Jugendamtsleiterin: Zweiter Vorfall hätte verhindert werden können
Bub zwei Mal verbrüht: Kritik an Krankenhäusern

"Ich habe schon viel erlebt in diesem Beruf. Aber so was ... Es ist wirklich grausam."" Zitat: Jugendamtsleiterin Bärbel Otto

Zwei Mal erleidet ein Kleinkind schwerste Verbrühungen. Das Gericht verurteilt die Eltern wegen Misshandlung. Sind die Behörden zu spät eingeschritten? Die Jugendamtsleiterin nimmt Stellung.

Zu drei Jahren Haft hat das Amtsgericht Weiden das Elternpaar verurteilt. Absicht konnte Mutter (24) und Vater (27) trotz des starken Verdachts nicht nachgewiesen werden. Das Gericht erkannte dennoch eine Misshandlung Schutzbefohlener, weil die Eltern das Kind erst Stunden später in Regensburger Kliniken brachten. Der Richter sah darin den Versuch, das Fehlverhalten vor der Weidener Kinderklinik und damit den Jugendämtern zu verbergen, denen die Familie bekannt war.

Der Fall schockiert - und wirft Fragen auf. Zum Beispiel: Warum sind die Behörden nicht früher eingeschritten? Bärbel Otto, die Weidener Jugendamtsleiterin, räumt ein: Die zweite Verbrühung hätte womöglich verhindert werden können, wäre der erste Vorfall rechtzeitig bekannt geworden. Der Vorwurf richtet sich insbesondere gegen die beteiligten Kliniken in Regensburg und Schwabing.

Ereignet hat sich der erste Fall 2013 im Landkreis Tirschenreuth. Das Baby erlitt Verbrennungen an Gesicht und Ohren. In der Regensburger Klinik gab der Vater an, er sei mit dem Wasserkocher gestolpert. Dem Kreisjugendamt war das Paar schon vorher bekannt gewesen, wie Bärbel Otto in der Sitzung des Jugendhilfeausschusses berichtet: Es habe sozialpädagogische Familienhilfe erhalten, diese sei nach "dokumentierter positiver Entwicklung" aber eingestellt worden. Anfang 2014 zog die junge Familie nach Weiden um. Ende Mai erfuhr laut Otto das städtische Jugendamt von der problematischen Vorgeschichte. Noch am selben Tag habe ein Mitarbeiter der Behörde das Paar besucht. Sein Eindruck: Es brauche dringend Hilfe. Ein Rat, dem es nicht folgen wollte.

Sofort Anzeige erstattet


Am 26. August geschah die zweite Verbrühung, das Kind wurde diesmal in eine andere Regensburger Klinik gebracht. Die Ärzte dort informierten das Jugendamt am 5. September, weil die Verletzungen nicht zu den Schilderungen der Eltern passten. Der Sozialdienst des Jugendamts habe daraufhin in alle Richtungen ermittelt. Am 9. September besuchte er die Großeltern - und erfuhr vom ersten Vorfall. Otto: "Am selben Tag haben wir alle Regensburger Kliniken abtelefoniert." Der erste Vorfall sei bestätigt worden. Noch am Abend stellte die Behörde Anzeige wegen Kindesmisshandlung. Gleich bei der Entlassung aus der Klinik kam der eineinhalbjährige Bub in eine Pflegefamilie.

Die Jugendamtschefin erkennt ein "Versäumnis der beteiligten Kliniken", die im ersten Fall keine Meldung ans das zuständige Jugendamt abgegeben hätten. Sie verweist auf eine enge Kooperation zwischen ihrer Behörde und der Kinderklinik - "wir stellen sicher, dass Meldungen über alle zweifelhaften Vorfälle bei uns landen". Wäre das Kreisjugendamt Tirschenreuth ähnlich bedient worden, "hätte der zweite Fall vielleicht verhindert werden können. Jugendämter sind nun mal auf Informationen angewiesen. Unter Beobachtung können und dürfen wir niemanden stellen." Vor Gericht hatte allerdings eine Bezirkssozialarbeiterin in Tirschenreuth ausgesagt, schon im Oktober 2013 zufällig von der ersten Verbrühung erfahren zu haben. Sie glaubte der Schilderung der Eltern, es sei ein Unfall gewesen.

Sozialdezernent Hermann Hubmann wertet die Erklärung Ottos vor allem als "Appell an die Kliniken und niedergelassenen Ärzte, konsequent und umgehend Mitteilung zu machen". Die Umstände um die fortgesetzte Kindesmisshandlung würden jetzt als Negativbeispiel "bei Schulungen in Kliniken verwendet", weiß Otto. In ihrem Beruf habe sie schon viel erlebt, sagt sie. "Aber so was ... Es ist wirklich grausam."

Ich habe schon viel erlebt in diesem Beruf. Aber so was ... Es ist wirklich grausam."Jugendamtsleiterin Bärbel Otto
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.