Journalist Dietmar Telser referiert über preisgekrönte Dokumentation
Unfassbares Leid in Bildern

Der Journalist Dietmar Telser hat sich drei Monate lang unter Flüchtlingen aufgehalten. Nun kam er nach Weiden. Hier sprach er über seine Dokumentation und das Buch "Der Zaun". Bild: sbü

Bei den Zuhörern kam eine Stimmung von Verzweiflung und Hilflosigkeit auf. Am Ende fragten sie den Referenten: "Was können wir nur tun, um zu helfen?"

Sechs Monate lang hatte sich der Journalist Dietmar Telser von seiner Zeitungsredaktion in Koblenz beurlauben lassen. Drei Monate lang bereiste er im Sommer 2014 mit Bildjournalist Benjamin Stöß Küstenländer des Mittelmeers. Hauptzweck der Reise war, die Situation der Flüchtlinge in den Ausgangsländern und den Ankunftsländern zu beobachten und zu dokumentieren. Heraus kam die preisgekrönte Dokumentation "Der Zaun" (online abrufbar unter www.der-zaun.net). Nun war Telser in Weiden zu Gast.

In einer Vortragsveranstaltung in der Volkshochschule berichtet er von seinen Erlebnissen. Zudem zeigt er Ausschnitte aus seiner Dokumentation. Unterstützt hat die Veranstaltung Amnesty International aus dem Bundesprogramm "Demokratie leben".

Erschütternde Bilder, die in ihrer Tragik kaum zu übertreffen sind, werden in sechs Sequenzen der Dokumentation gezeigt. Telser erzählt dabei von Zäunen. Sie gab es auch schon 2014. Zum Beispiel in Melilla, angrenzend an Marokko, einer spanischen Enklave an der nordafrikanischen Küste.

Extreme Anspannung


Der Zaun hat ein engmaschiges Netz, ist sechs Meter hoch und mit Tränengasdüsen ausgestattet. Es gibt Wachtürme mit Grenzwächtern, Videoüberwachung und Wärmebildkameras. Die einzige Möglichkeit, dass Einzelne ihn überwinden, sei ein Massenansturm, berichtet Telser. Brutalität gebe es dabei auf beiden Seiten, denn die Flüchtlinge haben nichts zu verlieren: "Wir haben die Verletzten gesehen", sagt er. Um Melilla herum seien Flüchtlingsghettos entstanden, in denen extreme Anspannung herrsche.

Telser schildert auch seine Kontakte mit einzelnen Flüchtlingen, die zum Teil bis heute bestünden. Etwa der mit einem jungen Mann namens Mutaz. Er habe es geschafft, nach Deutschland zu kommen. Er stelle heute zurecht die Frage: "Warum müssen wir diesen gefährlichen Weg auf uns nehmen und können nicht in unserer Heimat wie bei der Green Card einen Ausreisantrag stellen?"

Immer wieder spielen auch die Schlepperbanden in den Erlebnissen des Journalisten eine große negative Rolle. Flüchtende zahlen oft hohe Summen. Doch die Flucht gelingt nicht. Es geht zurück an den Ausgangsort. Auch der 12,5 Kilometer lange Zaun an der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland ist Thema. Deshalb begannen die Flüchtlinge über Bulgarien zu fliehen, sagt Telser. Doch auch dort habe man längst Zäune errichtet. Die Folgen zeigt die Dokumentation des Journalisten: Flüchtlingsboote kentern, Flüchtlinge springen ins Wasser, um sich zu retten. Telser erzählt von Schiffkatastrophen, aber auch von ankommenden Flüchtlingsbooten. Er berichtet von angeschwemmten Pässen der Ertrunkenen und von verzweifelten Eltern, die seit Jahren nichts mehr von ihren Kindern gehört haben.

Willkommen heißen


Und er erzählt auch von einem Polizisten, der versuche, in nächtelanger Arbeit angeschwemmte Leichen zu identifizieren. Die Reportage setzt sich aus einer fast endlos erscheinenden langen Sammlung erschütternder Szenen und Ereignisse zusammen. Die Zuhörer in der VHS reagieren entsprechend: mit Trauer, Verzweiflung und Hilflosigkeit. Telsers Rat: "Bereiten Sie denen, die hier sind, eine Willkommenskultur."

Moderiert hat den Vortrag Ruth Jachertz, Jugendbildungsreferentin bei Arbeit und Leben.
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