Italienische Nacht ohne Flair in der Partnerstadt
Halb Macerata übernachtet nach schweren Erdstößen im Auto

Die Macerateser Umlandgemeinde Camerino hat das Erdbeben am Mittwochabend besonders schwer erwischt. Bürger mussten in der Garage eines Busunternehmens übernachten. Ähnlich sah es in der größten Sporthalle der Partnerstadt aus. Bild: dpa

Pierluigi Tordini weiß, dass es seltsam klingt: "An ein Erdbeben gewöhnst du dich nie, aber heute früh hat es uns im Büro mindestens dreimal durchgeschüttelt. Das hatte schon fast was Regelmäßiges", scherzt der Marketingchef der Provinz Macerata die gerade zu Ende gegangene Horrornacht weg.

Am Donnerstagmorgen ist er brav zur Arbeit ins Rathaus gegangen. So wie die meisten seiner Kollegen. "Nur wer kleine Kinder hat, ist daheim geblieben." Die Bürger der Partnerstadt beweisen in diesen Stunden Zähigkeit. Fast die Hälfte hat die Nacht im Auto, in einer Turnhalle oder sogar im Zelt verbracht, nachdem am Mittwochabend innerhalb von zweieinhalb Stunden zwei schwere Erschütterungen mit fast Stärke 6 die Region durchrüttelten. "Bei dem Stoß um halb zehn hatten wir wirklich Angst", sagt Tordini. Ulderico Orazi, der Verbindungsstadtrat nach Weiden, musste seiner Frau sogar Erste Hilfe leisten, so sehr erschrak sie.

Bürgermeister Romano Carancini und sein Stab reagierten dennoch schnell. Sie ließen Parkplätze am Messegelände und am Stadion öffnen, organisierten Toiletten und warme Getränke. Tausende schliefen bei strömendem Regen in ihren Wagen. Einige fanden in der Sporthalle, in der die Erstliga-Volleyballer um die Champions-League spielen, Unterschlupf. Willkommen waren jene, die sich nicht trauten, zu Hause zu übernachten. Das waren vor allem Mieter und Besitzer älterer Wohnungen.

Nach bisherigen Erkenntnissen kam es in Macerata nicht zu Einstürzen. Die 25 Schulen und die Kindergärten bleiben aber bis 3. November geschlossen. So lange wird die Gebäudesubstanz untersucht. Einstweilen geht das Leben so normal wie möglich weiter. Im Gegensatz zum Umland sind keine Straßen gesperrt, und die Busse fahren. Die Wochenendaktivitäten sind jedoch zurückgefahren. Ein geplanter Fitness-Event - ähnlich wie "Weiden bewegt sich" vor einigen Jahren - hat sein Programm reduziert, ebenso speckt ein Markt mit französischen Spezialitäten sein Angebot ab.

Angst vor der Nacht


"Viele Studenten aus anderen Regionen Italiens sind schon übers Wochenende heimgefahren", weiß Tordini. Diejenigen, die bleiben oder bleiben müssen, sind auf der Hut. Die Stadt empfiehlt ihnen eine App namens "CityUser" fürs Smartphone. Sie meldet sich per Sprachnachricht auf Englisch und Italienisch, wenn wieder Erdstöße drohen.

Am Donnerstagnachmittag blickten die Maceratesi wieder mit Sorge auf die nächste vermeintlich schlaflose Nacht. "Aber wenigstens hat es zu regnen aufgehört", sagt Pierluigi Tordini, der sich herzlich für mitfühlende SMS und E-Mails von Freunden aus Weiden bedankt.
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