 2020 lediglich auf eine Nutzungsquote von leicht über 20 Prozent. Zum Vergleich: In Sachsen besuchten bereits im Schuljahr 2012/13 fast 80 Prozent aller Schüler eine Ganztagsschule.

Für Kinder unter 3 Jahren belief sich die Ganztagsbetreuungsquote in der gesamten Oberpfalz zum 1. März 2015 auf 21,2 Prozent. Allerdings bestehen große Unterschiede zwischen den einzelnen Kreisen und kreisfreien Städten. Die Quoten reichen von nur 7,6 Prozent im Landkreis Cham bis zu 47,7 Prozent in der Stadt Weiden, die sich damit im Bezirk noch vor Regensburg (41,1 Prozent) an die Spitze setzt. Doch Fremdbetreuung kostet Geld. Für Kinderkrippe, Hort oder eine Betreuung in den insgesamt 14 Wochen jährlichen Schulferien sind zum Teil hohe Beträge zu bezahlen. Salfetter und Reichel raten berufstätigen Müttern trotzdem, auch bei geringem Einkommen einen Vollzeit-Job anzustreben: Die Jugendämter gewährten einkommensschwachen Haushalten im Einzelfall Zuschüsse für Betreuungsgebühren.

Rente und Altersarmut: Monika Reichel redet Tacheles. "Es ist sehr schwer, Frauen in Minijobs davon zu überzeugen, wieder sozialversicherungspflichtig zu arbeiten." Nur 40 Prozent wechselten aus der geringfügigen Beschäftigung in reguläre Arbeitsverhältnisse. Wer sich heute für einen Minijob und "mehr Netto vom Brutto" entscheide, steuere jedoch schnurstracks auf die Altersarmut zu. "Ich rate allen Frauen, aktiv auf die Rentenversicherung zuzugehen und zu schauen, wie viel Rente sie später bekommen", sagt Salfetter. Ihre Kollegin Reichel ergänzt: "Minijobs sind Fluch und Segen zugleich. Das Problem dabei ist - man darf nicht zu lange drinbleiben."

Die Höhe der künftigen Rente errechnet sich nach einem komplizierten System mit mehreren Faktoren. Jedem Jahr ist ein durchschnittlicher Monats-Betrag der Rente zugeordnet. Der zweite Berechnungsfaktor ist der sogenannte Entgeltpunkt. Er wird aus dem Jahresverdienst jedes einzelnen Versicherten im Vergleich zum Durchschnittsdeutschen ermittelt. 2015 erzielte der Durchschnittsdeutsche einen Jahresverdienst von 34 999 Euro. Liegt ein Versicherter genau auf diesem Wert, bekommt er einen ganzen Entgeltpunkt angerechnet.

Auch Minijobs unterliegen seit 2013 der Versicherungspflicht in der gesetzlichen Rentenversicherung. Der Minijobber erwirbt durch Beitragsaufstockung vollwertige Pflichtbeitragszeiten in der Rentenversicherung. Hierfür zahlen Minijobber zum pauschalen Rentenversicherungsbeitrag des Arbeitgebers von 15 Prozent in der Regel einen Eigenbeitrag von 3,7 Prozent. Bei einem monatlichen Verdienst von 450 Euro beträgt der Eigenbeitrag also 16,65 Euro. In diesem Fall steigt die monatliche Rente nach einem Jahr im Minijob derzeit um durchschnittlich 4,50 Euro. Auf Antrag können sich Minijobber allerdings von der Zahlung des Eigenbeitrags befreien lassen.

Hofmann schildert die Position der Gewerkschaften: "Minijobs sind berufliche Sackgassen und die Altersarmut ist bereits vorprogrammiert." Es sei längst überfällig, diese ungesicherten Kleinstarbeitsverhältnisse in sozialversicherte Beschäftigung umzuwandeln: "Nur so haben Frauen eine bessere Chance auf vernünftige Jobs und eine Rente, von der sie auch später in Würde leben können."

Quellen: "Weichenstellungen für die Aufgabenteilung in Familie und Beruf", Untersuchungsbericht zu einer repräsentativen Befragung von Elternpaaren im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach/Dezember 2014; "Kindertagesbetreuung regional 2015 - Ein Vergleich aller 402 Kreise in Deutschland", Erhebung der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder; Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; "Ganztagsschulen in Deutschland: Die Ausbaudynamik ist erlahmt", Studie von Prof. em. Dr. Klaus Klemm im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, 2014; Deutsche Rentenversicherung; Minijob-Zentrale
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