Kleider, die Geschichten erzählen
Designerin Julia Müller lebt ihren Traum

Bunte Farben, auffallende Muster und Traditionsverbundenheit: Julia Müller reist regelmäßig nach Peru, um sich dort Anregungen, Ideen und Motive für ihre Kollektion zu holen. Bilder: Julia Müller und Louise Victoria Reinke
 
Schon immer interessierte sich Julia Müller für die Facetten von Mode und Design.
 
In Handarbeit werden die einzelnen Stücke gefertigt.
 
Müller legt bei ihren Entwürfen Wert darauf, dass die Individualität des einzelnen erhalten bleibt.
Individualität, Ausdruck der Persönlichkeit und Farbenspiel. Die Oberpfälzerin Julia Müller lebt Mode. Vor einem Jahr zieht sie nach Berlin, um das Geschäft kennenzulernen. Nun veröffentlicht sie ihre erste Strick-Kollektion "Each Single Moment's Soul".

Weltweit gibt es zahlreiche Modemetropolen: Paris, Mailand, London, New York. Julia Müller entscheidet sich für Berlin, um als Designerin im hart umkämpften Mode-Markt Fuß zu fassen. Im Gespräch mit der Kultur-Redaktion erzählt die gebürtige Oberpfälzerin von ihren Eindrücken, Erfahrungen und ihren Plänen für die Zukunft.

Sie leben als Modedesignerin in Berlin. Seit wann interessieren Sie sich für die Welt der Mode?

Julia Müller: Die Motivation und die Freude daran beschränkt sich keineswegs nur auf die Mode, es ist das kreative Arbeiten im Allgemeinen, das mir schon immer Spaß macht. Für mich ist es jedoch besonders reizvoll, die Umsetzung einer kreativen Idee am menschlichen Körper zu erleben. Farbe, Form und Haptik - das alles bekommt durch das Tragen am menschlichen Körper Leben eingehaucht.

Wie kam es dazu, dass sie Modedesignerin wurden?

Müller: Nach meinem Abitur, am Elly-Heuss-Gymnasium in Weiden war ich neugierig auf die kreativen Berufe und habe Praktika in verschiedenen Bereichen absolviert und mich dazu entschlossen, eine Bewerbungsmappe für ein Designstudium zu gestalten. Ich wollte es versuchen, auch wenn ich mir damals nicht sicher war, ob es klappt. Um so mehr hat es mich gefreut, als ich eine Zusage und einen Studienplatz an der Burg Giebichenstein in Halle bekommen habe.

Was bedeutet Mode für Sie persönlich?

Müller: Mode kommuniziert und erzählt auch immer Geschichten ganz unterschiedlichster Couleur. Zum Beispiel über ihre Träger, die durch die Wahl der Kleidung etwas bestimmtes ausdrücken oder unterstreichen möchten. Sie erzählt Geschichten über ganze Völker oder Zeitepochen hinweg und gewährt Außenstehenden einen Einblick in unterschiedlichste Lebensentwürfe.

Haben sie bereits in "Mode-Metropolen" Erfahrung gesammelt?

Müller: Mehrmals im Jahr bin ich in Paris, natürlich auch zur Fashion-Week. Das ist eine gute Gelegenheit sich einen Überblick über die aktuellen Geschehnisse in der Modewelt zu verschaffen.

Ursprünglich kommen Sie aus der Oberpfalz, nun wohnen Sie in Berlin. Was führte Sie in die Großstadt?

Müller: Berlin ist eine quirlige und lebendige Hauptstadt. Gerade die Kreativszene und das kulturelle Angebot sind riesig. Auch findet hier zwei mal im Jahr die Berlin Fashion-Week statt. Als Modedesignerin genieße ich diesen Input. Es ist oft ein Vorteil, das alles vor meiner Haustüre zu wissen. Geht es dann an den Entwurf der Kollektion, brauche ich aber meine Ruhe und möchte mich nicht unnötig ablenken lassen. Da wäre dann unsere schöne Oberpfalz ideal mit ihrer Gemütlichkeit und der wunderschönen Natur. Ich genieße es sehr, in der Heimat Kraft zu tanken.

Für Ihre Kleidung verarbeiten Sie feinste Alpaka-Wolle aus Peru. Reisen Sie dafür selbst nach Peru, um sich ein Bild von den Materialien zu machen?

Müller: Während meines halbjährigen Peru-Aufenthalts habe ich Manufakturen und Produzenten direkt vor Ort besucht. Mir ist es ein Anliegen, mir selbst einen Überblick zu verschaffen und Kooperationspartner vor Ort zu finden. Die kleine Strickmanufaktur, mit der wir arbeiten, wurde von zwei jungen Frauen gegründet. Sie beschäftigen ein kleines Team hervorragender Stricker. Im Laufe der Zeit hat sich eine Freundschaft entwickelt. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, wer die Pullover von "Annamariaangelika" strickt.

Wie muss man sich die Situation in Peru vorstellen und was haben Sie dort schon erlebt?

Müller: Peru ist ein wahnsinnig facettenreiches Land. Das spiegelt sich auch in der Vegetation und der Geografie wider. Es existieren die unterschiedlichsten Dinge friedlich nebeneinander und alles findet seinen Platz. Das Land ist stark verwurzelt in seiner Geschichte, und die Traditionen der Inkas und anderer Naturvölker sind bis in die heutige Zeit lebendig.

Warum haben Sie sich auf Strick-Mode spezialisiert?

Müller: Dies erscheint vielleicht auf den ersten Blick so, denn das Herzstück meiner Kollektion sind freilich die Strickpullover. Während meines Studiums habe ich mich aber tatsächlich viel mit Herrenmode und der Gestaltung textiler Oberflächen beschäftigt.Hierzu zählt natürlich auch Strick. Es ist nicht auszuschließen, dass es in Zukunft auch Hemden oder Hosen aus Biobaumwolle geben kann. Das Stricksortiment ist ein erster Meilenstein für mein Unternehmen und diesen möchte ich in jedem Falle weiter ausbauen.

Arbeiten Sie alleine oder mit anderen Modedesignern?

Müller: Für das Label arbeite ich im Augenblick als einzige Designerin. Ich arbeite sehr gerne mit Kollegen zusammen und habe in der Vergangenheit auch Kollektionen gemeinsam mit ihnen entworfen.

Ist es Ihr Ziel, Ihre Mode einmal auf den großen Modeschauen der Welt zu präsentieren?

Müller: Mein Ziel ist es, Annamariaangelika zu etablieren und das Label aufzubauen. Wenn sich auf diesem Weg die Möglichkeit bietet, meine Arbeit international zu präsentieren, werde ich das gerne tun.

Wie hat sich Ihre Mode-Sicht im laufe der Jahre verändert?

Müller: Mir ist es sehr wichtig zu wissen, wo meine Kleidung herkommt und von wem sie unter welchen Bedingungen gefertigt worden ist. Große Markennamen spielen dabei keine Rolle. Vielmehr ist die Glaubwürdigkeit des Labels für mich entscheidend. Mode die dem aktuellen Zeitgeist entspricht, vereinbart für mich neben dem gestalterischen Aspekt den bewussten und sinnvollen Umgang mit Ressourcen und die Wertschätzung menschlicher Arbeitskraft.

Sie stellen Ihre erste Strick-Kollektion "Each Single Moment's Soul" unter dem von Ihnen neu gegründeten Slow-Fashion-Labels Annamariaangelika vor. Was zeichnet diese Kollektion aus ?

Müller: Es ist eine sehr persönliche Kollektion. Jedes Teil ist durch einen besonderen Moment meiner Peru-Reise inspiriert. Die Muster der Pullover erzählen Geschichten, die ich selbst erlebt habe. Mir ist es wichtig, Mode zu entwerfen, die nicht nur für eine Saison gemacht ist. Deshalb achte ich bei der Entwicklung der Kleidungsstücke sehr auf Qualität. Eine wichtige Rolle spielt hierbei die Materialauswahl. Mein Label verwendet ausschließlich natürliche, nachwachsende Materialien.

Warum haben Sie ausgerechnet Peru ausgewählt, um dort nach Materialien zu suchen?

Müller: Peru ist unglaublich reich an Geschichte und Kultur. Die ersten Spuren menschlicher Zivilisation reichen sogar zurück bis in das bis in das Jahr 4600 v. Chr. Über die Jahrhunderte hinweg hat sich in Peru eine außergewöhnlich große Affinität für Handwerkskunst, auch das textile Handwerk entwickelt. Es gibt Arbeitstechniken, von denen bis heute niemand genau wei, wie die alten Peruaner das gemacht haben. Dieses Know-How und seine hochwertige Umsetzung faszinieren mich.

Was zeichnet Alpaka-Wolle im Gegensatz zu anderen aus?

Müller: Alpakawolle besitzt sehr gute Thermo-Eigenschaften. Die Faser ist innen hohl, wirkt isolierend und speichert die Körperwärme. Damit ist sie ideal dafür geeignet uns im Winter warmzuhalten. An wärmeren Tagen stößt die Faser die Wärme ab und reguliert so den Temperaturausgleich. Ein weiterer Vorteil, Alpakawolle verfilzt nicht so schnell wie Kaschmir oder andere Naturfasern. Die Alpakas leben in Peru frei in den Anden und werden meist einmal im Jahr geschoren. Sie leben in ihrer ursprünglichen und natürlichen Umgebung.

Wie schwer ist es, sich in der Mode-Welt einen Namen zu machen?

Müller: Es ist mit Sicherheit kein einfaches Unterfangen. Alleine in Berlin gibt es eine unglaubliche Dichte an Modedesignern und Designschulen. Es wäre naiv zu glauben, ein Modelabel aufzubauen, sei eine einfache Angelegenheit. Dennoch ist es möglich, wenn man ein klares Ziel vor Augen hat und sich ihm Schritt für Schritt nähert.

Was erhoffen Sie sich von Ihrer ersten Kollektion?

Müller: Ich wünsche mir, dass die Kollektion unterschiedliche Menschen erreicht und der Name Annamariaangelika bekannter wird.

Denken Sie bereits an Ihre nächste Kollektion? Wenn ja, wie soll diese aussehen?

Müller: Unser Unternehmen und unsere Kollektion sollen gesund wachsen. Die bestehende Kollektion wird kontinuierlich und sinnvoll erweitert werden.

Kreativer Lebensweg

Julia Müller absolviert 2003 ihr Abitur am Elly-Heuss-Gymnasium in Weiden. Schon zu dieser Zeit fasziniert sie die Welt der Mode. Deshalb entscheidet sie sich, nach ihrem Abschluss diverse Praktika zu absolvieren, unter anderem bei der Fotografin Maria Flor (Weiden), Walter Böhm von der Kunst-Akademie Weiden und dem Mode-Designer Andreas Moller. 2005 beginnt sie ihr Design-Studium an der Universität Burg Giebichenstein in Halle, das sie 2014 mit dem Master-of-Arts im Bereich Konzeptions-Design abschließt.

Nachhaltige Produktion

Während ihres Studiums absolviert sie ein Praktikum bei Strahle und Hess in Althengstett. Der Fokus liegt auf nachhaltiger Textil-Produktion. 2012 besucht Julia Müller das erste Mal Peru - für ein sechsmonatiges Projekt. In den Mittelpunkt ihrer Recherche stellt sie traditionelle peruanische Textil-Techniken und ihre Nachhaltigkeit. Während ihres Aufenthaltes lernt sie bei einem Praktikum "Kero Design" kennen.

Aus Peru erhält sie heute nicht nur ihre Materialien, sondern lässt sich von den Menschen, Farben und Traditionen inspirieren. Und ihre Arbeit trifft den Zeitgeist: Müller erhält für ihre Entwürfe zahlreiche Auszeichnungen. 2009 gewinnt sie den Europäischen Fashion-Award in der Kategorie Studenten in Zusammenarbeit mit Marcel Lunkwitz. 2010 erreicht sie das Finale im Bayerischen Staats-Preis für junge Designer.

Vor kurzem gründet Julia Müller das Label "Annamariaangelika". "Mein kompletter Name ist Julia Anna-Maria Angelika Müller. Meine Eltern haben fast sämtliche weibliche Ahnen in meinem Namen verewigt. Es sind meine beiden Omi's und meine Patentante. Ich dachte mir, warum mühsam einen Namen erfinden, wenn ich doch genug eigene habe.

"Alles oder nichts"

Ihre Kollektion finanziert Müller durch die Plattform Kickstarter. Projekte werden dort von den jeweiligen Projektgründer erstellt und gestaltet. Musiker, Künstler und Designer, die sich auf Kickstarter präsentieren, sind für ihre Projekte verantwortlich.

Jeder Projektgründer ist verpflichtet, das Finanzierungsziel und die Frist für sein Projekt festzusetzen. Wenn andere an dem Projekt Gefallen finden, können sie einen Beitrag zur Umsetzung leisten. Erreicht das Projekt sein Finanzierungsziel, werden die Kreditkarten der Unterstützer bei Ablauf der Frist belastet. Schlägt die Finanzierung fehl, zahlt niemand. Auf Kickstarter funktioniert die Finanzierung nach dem Prinzip "Alles oder nichts".
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.