Kolumne: OTon
Als ich letztens so richtig angepisst war ...

Auf dem Klo können die unmöglichsten Dinge passieren. (Foto: dpa)

Das heimische Nest verlassen, flügge werden, auf eigenen Beinen stehen: drei einfache Floskeln, eine große Herausforderung. Vor einem Jahr habe ich mit 23 an der Rezeption von "Hotel Mama" ausgecheckt. Mein Einzelzimmer mit Balkon, Blick ins Wohnzimmer des Nachbarn und all inclusive - bezahlt mit dreckiger Wäsche, Hunger und manchmal Ungehorsam - habe ich wehmütig geräumt.

Es war Zeit für mich, kein Nesthocker mehr zu sein. Ich wollte nicht - laut Statistischem Bundesamt - zu den zwölf Prozent der Männer und fünf der Frauen gehören, die mit 30 noch von Mami bekocht, behütet und beobachtet werden. Es hat ein wenig gedauert, bis ich die neuen Möbel, die fremde lilafarbene Küche und die 72 Quadratmeter auf Fliesen mein "zu Hause" nennen konnte. Mir fehlten die knarzenden Dielenbretter im Flur, die Katze und meine Familie. Mittlerweile fühle ich mich aber pudelwohl und habe mit meiner Wohnung auch schon viel erlebt. Schimmel im Schlafzimmer und eine verrauchte Küche sind noch die harmloseren Geschichten. Der Moment, als ich mich aber zum ersten Mal wieder nach meinem Kinderzimmer gesehnt habe, war im Sommer.

Bauarbeiter suchten den Kanal und die Abflussrohre mit einer Kamera nach Rissen ab. So sorgsam sie die Wände überprüften, umso nachlässiger waren die Männer mit der Rückstauklappe im Gulli. Die blieb einfach zu. Tage später bekam ich die Folgen zu spüren, oder besser gesagt, zu sehen.

Ich musste für kleine Journalisten und plötzlich gluckerte es erst im Waschbecken verdächtig, dann in der Badewanne und schließlich zu allem Überfluss - und das kann man hier tatsächlich wörtlich nehmen - unter mir. In der Wanne stieg braune Suppe auf und verdeckte das strahlende Weiß der Wanne. Auch im Klo bahnte sich das Wasser langsam seinen Weg nach oben. Ich starrte auf die immer näherkommende - ach, lassen wir das. Kurz vor dem Rand stoppte die Brühe. Mittlerweile hatte ich mich schon mit einem Eimer bewaffnet, bereit die Suppe abzuschöpfen. Plötzlich war der Spuk vorbei, gerade noch rechtzeitig. Spuren musste ich nur im Heizungsraum verwischen. Aus den Rohren hatte es modriges Wasser gepresst.

Trotz des Malheurs will ich meine Wohnung erst einmal nicht mehr hergeben. Ich hab sie lieb gewonnen. Und wenn mich meine Mama besuchen kommt, darf sie sich im "Hotel Tochter" auch mal so richtig verwöhnen lassen.

OTon Wir sind junge Mitarbeiter des Medienhauses „Der neue Tag“. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.
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