Kolumne: OTon
Eine Liebe, die nicht sein sollte

  Ich kann mich noch ganz genau an unsere erste Begegnung erinnern: Ich war jung, unerfahren, gerade mal 18. Er hingegen hatte schon viel erlebt, und das war ihm auch anzusehen. Aber das war mir egal. Ab diesem Moment des Kennenlernens waren wir unzertrennlich. Zumindest für ein gutes Jahr, dann haben meine Eltern angefangen zu meckern. Er sei nicht der Richtige für mich. Er sei gefährlich. Es folgten Monate des Protests. Sie haben so einiges versucht, um uns auseinanderzubringen – ich blieb stur. „Michi“, mein VW Polo, war schließlich meine große Liebe.

Es war mir egal, dass er keine Servo-Lenkung hatte, dass sein Kofferraum nicht abschließbar war und er im Winter grundsätzlich erst nach fünf Minuten ansprang. Ich wollte mit meinem kleinen blauen Zweier-Polo noch viele Jahre mit maximal 150 km/h (bergab und mit Rückenwind!) im Sonnenaufgang stundenlang über die Autobahnen tuckern und dabei Musik von Kassetten hören. „Bis dass der TÜV uns scheidet!“ lautete unser Motto.

Aber umso enger unsere Beziehung wurde, desto stärker wurden auch die Widerworte meiner Eltern. Immer häufiger warfen sie mit Begriffen wie „Knautschzone“, „Airbags“ und „Sicherheit“ um sich. In meinem jugendlichen Leichtsinn blieb ich weiter stur. Irgendwann kamen dann Begriffe wie „I-Pod-Anschluss“, „Sitzheizung“ und „Einparkhilfe“ hinzu. Ich begann zu wanken. Nach einem (der zahlreichen) Werkstattbesuche bin ich dann umgefallen. „Wir geben ihm maximal noch ein Jahr – der Tank rostet“, war das Urteil der Fachmänner. Michi wurde verkauft. Nie werde ich das letzte Aufheulen des Motors vergessen, als ihn mein Bruder morgens aus der Garage gefahren und zum Händler gebracht hat – 400 Euro war er noch wert.

OTon Wir sind junge Mitarbeiter des Medienhauses „Der neue Tag“. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.
Noch am selben Tag zog dann mein Neuer ein: eine A-Klasse in Silber mit I-Pod-Anschluss und einem Kofferraum, der sich abschließen lässt. Von außen ist die Karre nicht wirklich schön, aber ich sitze ja zum Glück meistens drinnen. Seit bald acht Jahren düsen wir nun gemeinsam durch die Gegend. Wirklich warm sind wir – trotz der Sitzheizung – nie miteinander geworden. Das ging schon damit los, dass er bis heute keinen eigenen Namen hat. „Michi, der Zweite, der noch keinen Namen trägt“, war der Arbeitstitel. Der Name „Michi“ ist geblieben. Ich kann weder mit ihm so richtig, aber auch nicht ohne ihn. Eine klassische Hassliebe.

Aber – und das muss ich ihm lassen – er bringt mich sicher von einem Ort zum anderen. Denn in den letzten Jahren gab es durchaus die eine oder andere Situation, die nicht ganz ungefährlich war. Wäre ich da noch mit dem Polo unterwegs gewesen, wäre ich vermutlich nicht so unverletzt aus dem Auto gestiegen, wie ich es bei der A-Klasse getan habe. Somit hatten – auch wenn ich es damals in meiner jugendlichen Unvernunft nicht wahrhaben wollte – meine Eltern wohl doch recht: Polo „Michi“ war einfach nicht der Richtige!
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