Kartoffelbauer Johann Schlegl beerbt seine Onkel aus Amerika
Eine Ranch in Montana

In den weiten Ebenen Montanas schlug vor über 100 Jahren Friedrich Schwandner seine Zelte auf. Heute ist das Land die Kornkammer der USA. Damals war es der "Wilde Westen", von Siedlern wie den Schwandners urbar gemacht. Bild: hfz
 
Johann Schlegl (75), so wie ihn die Weidener kennen. Der Wernberger verkauft seit Jahrzehnten spezielle Kartoffelsorten auf dem Markt. Der Cowboy-Hut ist kein Zufall: Dieser Mann ist Rancher in Montana. Bild: Schönberger
 
Ein typischer Sheep-Wagon in den 30ern. Bilder: hfz (2)

Die Geschichte klingt geradezu unglaublich. Johann Schlegl, Kartoffelbauer aus Diebrunn bei Wernberg und am Weidener Markt für seine Erdäpfel berühmt, ist Besitzer einer Farm in Montana in den Rocky Mountains. Er hat vor einigen Jahren seine ledigen Onkel aus Amerika beerbt.

Weiden/Wernberg. Die Geschichte beginnt im Jahr 1900. Schlegls Großonkel Friedrich Schwandner, Bauernssohn aus Wernberg, wagt den großen Schritt. "Friedl" wandert mit 23 Jahren nach Amerika aus. Die Überfahrt nach New York dauert drei Monate. Von dort bricht der Oberpfälzer in den Westen auf, geeignetes Farmland zu erkunden. Er findet es 3000 Kilometer westlich, in der unendlichen Prärie Montanas. Der Staat stellt ihm 250 Tagewerk zur Verfügung. Der Oberpfälzer nutzt seine Chance und baut Glasweizen an. Aus Friedl wird Fred.

Hartes Leben in Prärie


Ihm folgt sein Bruder "Jusl", Justin Schwandner (Jahrgang 1871), der sich in Montana als Schafzüchter niederlässt. In der Folge nimmt auch noch Michael Schwandner die Schiffspassage nach Ellies Island. In Wernberg bleibt Johann Schlegls Mama zurück, die nach Diebrunn einheiratet. Ihr vierter Bruder übernimmt daheim den Hof bei der Ziegelhütte nahe Schiltern.

Das Leben in Übersee ist hart, wie die Familie in Wernberg aus vielen Briefen der Brüder erfährt. "Da gab's keine Traktoren", weiß Johann Schlegl. "Alles wurde mit Pferden gemacht." Hilfskräfte sind rar und teuer. Die Nachbarn leben Meilen entfernt. "Als wenn der nächste Hof in Schwandorf stünde." Die Brüder arbeiten hart: Im Sommer auf den Feldern. Über den Winter verdienen sie im nächstgelegenen Städtchen Chester ihr Geld. Die Farm wächst. "Sie haben ein paar Mal um Grund gehandelt." Die letzten 400 Hektar kauft Friedl einem Indianer ab. Am Ende umfasst das Erbe 1600 Hektar.

Die Auswanderer bleiben allesamt Junggesellen. An dieser Stelle kommt Kartoffelbauer Johann Schlegl aus der Oberpfalz ins Spiel. Da seine Schwester früh verstorben ist, wird er zum Alleinerben der amerikanischen Onkel. Seit über 20 Jahren gehört ihm die Farm in Montana inzwischen, die zum Zeitpunkt des Nachlasses schon verpachtet war. Und genauso, wie der Hof von Generation auf Generation überging, ging auch die Pacht von Generation auf Generation über. Seit Jahrzehnten betreibt Familie Fritz die Farm, ebenfalls alteingesessene Einwanderer, aber mit russischen Wurzeln. Erst betrieb Raymond Fritz senior den Weizenanbau, inzwischen führt sein Sohn den Hof.

Man kennt sich und man mag sich. Die Fritz waren schon des öfteren in der Oberpfalz zu Gast, zuletzt vor einem Jahr und gehen dabei auch gern über den Markt. Die 18-jährige Enkeltochter von Fritz senior war 2015 zum Schüleraustausch in Deutschland. "Sie kann richtig gut Deutsch", lobt Schlegl. Auch sie kam nach Weiden und Wernberg.

Schon einige Mal besucht


Genauso andersherum. Johann Schlegl hat seine Ranch schon mehrere Male besucht. Seine Reiseroute führte über München, Amsterdam nach Dallas und Chester. Schlegl ist sehr beeindruckt von der unendlichen Weite der "Great Plains" am Fuße der Rocky Mountains. "Das kann man sich gar nicht vorstellen." Ein Highway durchzieht die Ebenen schnurgerade bis zum Horizont. Der 75-Jährige spricht kein Englisch, dafür seine Frau Monika, die mit auf die Reise ging.

Friedl, der Vorfahr, ackerte mit Pferd und Egge. Der Pächter heute hat einen 600-PS-Traktor und zwei Sportflugzeuge. Er hob mit Johann Schlegl für einen Rundflug über die Latifundien ab. Über der Ranch drehte Raymond Fritz eine Ehrenrunde. Der 75-Jährige freut sich über die unverhoffte Hinterlassenschaft: "Das war eine Glückssache. "

Frühes und tragisches Ende


Tragisch war dafür das Ende seiner Onkel. "Friedl" und "Jusl", die arbeitsamen Pioniere, starben früh. Friedrich Schwandner ließ sein Leben im Alter von nur 56 Jahren nach einem harten Winter in Montana 1944. Der Schnee lag meterhoch. Die Pferde konnten nicht vom Hof, und der Farmer hatte einen eitrigen Zahn, den er am Ende mit dem Taschenmesser selbst entfernte. Er starb an den Folgen einer Blutvergiftung.

Justin Schwandner wurde 1933 tot in seiner Schlafstatt bei den Schafen gefunden. "Er ist erschossen worden", hat Johann Schlegl aus Erzählungen in Erinnerung. Tatsächlich kam es laut Lokalzeitung zu einer polizeilichen Untersuchung. Michael kehrte in den 50er Jahren allein in die Oberpfalz zurück.

Ahnenforschung in Amerika: Mormonen machen es möglichEnde des 19. Jahrhunderts lockte Amerika mit dem "Homestead Act": Jeder über 21-Jährige durfte im "Wilden Westen" ein Stück unbesiedeltes Land abstecken. Zwischen 1850 und 1930 immigrierten 5 Millionen Deutsche in die USA. Auch in vielen Oberpfälzer Familien finden sich Verwandte, die ihr Glück versuchten. Die amerikanische Leidenschaft für Datenbanken macht die Recherche leicht.

Über Fred Schwandner findet sich beispielsweise ein Nachruf im "Chester Reporter" vom Juli 1933. Die Gemeinde verliere mit ihm einen ihrer "fleißigsten und zuverlässigsten" Einwohner. Der Rancher sei einer der ältesten Siedler der Gegend gewesen und habe sich auch als Pferdezüchter einen hervorragenden Namen gemacht. Quelle: www.brokenmountains.org.

1944 starb sein älterer Bruder Justin Schwandner . Die "Liberty County Times" widmet ihm einen Nachruf. Der 73-Jährige habe zuletzt in einer Schafzucht am Maria River gearbeitet. Hier sei er tot im "Sheep Camp" gefunden. Dabei handelt es sich um Planwagen, in denen die riesigen Herden von über 1000 Tieren in den "Great Plains" begleitet wurden. Der Sheriff nahm Ermittlungen auf, ordnete am Ende aber keine weitere gerichtliche Untersuchung an. Justin wird als "geradliniger, hart arbeitender Mann" beschrieben, der unter den älteren Bewohner viele Freunde hatte.

Auch zum dritten Auswanderer, Michael Schwandner, gibt es eine Spur und zwar von Ellies Island. Die Insel vor New York, auf der Millionen Einwanderer registriert wurden, betreibt ein umfangreiches Online-Verzeichnis (www.ellisisland.org). Demnach kam Michael 1923 in New York an. Sein Schiff "Kungsholmen" hatte in Göteborg abgelegt. (ca)
Weitere Beiträge zu den Themen: Erbe (8)OnlineFirst (12812)Wochenmarkt (5)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.