Interview mit Bayern-3-Moderator und Buchautor Thorsten Otto
Erst mal übers Wetter reden

Thorsten Otto hat knapp 2000 Gäste auf Bayern 3 interviewt. Bild: Susanne Sigl
 

Von Herbert Grönemeyer über Mario Adorf bis zu Oliver Welke: Der Weidener Thorsten Otto hat sie alle interviewt. Der Radio-Talker mag seine Gäste. Es gibt jedoch auch eine Ausnahme.

Weiden/München. Rund 2000 Gäste hat Thorsten Otto bisher interviewt. 1400 in seiner Radio-Talkshow "Mensch Otto!", 600 in "Stars und Hits", beides auf Bayern 3. In seinem Buch "Die richtigen Wort finden" gibt der 52-jährige gebürtige Weidener Tipps für die Gesprächsführung und erzählt Anekdoten aus seinen Sendungen. Im Gespräch mit unserer Zeitung zeigt sich der zweifache Familienvater auch als Interviewter schlagfertig.

Wie kamen Sie als Mann des gesprochenen Wortes darauf, ein Buch zu schreiben?

Otto: Ich war früher Sportler und habe nicht oft die richtigen Worte gefunden. Ich hab mich da richtig schwer getan. Es geht ja vielen Leuten so. Ich bin nicht der Experte oder Besserwisser. Aber ich habe mir gedacht, ich gebe mal etwas zurück aus meinem Erfahrungsschatz. Und schreibe auf, dass ich wirklich kein Naturtalent war. Ich meine es ernst: Wenn ich das gelernt habe, dann kann es jeder hinkriegen.

Es ist aber ein gewaltiger Unterschied, ob Sie im Studio Fragen stellen oder am Laptop Geschichten niederschreiben.

Absolut. Riesenunterschied. Es war eine wirkliche Herausforderung. Aber der wollte ich mich unbedingt stellen.

Wie lange haben Sie gebraucht, bis das Buch fertig war?

Netto etwa acht Wochen. Ich habe vor allem meine Ruhe gebraucht. Im Büro und zu Hause kann ich nicht schreiben. Es mag Leute geben, die sich mal eine Stunde um die Kinder kümmern und dann weiterschreiben. Ich kann das nicht. Ich muss am Stück schreiben.

Wie haben Sie das hinbekommen?

Ich habe mich zum Beispiel in eine Berghütte zurückgezogen. Da gab es zum Teil kein fließend Wasser. Da kommst du dir dann auch vor wie ein richtiger Autor.

Wenn man das Buch liest, ist es tatsächlich so, als wären Sie dem Radio entsprungen direkt auf die Seite. Für mich ist das eins zu eins Ihre Sprache zu Papier gebracht.

Das ist ja ein Riesenkompliment, denn genau das war meine Absicht. Ich wollte alles so authentisch wie möglich aufschreiben.

Sie haben ja jede Menge Promis interviewt. Wie viele Geheimnisse durften Sie denn in dem Buch preisgeben?

Es waren wirklich ganz wenige Gäste in den Sendungen, wo ich mir gedacht habe: Den Idioten brauchste nie wieder. Und das waren dann B- oder C-Promis. Die großen Persönlichkeiten sind zumindest so professionell, dass sie sich in dieser einen Stunde freundlich gezeigt haben.

Okay, einen Stinkstiefel müssen Sie jetzt aber trotzdem nennen.

Mario Barth war zum Beispiel sehr anstrengend. Er macht unglaublich einen auf wichtig, tritt mit Bodyguards an. Er guckte mich auch die ganze Zeit nicht an.

Oberpfälzer gelten ja als wortkarg, eher introvertiert. Ist es für Sie als gebürtiger Weidener ein Lernprozess gewesen, sich zu öffnen?

Ich war nie ein Vielredner. Ich habe sicherlich durch meinen Vater (der ehemalige Landgerichtsvizepräsident Eberhard Otto, Anm. der Red.) gelernt zu argumentieren. Aber ich war ein schüchterner Typ. Aber genau das war die Herausforderung, das zu lernen. Klingt banal, aber es ist so.

Mal zur Praxis. Wenn ich eine Person neu kennenlerne, was ist die beste erste Frage, was kann ich falsch machen?

Man kann gar nichts falsch machen, außer zu perfekt sein zu wollen. So einfach "Grüß Gott" und "Wie geht es dir" mit einem Lächeln, und schon biste im Gespräch. Es spricht nichts dagegen, über das Wetter zu sprechen. Sag es freundlich und ehrlich, und es passt. Vor allem, wenn du mit einem Oberpfälzer ins Gespräch kommen willst, solltest du dich nicht verstellen.

Ein Plädoyer für den Smalltalk.

Absolut. Das wird bei uns total unterschätzt. Das kann das tollste Gespräch werden. Und ich kann ja nicht gleich als erste Frage stellen: Glaubst du an Gott? Rede erst mal über das Wetter oder die SpVgg Weiden.

Stimmt natürlich. Das Wetter. Das ist das einfachste Thema.

Und das ist so verpönt. Viele denken, das wäre unter seinem Niveau. Blödsinn. Und noch ein Tipp: Auf keinen Fall sich selber zu wichtig nehmen. Erst mal zuhören und keine Monologe halten. Das ist auch eine Übungssache. Beim ersten Mal ist es vielleicht ein wenig schwierig, beim zehnten Mal klappt es dann schon.

Ist es für Sie nicht zunehmend schwer im Gespräch, sich zurückzunehmen? Viele Gäste können rhetorisch ja nicht mithalten.

Es ist mein Job, den Gast glänzen zu lassen und von ihm etwas zu erfahren. Ich habe überhaupt nicht das Bedürfnis, schlauer zu sein als mein Gegenüber.

Was ist, wenn Sie über einen Themenbereich nicht hundertprozentig Bescheid wissen.

Das ist überhaupt nicht schlimm. Natürlich versuche in der Vorbereitung des Gesprächs möglichst viel zu wissen. Nicht über jedes wissenschaftliche Detail, aber über meinen Gast.

Wie viel Zeit beansprucht die Vorbereitung für eine Sendung?

Ich versuche, jedes Buch zumindest querzulesen. Ansonsten dauert eine Interview-Vorbereitung zwischen drei und vier Stunden. Das Gespräch wird dann in der Regel so gesendet wie aufgezeichnet.

"Mensch Otto" ist eine Unterhaltungssendung. Sie wollen die Leute eine Stunde am Radio festhalten. Dabei sind die Themen derzeit alles andere als leicht, der Terror, die Anschläge. Kann man ein Gespräch überhaupt ohne diese Komplexe bestreiten?

Das kommt darauf an. Wenn ich zum Beispiel einen politischen Comedian wie Michael Mittermeier zu Gast habe, werde ich natürlich über die Attentate reden. Ist eine junge Schauspielerin zu Gast, von der ich weiß, dass sie keine große politische Meinung hat, dann werde ich das respektvoll umschiffen.

Wie wichtig ist die Gestik oder Mimik der Gäste für die Gesprächsführung?

Ganz wichtig. Daran sehe ich: Meint der das ernst, was er sagt? Ich versuche die Intensität durch ständigen Blickkontakt hoch zu halten. Ich versuche, jedem Menschen das Gefühl zu vermitteln, dass ich auf Augenhöhe mit ihm rede.

Wer legt die Gästeliste für Ihre Sendung fest? Kommen die Interessenten auf Sie zu, oder suchen Sie selbst?

Interessanterweise fragen vermehrt Politiker an, die bieten sich an.

Und dann?

Ich behandle sie völlig normal. Wenn sie mich interessieren, lade ich Sie ein. Wir hatten zum Beispiel bei der Familie Stamm Mutter und Tochter da, das war eine spannende Kombination. Barbara bei der CSU, Claudia bei den Grünen.

Wie verkauft sich Ihr Buch?

Ich hab mich ertappt, wie ich bei den Amazon-Listen geschaut habe, da ist es schon gut dabei. Aber ich wollte ja keinen Bestseller schreiben, sondern in erster Linie schauen, ob ich das kann.

Wie ist das, vom Interviewer zum Interviewten zu werden?

Ich stelle nach wie vor lieber die Fragen. Mittlerweile bekomme ich es aber ganz gut hin, es ist aber sicher nicht meine Lieblingsbeschäftigung.

Was ist jetzt denn eine gute Schlussfrage an Sie?

Zum Beispiel, worüber ich als nächstes schreiben werde.

Also: Werden Sie noch ein Buch schreiben?

Ich möchte es nicht ausschließen, weil das jetzt so viel Spaß gemacht hat. Ich würde gerne ein längeres Porträt über Horst Seehofer schreiben. Oder einen Roman übers Radio.

Ich habe mich zum Beispiel in eine Berghütte zurückgezogen. Da gab es zum Teil kein fließend Wasser. Da kommst du dir dann auch vor wie ein richtiger Autor.Thorsten Otto


Und ich kann ja nicht gleich als erste Frage stellen: Glaubst du an Gott? Rede erst mal über das Wetter oder die SpVgg Weiden.Thorsten Otto

Der Lebenslauf


Thorsten Otto schreibt in seiner Sendung "Mensch Otto!" immer einen Lebenslauf für seine Gäste, den diese vorlesen. Für unsere Zeitung hat der Weidener selbst in die Tasten gelangt:

"Ich heiße Thorsten Otto und liebe gute Gespräche. Es gibt nichts spannenderes für mich als Menschen und ihre Geschichten. Sich gut zu unterhalten ist keine Hexerei, kann aber alles verändern. Ich bin überzeugt, dass jeder diese Kunst erlernen kann. Für diese These bin ich der lebende Beweis, denn ich war ein schüchternes Kind. Geprägt haben mich meine wunderbare Kindheit in der Oberpfalz, mein Vater, der mir beigebracht hat zu argumentieren und meine Zeit als Basketballer in Weiden. Heute kann ich mit (fast) jedem Menschen auf Augenhöhe reden. Dadurch habe ich viel über andere, aber noch mehr über mich selbst gelernt. Einen Gesprächspartner gibt es allerdings, der mich mit schöner Regelmäßigkeit überfordert: mein vierjähriger Sohn!"

Das Buch


Wie steigt man am besten in ein Gespräch ein? Wie schafft man eine angenehme Atmosphäre? Und wie geht man selbst mit schwierigen Gesprächspartnern gelassen um? Das zeigt Bayern-3-Moderator Thorsten Otto, der seit 2008 in seiner Sendung "Mensch, Otto!" Prominente, aber auch "normale" Menschen interviewt und ihnen spannende Geschichten aus ihrem Leben und das eine oder andere Geheimnis entlockt. Otto stellt treffsichere Fragen, hakt in den entscheidenden Momenten nach und geht empathisch auf seine Gesprächspartner ein. In dem Ratgeber "Die richtigen Worte finden" verrät Thorsten Otto seine Tipps, Tricks und Kniffe und vermittelt alles Wissenswerte zu gezielten Fragen, verbalen und nonverbalen Signalen und Körpersprache. (mgv-Verlag, 208 Seiten, 16,99 Euro).

Die Sendung


1998 begann Thorsten Otto bei Bayern 3, wo er jahrelang das Mittagsmagazin moderierte. Außerdem empfing er in diesem Jahr erstmals am Sonntagvormittag bei "Stars & Hits" prominente Gäste. Seit Oktober 2008 moderiert er die Interview-Sendung "Mensch, Otto!", die Montag bis Freitag von 19 bis 20 Uhr gesendet wird, im Wechsel mit Brigitte Theile in "Mensch, Theile!". Der Weidener interviewt zudem sonntags Prominente von 9 bis 12 Uhr bei "Mensch, Otto! - Stars am Sonntag". Im Jahr 2014 gewann Otto mit Julia Liebing den Deutschen Radiopreis 2014 in der Kategorie "Bestes Interview". Die Sendung "Mensch, Otto!" hören täglich im Schnitt zwischen 400 000 und 500 000 Menschen.
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