Kein Genuss ohne Risiko
Zwischen Zoigl- und Kirwaseligkeit: Ein Warnruf von Dr. Heribert Fleischmann im Klinikum

Symbolbild (Foto: dpa)
 
"Nicht nur die 1,6 Millionen Alkoholsüchtigen in Deutschland sind das Problem, sondern auch die 9 Millionen, die Probleme mit dem Trinken haben, ohne abhängig zu sein." Zitat: Dr. Heribert Fleischmann, Suchtmediziner

Neustadt/Weiden. Die Krüge hoch! O'Schnitt, Oktoberfest, Kommunbrautag, Kirchweih - Anlässe, mal kräftig anzuheben, finden sich eigentlich das ganze Jahr. Schon berufsmäßig muss der Ärztliche Leiter des Bezirksklinikums Wöllershof die Spaßbremse spielen. Dr. Heribert Fleischmann will niemand ein Vergnügen missgönnen, warnt aber vor Genuss ohne Reue und Schläue. Zusammen mit seiner Kollegin Dr. Elke Hellwig spricht er heute Abend um 18.30 Uhr in der Caféteria des Klinikums Weiden über "Lust statt Frust - Anleitung zum risikoarmen Trinken".

Herr Dr. Fleischmann, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie von der fröhlichen Zecherei am Kommunbrauertag in Neuhaus lesen?

Fleischmann: Man sieht daran, dass Alkohol in der Gesellschaft eine große Rolle spielt und verharmlost wird. Dabei könnte man mit ein paar Verhaltensregeln risikoarm trinken.

Wie geht das?

Wichtig ist zunächst einmal: Es gibt kein risikoloses Trinken. Risikoarm sind für einen gesunden, erwachsenen Mann etwa 20 bis 25 Gramm Alkohol pro Tag, das sind 0,2 Liter Wein oder 0,5 Liter Bier. Pro Trinkanlass sollten maximal 60 Gramm zusammenkommen, das sind maximal drei Bier. Pro Woche sollten es höchstens sieben Bier oder zwei Flaschen Wein sein. Für die Frau gilt jeweils die Hälfte. Das ist dann schon eine Menge.

Kann man das irgendwie risikoarm einteilen?

Es gibt einige Regeln. Erstens: Jeder sollte zwei bis drei trinkfreie Tage pro Woche einhalten, am besten drei bis vier. Menschen über 60 sollten zudem ihre gewohnte Alkoholmenge um 10 bis 30 Prozent reduzieren.

Warum gerade die?

Abbau und Resorption im Körper verändern sich. Mindestens zehn Prozent des Alkohols werden beim Erwachsenen im Magen abgebaut. Das dafür verantwortliche Enzym geht bei älteren Menschen verloren, ebenso fehlt es Kindern, weswegen auch Jugendliche nicht trinken sollten.

Welche weiteren Regeln gilt es zu beachten?

Ganz wichtig: Alkohol ist kein Durstlöscher, er entzieht dem Körper Flüssigkeit. Zweitens: langsam trinken. Drittens: Sich nicht am Trinkverhalten anderer orientieren oder dem Gruppendruck nachgeben. Ich muss nicht gleich mitbestellen, wenn die anderen schon ausgetrunken haben. Viertens: Auf Stoppsignale des Partners achten. Fünftens: Nicht trinken, wenn Probleme bestehen. Verzichten Sie in persönlich schwierigen Zeiten lieber ganz darauf.

Wer ist denn besonders gefährdet?

Ältere trinken in der Regel verträglicher, man kann aber auch im hohen Alter süchtig werden. Heikel sind die Jahrgänge, die jetzt 65 Jahre alt werden, die haben in ihrem Leben schon sehr viel getrunken.

Was heißt das?

Sie gehören einer Generation an, in der Alkohol einfach immer dazugehört und eine große Rolle gespielt hat. Am gefährdetsten sind aber die 45- bis 55-Jährigen.

Weshalb?

In der Regel trinken die schon 20 bis 25 Jahre. Das ist sozusagen die Inkubationszeit der Krankheit. Ich werde in meinem Vortrag aber auch darauf hinweisen, dass nicht nur die 1,6 Millionen Alkoholsüchtigen in Deutschland das Problem sind, sondern auch die 9 Millionen, die Probleme mit dem Trinken haben ohne abhängig zu sein. Denn auch das kann die Leber oder die Bauchspeicheldrüse zerstören, ganz zu schweigen von sozialen Störungen.

Nicht nur die 1,6 Millionen Alkoholsüchtigen in Deutschland sind das Problem, sondern auch die 9 Millionen, die Probleme mit dem Trinken haben, ohne abhängig zu sein.Dr. Heribert Fleischmann, Suchtmediziner
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