Junge Iranerin lebt seit zwei Jahren in Deutschland
Ein Punkt sucht seine Koordinaten

Sayedeh Razieh Seddighi. Bild: Götz
Auf sehr bildliche Art beschreibt die Iranerin Sayedeh Razieh Seddighi einen Blick in ihr Inneres, in ihre Zerrissenheit, ihre Suche nach einem Platz in einer in vielem anderen Welt, als die, in der sie im persischen Isfahan aufgewachsen ist. Die 23-Jährige hatte ein Studium begonnen, als sie vor zwei Jahren mit den Eltern und der jüngeren Schwester nach Deutschland kam. In der Dolmetscher-Klasse für Flüchtlinge der Europa-Berufsschule ist sie die Jüngste.

"Manchmal ändern sich Dinge und Umstände im Leben so schnell, dass keine Spur mehr von ihnen bleibt. Zu diesem Zeitpunkt bist du wie ein schwarzer Punkt in einer Art Koordinatensystem. Die Ebenen des Systems verschwimmen.

Wo befindet sich dieser Punkt? Auf der negativen Ebene, auf der positiven? Oder gar im Nullpunkt - im Ursprung, also positiv und negativ zugleich? Obwohl du ein Punkt innerhalb dieses Koordinatensystems bist, einer ohne Spur, bist du nur ein identitätsloser Punkt. Sehr viele solcher Punkte kommen und gehen ohne offensichtliche Koordinaten. Nur ein dunkler spurloser Punkt auf der weißen Ebene.

Der Punkt sagt sich: 'Ich kann nicht einfach sitzen bleiben. Ich muss meine Koordinaten finden. Ich gehe los.' Nein, halt. Ein Punkt bewegt sich doch nicht.

Ich will mich aber bewegen. Doch wohin? Du bist nur ein Punkt. Ein Punkt. Punkt. Ich bin in diesem schwarzen Fleck eingesperrt. Ich will meine Identität finden, meinen Standort bestimmen, möchte sehen, wo ich mich befinde: Stehe ich auf dem Anstieg einer Kurve, oder fällt die Kurve? Aber ich kann mich nicht bewegen.

Seit zwei Jahren bin ich in diesem Dilemma. Ich bin der schwarze Fleck in dieser endlosen weißen Weite, die meine Augen blendet und mich blind macht. Das Warten hat meine Erkenntnisfähigkeit geraubt. Ich kann nicht ermessen, wo ich bin.

Ein paar Schritte nach links, nach oben, unten? Das Weiß der Ebenen scheint mir dunkel, ein Schritt nach vorne? Dunkel. Wo bin ich?

Manchmal wünsche ich mir, ein Lineal, ein Bleistift kämen vorbei. Ich nähme beides, zeichnete eine Linie zur X-Achse, eine zur Y-Achse. Dann, so denke ich mir, hätte ich wieder eine Spur. Dann, ja dann wäre ich nicht irgendein Fleck, sondern eine Koordinate, eine Identitätskoordinate innerhalb eines klaren Koordinatensystems."



Dolmetscher der KulturenDer neue Tag gibt Flüchtlingen, die die Dolmetscher-Klasse der Europa-Berufsschule besuchen, ein Forum. In einer Serie beschreiben einige von ihnen, wie sie unsere Welt sehen. Alle Beiträge zur Serie "Dolmetscher der Kulturen" finden Sie hier: www.onetz.de/themen/dolmetscher-der-kulturen
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