Karl IV. ist Thema beim Freundeskreis der Evangelischen Akademie Tutzing
Ein unterschätzter Kaiser

Karl IV. ist mehr als ein Selbstbedienungsladen für Historiker und Politiker.

Es gibt wenig historische Persönlichkeiten, mit denen man sich nach 700 Jahren noch immer so sehr beschäftigt, wie es bei Kaiser Karl IV. der Fall ist. Die Interpretation seiner Lebensgeschichte hat sich im Laufe des Jahrhunderts aber immer wieder verändert.

Wer den Vortrag beim Freundeskreis der Evangelischen Akademie Tutzing gehört hat, wird die Eröffnung der 1. Bayerisch-Tschechischen Ausstellung kaum erwarten können. Dr. Wolfgang Jahn vom Haus der bayrischen Geschichte in Augsburg hat mit seinen Informationen über Kaiser Karl IV. wohl bei den meisten Zuhörern das Interesse geweckt, demnächst nach Prag zu fahren. Dort wird die Ausstellung am 15. Mai in der Wallenstein Reithalle eröffnet.

Bis zum 25. September besteht Gelegenheit, zahlreiche selten zu sehende Ausstellungsstücke aus dem Leben des böhmischen Königs und späteren Kaisers des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nationen zu betrachten. Ab dem 20. Oktober bis 5. März kann diese Ausstellung dann im Nürnberger Germanischen Nationalmuseum besucht werden.

In Deutschland verkannt


80 Prozent der Exponate seien in Nürnberg und Prag identisch. Wer sich also aus dem wertvollen Ausstellungsgut überhaupt nichts entgehen lassen möchte, muss unbedingt in beide Städte fahren. Dr. Jahn gab zunächst einen Überblick über alle Abteilungen und Teilthemen der Ausstellung. Sehr ausführlich widmete er sich aber auch der historischen Bewertung von Karl IV., die sich in der Ausstellung widerspiegelt. Keinesfalls sei mit seinem Tod 1378 die Wirkung seiner Regentschaft beendet worden. Diese würden vielmehr bis in das 19. Jahrhundert hineinreichen. Auch noch im Jahre 2005 sei Karl IV. als "der bedeutendste Tscheche" von der tschechischen Bevölkerung bewertet worden.

In Deutschland sei die Bedeutung dieses Kaisers für Tschechien und insbesondere Böhmen häufig unterschätzt worden, stellte Dr. Jahn fest. In Böhmen gelte Karl IV. als "Vater des Vaterlandes". Er sei dort die wichtigste Identifikationsfigur für die Bevölkerung. Sechs Mal ist er gekrönt worden. Bis ins 20. Jahrhundert hinein sei Karl IV. Opfer eines Historikerstreits zwischen Deutschland und Tschechien gewesen. Jede Nation habe ihn für sich reklamiert.

Erst in den vergangenen 40 Jahren habe sich dieser Gegensatz allmählich entkrampft. Für Dr. Jahn und die Ausstellungsverantwortlichen ist Karl IV. vor allem ein "Brückenbauer zwischen den Nationen" mit positiven und "zweischneidigen" Seiten. Unstrittig sei, dass er "eine politische Figur mit Wirkungen weit in das 18. Jahrhundert hinein" ist. Beispiel dafür ist unter anderem die "Goldene Bulle", die unter Karl IV. entstand und als elementare Rechtsgrundlage des deutschen Reiches bis 1806 in Kraft war. Auch die Erschließung der Handelswege "Goldene Straße", der Kunstbereich und die Gründung der 1. Mitteleuropäischen Universität in Prag seien positiv .

Auch kritische Anmerkung


Kritischer werde die wirtschaftliche Seite seiner Regentschaft bewertet. Manche Historiker hätten den Vorwurf erhoben, Karl IV. habe "die materiellen Grundlagen des Reiches verschleudert". Tatsächlich sei Karl IV. "lebenslang in Geldnot gewesen", sagte Dr. Jahn. Deswegen sei Nürnberg zum "zweithäufigsten Aufenthalt geworden, wahrscheinlich weil dort die reichen Patrizierfamilien lebten". Die Ausrottung der jüdischen Gemeinde in Nürnberg nannte Dr. Jahn einen "Makel". Zusammenfassend stellte er fest: "Karl IV. ist mehr als ein Selbstbedienungsladen für Historiker und Politiker."
Karl IV. ist mehr als ein Selbstbedienungsladen für Historiker und Politiker.Dr. Wolfgang Jahn vom Haus der bayerischen Geschichte
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