Internetnutzer werden immer jünger
Vom Surfschein bis zum Nutzungsvertrag

Längst ist das Internet auch in die Kinderzimmer eingezogen. Bild: dpa

Evan grinst in die Kamera bevor er ein riesiges grünes Gummibärchen auspackt. Der mittlerweile neunjährige Amerikaner stellt auf seinem Youtube-Kanal „EvanTubeHD“ seit einigen Jahren Spielzeug auf der Video-Plattform vor. Mittlerweile hat er über 2,4 Millionen Abonnenten und ist Millionär. In Deutschland betreibt die zwölfjährige Nona einen klassischen Mädchen-Blog. Nach einem Jahr hat sie auf Youtube über 40.000 Abonnenten. „Wie ich mein Zimmer aufräume“, „Ask Nona“ oder „Whats in my Schoolbag“ sind zum Beispiel Titel der Videos, in denen sie ihre Fans an ihrem Privatleben teilhaben lässt.

Nonas als auch Evans Eltern wissen Bescheid, was ihre Kinder im Internet machen und unterstützen das auch. „Der Account ist von Nona und wird von ihrer Mutter Sabine König überwacht und betrieben“, ist in Nonas Profilinformationen zu lesen. Das ist allerdings nicht immer der Fall. Oft wissen Eltern eben nicht, was ihre Kinder im Internet machen. Erst im Januar ging ein Prozess durch die Medien. In München wurden Eltern zu Strafzahlungen verurteilt, weil eines ihrer Kinder ein Album von Rihanna illegal im Internet zum Download angeboten hatte.


Die richtige Reaktion


Aber wie sollten Eltern reagieren, wenn der Nachwuchs im Internet aktiv werden will? "Ich halte nichts davon, Kindern den Umgang mit dem Internet zu verbieten, wenn diese sich aktiv dafür interessieren“, sagt Philipp Reich, Medienpädagoge im Jugendmedienzentrum T1 in Tirschenreuth. „Frühere Generationen haben viel telefoniert, um mit ihren Freunden in Kontakt zu bleiben. Heute passiert das eben über Computer und Smartphone“, fährt er fort. Er warnt davor, den Internetkonsum von Kindern und Jugendlichen negativ zu bewerten. „Die Medien sind überall präsent und gehören zu unserer Gesellschaft.“ Es gebe im Internet viel zu entdecken. Solange es sich dabei um geeignete Angebote handle, könnten Kinder vom Internet profitieren. Bei einer altersgemäßen Nutzung sehe er deswegen auch für kleinere Kinder keine Nachteile. „Sie werden auf unsere Gesellschaft vorbereitet und an sie herangeführt.“



Aber ab welchem Alter sollten Kinder tatsächlich im Internet surfen? Eine aktuelle Bitkom-Studie belegt: Fast alle Zehnjährigen sind täglich online. Mit sechs bis sieben Jahren sind es immerhin gut 40 Prozent. Und das Einstiegsalter sinkt weiter. So berichtet das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet von einem Dreijährigen, der selbstständig seinen eigenen Laptop startet, den Browser öffnet, auf die Adressleiste klickt, Youtube anhand seines Symbols erkennt und startet. Ist das für kleine Kinder wirklich sinnvoll? „Ich finde es nicht in Ordnung, wenn Dreijährige schon alleine auf Youtube surfen“, sagt Reich. Das liege nicht nur daran, dass die Kinder dabei schnell auf verstörende Inhalte stoßen können, ergänzt er. „Generell steht bis zu einem Alter von drei Jahren das reale Leben und ganzheitliches Erleben im Vordergrund.“ Medienkonsum ziele jedoch vor allem auf visuelle und auditive Wahrnehmung ab.


Studie: Viele Eltern lassen Kindern freie Hand im InternetBerlin. (dpa) Rund die Hälfte der Eltern in Deutschland stellt ihren Kindern laut einer Studie keine Regeln zur Internet-Nutzung auf. In knapp jeder dritten Familie werde auch nicht festgelegt, welche Inhalte sie sich im Netz ansehen dürfen. Das ergab eine Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK-Gesundheit. Für sie befragte das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Sommer 1000 Eltern in Deutschland.

Demnach verbringt im Schnitt jedes vierte Kind im Alter zwischen 12 und 17 Jahren an einem gewöhnlichen Wochentag rund eine Stunde im Internet, bei 29 Prozent sind es zwei Stunden. Am Wochenende sei jeder Fünfte sechs Stunden oder länger im Netz.

Die populärsten Aktivitäten sind der Studie zufolge das Ansehen von Videos und Online-Spiele. Nach Einschätzung der Eltern verbringen jeweils rund 29 Prozent der Kinder damit mehr als die Hälfte ihrer Online-Zeit. Für 28 Prozent seien das Chats und Messenger.

Bei rund der Hälfte der Eltern verbringt das Kind mehr Zeit online als es sich vorgenommen hatte. Gut ein Fünftel der Eltern (22 Prozent) gaben an, ihr Kind fühle sich ruhelos, launisch, niedergeschlagen oder gereizt, wenn es versuche, das Internet weniger zu nutzen oder damit ganz aufzuhören.

Gemeinsam das Internet entdecken


Für die Praxis schlägt der Medienpädagoge eine Art „begleitetes Surfen“ vor: Eltern erkunden gemeinsam mit ihren Kindern das Internet. Bis zu einem Alter von sechs Jahren sei dies auf jeden Fall notwendig. Danach komme es auf die Entwicklung des Kindes an. Aber auch wenn der Nachwuchs dann vielleicht selbstständig im Internet unterwegs ist: Für Fragen oder Probleme sollten Eltern trotzdem in Rufweite bleiben. „Es entstehen viele Eindrücke, die die Kinder erst verarbeiten müssen.“

Grundsätzlich sei es gut, wenn immer ein Ansprechpartner in der Nähe ist. „Auch Geschichten für Kinder können furchteinflösend sein. Es geht nicht nur um jugendgefährdende Inhalte.“ Der Medienpädagoge empfiehlt „geschützte Surfräume“: Spezielle Kinderseiten wie blinde-kuh.de oder fragfinn.de leiten ihre jungen Besucher tatsächlich nur auf für diese unbedenkliche Inhalte weiter.

Tipps für Eltern
  • Vorbild sein. Zum Beispiel: Kein Smartphone am Esstisch. Kinder ahmen das Verhalten ihrer Eltern nach.
  • Interesse schafft Vertrauen. Vor allem kleine Kinder brauchen im Umgang mit dem Internet die Unterstützung ihrer Eltern. Außerdem: Dadurch entsteht Vertrauen.
  • Gemeinsame Regeln aufstellen. Sowohl zeitliche als auch inhaltliche Grenzen sind wichtig. Eltern sollten auf deren Einhaltung achten.
  • Privatsphäre vermitteln. Kinder brauchen eine verständliche Erklärung, was sie von sich preisgeben dürfen und was nicht.
  • Risiken ansprechen. Eltern sollten offen über Gefahren wie pornographische oder gewaltverherrlichende Videos sprechen und mit ihren Kindern ausmachen, was diese tun sollen, wenn sie auf einen solchen Inhalt stoßen.
  • Achtsamkeit vermitteln. Auch im Internet lässt sich Geld ausgeben. Wie beim Taschengeld müssen Kinder den richtigen Umgang damit lernen.

Quelle: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Gutes Aufwachsen mit Medien

Um aber von vornherein Diskussionen darüber zu vermeiden, was im Internet erlaubt ist und was nicht, können gemeinsam erarbeitete Regeln in einem Vertrag festgelegt werden. Das Kind verpflichtet sich zum Beispiel, die vereinbarten Nutzungszeiten nicht zu überschreiten. Bis zu einem Alter von fünf Jahren sollte das eine halbe Stunde am Tag sein, zwischen sechs und neun Jahren maximal eine. „Ab zehn Jahren ist es gut, Wochenstunden festzulegen. So lernen die Kinder, sich ihre Zeit selbst einzuteilen“, erläutert Reich. Hier sei eine Online-Zeit von zirka neun Stunden pro Woche sinnvoll. Aber auch Punkte wie „keine illegalen Downloads“ können in einem solchen Vertrag schriftlich festgehalten werden. Die Eltern wiederum unterschreiben zum Beispiel, dass sie sich für das interessieren, was ihr Nachwuchs am Computer oder Smartphone macht.

Nützliche Programme und Dokumente Der Kinderserver lässt sich browserübergreifend für alle oder als Erweiterung für einen speziellen Browser auf dem Computer installieren. Es entsteht ein geschützter Surfraum. Das Programm arbeitet mit den geprüften URL-Listen verschiedener Kinderseiten und soll verhindern, dass Kinder auf Seiten mit verstörenden Inhalten gelangen. Bekannte große Suchmaschinen oder Videoportale sind nicht erreichbar. Einzelne Seiten können von Erwachsenen manuell freigeschalten werden.

Mit dem Surfschein von Internet-ABC lernen Kinder spielerisch in einem Test sich im Internet zurechtzufinden. Haben sie am Ende genügend Punkte, bekommen sie einen eigenen Surfschein zum Ausdrucken. Der Test kann beliebig oft wiederholt werden.

Mit dem Mediennutzungsvertrag von klicksafe und Internet-ABC legen Eltern und Kinder mit Hilfe eines Baukastensystems gemeinsam Regeln fest. Mit seinem bunten Layout bietet sich dieser Vertrag vor allem für jüngere Kinder an.

Ebenfalls einen Vertrag zur Internetnutzung hat Rechtanwalt Christian Solmecke aus der Kölner Kanzlei Wilde Beuger Solmecke entwickelt. Eltern können mit einem solchen Vertrag zudem nachweisen, dass sie ihre Kinder belehrt haben, was im Internet rechtlich erlaubt ist. Dieser Nachweis kann dazu führen, dass sie für Urheberrechtsverletzungen ihrer Kinder nicht haftbar gemacht werden können.



Interesse und Gelassenheit


Interesse zeigen sei allgemein das „A und O“, betont Reich. „So entsteht ein Vertrauensverhältnis. Die Kinder merken, sie können sich auch an ihre Eltern wenden, wenn sie etwas auf dem Herzen haben – ohne dass ihnen sofort mit Verboten gedroht wird.“ Die Aussage „Ich will nix drüber wissen“ sei der falsche Ansatz. Sollte es tatsächlich Probleme geben, sei es wichtig, dass Eltern gelassen reagieren. Schwierig werde es erst, wenn sich Kinder nicht trauen, etwas zu sagen. Dann könne es passieren, dass sich die ganze Geschichte aufbauscht. „Die beste Prävention ist immer noch, offen darüber zu reden“, rät Reich. Sollte aber eine Situation entstehen, bei der Unterstützung von außerhalb nötig ist, gebe es mit Polizei, Verbraucherstellen oder auch dem Jugendmedienzentrum T1 einige Anlaufstellen in der Region, die helfen, oder zumindest den richtigen Ansprechpartner vermitteln können. Die häufigste Frage, die dem Medienpädagogen und seinen Kollegen im Alltag übrigens begegnet, ist tatsächlich die nach den Nutzungszeiten. Durch Smartphones und mobiles Internet hätten Eltern das Problem, dass sie kaum noch kontrollieren könnten, wie lange ihr Nachwuchs im Internet unterwegs ist. Reich beruhigt die Eltern dann und erklärt ihnen, dass eben ein großer Teil dieser Zeit für die Kommunikation mit Gleichaltrigen verwendet werde. „So lange das Kind auch andere Interessen hat, Freunde trifft oder zum Beispiel im Fußballverein aktiv ist, besteht vermutlich kein Grund zur Sorge.“

Anlaufstellen T1 – Jugendmedienzentrum Oberpfalz Nord
Tannenlohe 1
D–95685 Falkenberg
Telefon: 09637 929789
t1@tirschenreuth.de

Medienfachberatung im Bezirk Oberpfalz

Bezirksjugendring Oberpfalz
Von-der-Tann-Straße 13a
93047 Regensburg
Telefon: 0941 5999735
Fax: 0941 5999734
oberpfalz@medienfachberatung.de
Alles können die Experten aber auch nicht übernehmen. „Medienerziehung ist Aufgabe der Eltern“, betont Reich. Sie seien voll in der Verantwortung und Pflicht, ihre Kinder auch in diesen Teil ihrer Lebenswelt zu begleiten. Deswegen sei es wichtig, dass sie sich mit den Fortschritten in der Medienwelt beschäftigen. „Klar ist das schwer, weil sich die Dinge so schnell entwickeln und Kinder in der Nutzung einfach fitter sind. Aber man kann diese Thematik nicht ausklammern“, erklärt Reich. Das Jugendmedienzentrum biete dazu auf Anfrage spezielle Infoveranstaltungen an. Eine Möglichkeit sei aber auch, sich einfach von den Kindern erklären zu lassen, was sie machen und wie das funktioniert.

Eltern sind Vorbilder


Grundsätzlich sei es aber – wie in allen anderen Bereichen auch – wichtig, dass Eltern darauf achten, dass ausgemachte Regeln eingehalten werden. Und, dass sie ein Vorbild sind: „Ein Erwachsener, der beim Essen auf das Smartphone schaut, tut sich schwer, seinen Kindern zu vermitteln, dass sie das nicht dürfen“, erklärt der Medienpädagoge.

Ein Vorbild möchte auch die elfjährige Mia sein. Seit 2013 hat sie zusammen mit ihrem volljährigen Bruder eine eigene Youtube-Show. Unter dem Titel „Mia & Patrick“ nehmen sie sich zum Beispiel gegenseitig auf den Arm. Mia zeigt aber auch, dass sie nicht nur Spaß und Unfug machen kann. Im vergangenen November nutzte sie ihren Youtube-Kanal auch, um sich an ihre gleichaltrigen Youtube-Kollegen zu wenden: Ihr Video „Richtig schminken mit zehn Jahren“, das über 100.000 Mal aufgerufen wurde, beginnt sie mit jeder Menge Make-up im Gesicht, um sich dann im Laufe des Clips abzuschminken. „Im Alter zwischen 10 und 15 Jahren ist es nicht wichtig, sich schon zu schminken“, erklärt Mia am Ende. Es komme auf die inneren Werte an und nicht auf das, „was man im Gesicht hat“.



Internetseiten für Kinder


  • www.fragfinn.de: Die Suchmaschine basiert auf einer sogenannten Whitelist, einer Sammlung von kindgerechten und durch Medienpädagogen geprüften Internetseiten.

  • www.blinde-kuh.de: Die Suchmaschine basiert ebenfalls auf einer Whitelist. Sie bietet zudem kindgerechte Nachrichten und einen Servicebereich mit Sicherheitstipps. Blinde-Kuh.de ist außerdem auch in türkischer Sprache abrufbar.

  • www.meine-startseite.de: Die Startseite lässt sich über ein Bausatzsystem individuell auf jeden Nutzer anpassen. Es stehen unter anderem Module für Kinofilme, Nachrichten oder E-Mails zur Verfügung.

  • www.klexikon.de: Das Nachschlagewerk erinnert an den Stil von Wikipedia. Die Artikel sind kurz, leicht verständlich und möglichst frei von Fremdwörtern.

  • www.knipsclub.de: Die Foto-Community lädt Kinder ein, ihre eigenen Fotos auf die Plattform zu stellen. Die Seite enthält außerdem leicht verständliche Informationen zu Urheber- und Datenschutzrecht.

  • www.juki.de: Die Video-Plattform ermöglicht jungen Nutzern ihre selbstgedrehten Videos hochzuladen oder selbst einen Trickfilm zu erstellen.

  • www.tausch-dich-fit.de: Die Tauschbörse bietet Kindern die Möglichkeit materielle Dinge untereinander zu tauschen. Die Seite bietet zudem Hintergrundinformationen rund um das Thema „Handel“.

  • www.grundschulpost.de: Der E-Mail-Anbieter ist ausschließlich für Kinder im Grundschulalter gedacht. Die Adresse muss von einem Erwachsenen eingerichtet werden. Dieser bekommt auch alle E-Mails der Kinder als Kopie zugeschickt.

  • www.seitenstark.de/chat: Der Chat hat spezielle Öffnungszeiten, die gewährleisten, dass die Gespräche der Kinder immer beaufsichtigt werden. Zwei Moderatoren überprüfen die Beiträge vor Veröffentlichung und moderieren die Gespräche.


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