Kolumne: OTon
Aus dem Leben eines Lehrersohns

Schule (Foto: dpa)

Als Lehrerkind bekommst du zu Beginn deiner Schulkarriere neben der Schultüte einen Stempel verpasst. Dieser hat während der ersten Grundschulklassen wenig Aussagekraft, aber spätestens mit dem Übertritt auf eine weiterführende Schule erlangt er Bedeutung und kommt vollends zum Vorschein. Für alle Mitschüler sichtbar prangt in großen Lettern auf der Stirn: „Vorsicht! Spion! Außenseiter! Lehrerfreund! Streber!“


Bei einem gewissen Prozentsatz der Lehrerkinder mag das zutreffen, das war auch an „meinem“ Gymnasium nicht anders, an dem mein Vater unterrichtete. In der Tat ist es als Lehrerkind schwieriger, sich die Zugehörigkeit zur Klassenclique sowie das Vertrauen der Klassenkameraden zu sichern. Gut, den Ruf eines Strebers hatte ich nie…nennen wir es den „natürlichen Lauf der Dinge“. Dazu war der „faule Hund“ in der pubertären Hochphase ein allzu treuer Begleiter. Eine kleine Anekdote soll illustrieren, dass Lehrerkinder nicht automatisch Lehrerfreunde sind und schon gar nicht per se in irgendeiner Form bevorzugt werden.

Setzen, Sechs!



Neues Schuljahr, 9. Klasse, neue Englischlehrerin – völlig unbekannt, zugezogen aus dem Süden Bayerns. Meine Englischleistungen bis dato waren grundsolide. Typischer 3er-Schüler, inklusive des gelegentlichen Ausreißers – in beide Richtungen. Erste Schulaufgabe: eine glatte 6 – ungenügend! So schlecht hatte ich meine Leistung gar nicht empfunden. Mit einer kleinen, zeitlichen Verzögerung beichtete ich meinem Vater meinen Ausrutscher – es dauerte noch, bis ich kleiner Naivling erkannte, dass meinem Vater meine Zensuren grundsätzlich vor mir bekannt waren. „Ich weiß, deine Lehrerin hat schon mit mir gesprochen und uns einen Nachhilfelehrer empfohlen“, lautete seine nüchterne Reaktion. Ich war perplex. Das ging ja fix, die lässt da nichts anbrennen, dachte ich mir nur. Meine leisen Einwände, keine Nachhilfe nötig zu haben, fielen auf keinen fruchtbaren Boden. Zu eindeutig schienen meine Defizite.

Ein paar Tage später kam nun mein Nachhilfelehrer zu uns nach Hause: der Ehemann meiner Englischlehrerin. Aha. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Bereits nach zwei Sitzungen à 90 Minuten kamen mir erste Zweifel ob der Kompetenz meines „Ersthelfers“. Außer nichtssagenden Floskeln à la „Learning by doing“ oder „Du hast den ganzen Stoff drauf, wir müssen ihn nur in die richtigen Schubladen packen“ kam da nicht viel Fundiertes. Auch meinem Vater blieben die inhaltslosen Phrasen nicht verborgen und wir stellten Nachforschungen an.

Aus einer 6 wird eine 3


Dabei kam ans Tageslicht, dass es sich bei meinem Nachhilfelehrer um einen Lehrer handelte, der seit Jahren keine Anstellung erhielt – warum auch immer. Ein anderer Englischlehrer an meinem Gymnasium warf einen Blick auf meine „ungenügende“ Englisch-Schulaufgabe und bewertete sie, ohne die vorherige Note gekannt zu haben, als „befriedigend“. In jeder Klasse, in der „meine“ Englischlehrerin unterrichtete, fand sich im Anschluss ein Schüler, der in der jeweils ersten Schulaufgabe eine 6 kassierte – und in der Folge hatten alle denselben Nachhilfelehrer bei sich zu Hause sitzen. Es bedarf keiner gesonderten Erläuterung, dass diese ungewöhnlichen Ehe-Spielchen der Englischlehrerin keine besonders lange Halbwertszeit an meiner Schule bescherten. Es wird auch ewig ihr Geheimnis bleiben, warum sie sich für die Arbeitsbeschaffungsmaßnahme ihres Gatten einen Lehrersohn aussuchte.

Anekdoten meiner Schulzeit – to be continued…

OTon Wir sind junge Mitarbeiter des Medienhauses „Der neue Tag“. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.