Kolumne OTon
Die ganz großen Dinger

In der Oberpfalz ist die Welt meistens noch in Ordnung. (Foto: Götz)

„Skandal! Die Presse lügt!“ So oder so ähnlich lauten ja die Vorwürfe heutzutage. Eigentlich gäbe es doch viel mehr, worüber „die Medien“ berichten sollten. Doch sie vertuschen alles, weil sie mit den Herrschenden unter einer Decke stecken. Aber ich kann das ja jetzt ändern, oder? Ich arbeite jetzt da. Ich finde endlich alle Skandale, die „die Presse“ immer verschwiegen hat!

OTon Wir sind junge Mitarbeiter des Medienhauses „Der neue Tag“. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.
Zum Beispiel das eine Mal, als Weiden bei einer Verkehrsstatistik bundesweit am schlechtesten abgeschnitten hat. Das ist doch ein Skandal! Darüber muss ich doch schreiben, Weiden wachrütteln! Die Statistik hatte die Internetseite „billiger.de“ erstellt. Deren Kompetenz in Bezug auf Verkehrsstatistik: mehr als fragwürdig. Doch Zweifel über die Glaubwürdigkeit der Quelle wischte ich weg – bis zur Redaktionsbesprechung. Dort klopften mir die anderen auf die Schulter: „Es gibt alle paar Monate immer solche Rechenkunststücke, bei denen irgendein Ort in der Oberpfalz total schlecht abschneidet. Das ist dann jedes Mal ein Skandal, aber eigentlich steckt nichts dahinter.“ – „Wir waren vor ein paar Jahren auch schon einmal die Stadt mit der höchsten Selbstmordrate. Was meinst du, was da los war?“ – Also gut, den vermeintlichen „Skandal“ muss ich wohl begraben.

Arbeitslose kein Skandal


Nächster Versuch: Langzeitarbeitslose. Haarsträubende Geschichten wurden mir erzählt: Die Arbeitsagentur verweigere Fortbildungen, Heizkosten würden nicht übernommen, Krankheiten nicht anerkannt. Ich telefonierte mit Arbeitssuchenden, ihren Bekannten und Beratungsstellen Und dann? – Alle Vorwürfe lösten sich in Luft auf. Es gab keine Knaller-Story. Ein Ass hatte ich noch im Ärmel: Der Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen: Vier Stunden war der Opfervertreter Michael Sieber bei uns in der Redaktion. Fast hundert Jahre dunkle Geschichte der Sängerknaben breitete er aus. Ein Skandal den man aufdecken muss! Aber daraus wurde wieder nichts: Das Bistum arbeitet selbst alles auf.

Ungelogen aufrecht


Ich habe jetzt also einige Zeit hinter die Kulissen des täglichen Treibens meiner Heimat geblickt und den großen Knaller gesucht. Doch im Kern bleibt die Oberpfalz urig und gemütlich: Ein Ruhepol im schnellen Treiben der Welt. Eh klar. Irgendwann kommt vielleicht einmal die große Geschichte. Nicht alles ist eben eine Nachricht. Wenn es keinen Skandal gibt, gibt es keinen Skandal. Das hat wenig mit Lüge oder Zensur zu tun, sondern mit Redlichkeit und Verantwortung. So recherchiere und schreibe ich über die Verabschiedung eines Oberstleutnants oder die Rekorde eines Kanufahrers. Und auch wenn das vielleicht komisch klingt: Ich gehe auch gerne auf Altennachmittage und Vereinsversammlungen. Im Kleinen liegt das Besondere.

Andauernd knallen muss es ja gar nicht. Das übertönt nur die kleinen Geschichten, die die Oberpfalz lebenswert machen – und das sind ja eigentlich auch die wichtigeren Geschichten.
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1 Kommentar
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Heinz Rahm aus Weigendorf | 07.03.2016 | 10:27  
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