Kolumne: OTon
Eine Ode an die Provinz

Bild: Götz
„Kann man dich nicht leiden, schickt man dich nach Weiden“, war eine der Antworten, die ich bekommen habe, als ich meinen Freunden vor einigen Monaten erzählt habe, dass ich aus beruflichen Gründen nach Weiden ziehen werde. „Das Schönste an Weiden ist die Autobahn nach Regensburg“, war ein weiterer Kommentar. Warum ich denn nicht pendeln würde? Mein Umfeld reagierte komplett verständnislos und ungläubig auf meine Entscheidung. Als Regensburgerin, die noch dazu ein paar Jahre in Wien gelebt hat, würde ich in der „Provinz“ sowieso nicht glücklich werden, waren sich alle einig. Aber gut, wer die Regensburger kennt, der weiß auch, wie sie zu allem stehen, was nördlicher als Regenstauf ist. Die Vorurteile sind groß: Schwandorf? Da kann keiner Autofahren! Weiden? Drogen an jeder Ecke! Und Tirschenreuth? Wo zum Teufel ist bitte Tirschenreuth?

Für mich hingegen stand von Anfang an die Vorfreude auf einen Neuanfang im Mittelpunkt. Und heute – gut zwei Monate später – bin ich verdammt froh, dass ich mich trotz der unzähligen dummen Sprüche davon auch nicht abbringen lassen habe. Denn ich habe diese Entscheidung noch keine einzige Minute bereut. Ich fühle mich hier wirklich wohl. Klar fehlt mir Regensburg manchmal, aber eine Stunde auf der – übrigens gar nicht so schönen Autobahn – ist schnell gefahren. Und schließlich ist Heimkommen eh viel schöner als ständig zuhause zu sein.

OTon Wir sind junge Mitarbeiter des Medienhauses „Der neue Tag“. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.
Also liebe Regensburger, Weiden mag vielleicht keine 140.000 Einwohner haben und nicht an jeder Ecke eine Kneipe. Spaß kann man hier aber trotzdem haben und langweilig wird es auch nicht. Nach zwei Monaten „in der Provinz“ habe ich hier schon mehr zu erzählen, als nach einem halben Jahr Wien: Sei es nun ein gelber Engel, der in seiner Mittagspause ohne zu schauen aus einer Einfahrt brettert, dabei unser Auto schrottet und anschließend beide Autos von seinem Arbeitgeber abholen lässt oder doch der Polizist, der um halb 9 Uhr abends plötzlich auf meiner Couch sitzt und fragt: „Kennen Sie Ihre Nachbarn?“. Los ist hier definitiv genügend…

Das „Die reden da so komisch. Du verstehst da doch eh Niemanden“ -Argument lasse ich übrigens auch nicht gelten. Denn – liebe Regensburger, ihr werdet es nicht glauben – die können hier tatsächlich hochdeutsch sprechen. Und selbst, wenn dann doch mal der Dialekt durchkommt, schaffen wir es im Normalfall ganz gut, uns zu verständigen.

Nur mit einer Sache, komme ich hier echt nicht klar: Diese Sache mit der Uhrzeit. Liebe Weidener, wenn ihr wollt, dass ich um „Viertel 9“ da bin, dann kündigt das doch bitte mit „Viertel nach 8“ an. Denn sonst wird es mit hundertprozentiger Sicherheit irgendwann mal passieren, dass ich eine Stunde später als abgemacht am Treffpunkt erscheine. Aber wie meine Kollegin heute in diesem Zusammenhang schon sagte: „Das lernen wir noch und üben es fleißig jeden Tag.“

Weiden – I moch di!
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3 Kommentare
11
Werner Kasparides aus Schwarzenfeld | 29.01.2016 | 12:45  
6
Edith Maria Voh aus Fuchsmühl | 29.01.2016 | 19:41  
56
Ali Zant aus Weiden in der Oberpfalz | 01.02.2016 | 10:46  
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