Junge Flüchtlinge erzählen ihre Schicksale auf der Theaterbühne
Wenn das Leben in eine Tasche passt

Angst, Unruhe Hoffnung auf ein anderes Leben treibt die Jugendlichen um
 
Während die Flüchtlinge beim Start im Schlauchboot vor Angst zittern, freut sich der Schlepper über das Geld, das er von ihnen kassiert hat.

Ein beeindruckendes Projekt feiert Premiere: Junge Migranten zeigen ein Theaterstück über Flucht. Die teils bedrückenden Geschichten haben sie selbst erlebt.

(sbü) Als es vorüber ist, zeigen sich die Zuschauer tief beeindruckt. Es gibt langanhaltenden Beifall und ein Meer von Blumen für Theaterpädagogin Marlene Wagner-Müller, ihre Schauspieler und die Organisatoren vom Verein "Das magische Projekt". Was sie zuvor geleistet hatten, war in der Tat mehr als ein Kunststück auf der Bühne: Junge Flüchtlinge, die vor einem Jahr in die Bundesrepublik kamen und kein Wort Deutsch sprachen, haben im Jugendzentrum ein komplettes Theaterstück aufgeführt. Auf Deutsch.

"Es war nicht so einfach, denn wir hatten viel Fluktuation", berichtet Regisseurin Wagner-Müller nach der gelungenen Uraufführung des Theaterstücks "Home or life". 78 junge unbegleitete Flüchtlinge waren seit Oktober 2015 an dem Projekt beteiligt. Die meisten konnten nicht in Weiden bleiben, aber "ich habe mit fast allen, die dabei waren, noch immer Kontakt". So kam es auch, dass nur die eine junge Frau unter den sechs Schauspielern des Abends von Projektbeginn an dabei war.

"Home or life" ist ein "authentisches Stück", wie es die Initiatoren beschrieben. Ahmed aus dem Iran, Hussein, Nader und Ghasem aus Afghanistan, Victor aus der Ukraine sowie die junge Deutsche Verena aus Moosbach sind die Schauspieler. Theater ist dabei nicht nur Selbstzweck. Sondern auch Methode, um mit Jugendlichen aus Kriegsgebieten zu arbeiten. Gemeinsam mit ihnen wird dabei ihre persönliche Geschichte aufgearbeitet und auf die Bühne gebracht.

Musik hilft


Auch für die Zuschauer wird es so mehr als ein Theaterstück. Weil die Schauspieler einen Teil ihrer eigenen Biografie darstellen, ergab sich ein mitreißender und ergreifender Einblick in eine oft schwer zu fassende Realität. Da ist zu Beispiel die Szene, in der die Flüchtlinge in das Schlauchboot steigen und der Schlepper sich über das einkassierte Geld freut. Später folgt die Erschöpfung im Boot und der Jubel über "Land in Sicht".

In Deutschland angekommen, greift die Polizei die jungen Flüchtlinge auf, die sich mit keinem Wort verständlich machen können. Dann, in der Disco, hilft ein tief melodisches arabisches Lied, Kontakt mit einem deutschen Mädchen herzustellen. In der Pause des Deutschunterrichts gelingt es ausnahmsweise, einmal aus einer oft als Zwangsjacke erlebten Realität in Deutschland auszubrechen. Filmausschnitte mit Bildern aus völlig zerstörten syrischen Wohngebieten liefern den grausamen Hintergrund für das Geschehen im Schauspiel.

Bemerkenswertes Weiden


Mit persönlichen Sätzen stellt sich auch jeder der Flüchtlinge selbst vor. Dabei machen alle deutlich: Heimat ist das Land, in dem sie aufgewachsen sind. Aber alle sind sehr froh, in Deutschland zu sein. Und Ahmed aus dem Iran sagt in dieser Szene: "Mein ganzes Leben passt in eine Reisetasche."

Begrüßt hatte die Besucher Julia Zimmermann, Vorsitzende des "Magischen Projekts", das als Veranstalter zu der Premiere eingeladen hatte. Regisseurin Wagner-Müller bedankte sich für die Unterstützung durch den Integrationsbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung, Martin Neumeyer, und zitierte diesen mit dem Satz: "Es ist bemerkenswert, dass in Weiden so viel passiert."

Wagner-Müller will die Projektarbeit fortsetzen und hofft, dass "irgendwann ein großes Schauspiel daraus wird". Für die Stadt erklärte Stadtrat Florian Graf: "Wir sind stolz auf dieses Projekt." Kooperationspartner waren das Deutsche Kinderhilfswerk und der Stadtjugendring. Für die Schulen gibt es in dieser Woche weitere Aufführungen.
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