Kolumne: OTon
Gute Vorsätze

Sich auch mal Zeit für andere nehmen. Bild: Götz
In so ziemlich jeder Kolumne kommen sicher einmal die guten Vorsätze fürs neue Jahr vor, deshalb dürfen sie bei unserem OTon nicht fehlen. Leider liegt Silvester schon eine Weile zurück, aber zum Glück es gibt ja noch die Fastenzeit. Eine gute Gelegenheit, alte Vorsätze wieder aufleben zu lassen. Aber keine Angst, liebe Leser, ich verschone euch mit Plänen wie "ab jetzt trinke ich jeden Morgen einen Spinat-Smoothie", "ich finde mein inneres Gleichgewicht" oder "ich will die Welt besser machen". Letzteres habe ich mir mir dank einer Kommilitonin tatsächlich schon einmal überlegt: mit einer Patenschaft für Kinder. "Ist dir eigentlich klar, was dein 1-Euro-Kaffee für andere bedeutet?", meinte sie entsetzt, als ich mit einem neuen Becher in den Hörsaal gekommen war. Schließlich stehe die Fastenzeit an und die wäre ein guter Zeitpunkt, meinen "übertriebenen" Kaffeekonsum einzuschränken. Nebenbei könne ich mit dem Geld Kindern aus Schwellenländern helfen, anstatt es in der Mensa zu lassen. Recht hatte sie, über den Preis für die paar Milliliter Brühe, die weder wach machte noch schmeckte, habe ich mich schon lange geärgert. Und weil sie eine der Besten aus meinem Semester war, habe ich mir ihre Worte zu Herzen genommen.

Nach kurzer Internetrecherche bin ich auch fündig geworden: Für 28 Euro im Monat kann man Pate eines Kindes werden, wahlweise aus Asien, Afrika oder Südamerika. Laut der Kommilitonin sei vor allem der Nachwuchs aus Timor-Leste, Benin oder Burkina Faso darauf angewiesen. Meine Wahl fiel trotzdem auf die Philipinnen. Das finde ich wenigstens auf der Landkarte. Einen Tag später fand ich meine Idee schon wieder weniger gut. Mir gingen die üblichen Fragen - wohl auch bekannt als Ausreden - durch den Kopf: Vielleicht ist das ja nur Abzocke? Oder das Geld kommt da gar nicht an? Und wenn doch, geht es dann wirklich an das Patenkind?

OTon Wir sind junge Mitarbeiter des Medienhauses „Der neue Tag“. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.
Bis zur Fastenzeit waren es noch ein paar Tage hin, so dass ich mir meinen "Vorsatz" nochmal gründlich überlegen konnte. Und je mehr ich nachdachte, desto schlechter fand ich ihn. Nicht, weil mir diese Kinder nicht arm genug dran waren oder ich kein Mitleid mit ihnen habe. "Fastenzeit heißt Verzicht, und du würdest mit der Patenschaft zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Du verzichtest auf den ungesunden Kaffee UND investiert in Gutes", wollte mich meine Mitstudentin nochmal überzeugen. Ihr Argument war stichhaltig, keine Frage. Ich habe mich aber gefragt, ob es nicht im eigenen Land genug zu helfen gibt. Und das gab es wirklich, direkt um mich herum: Oma und Opa, die Unterstützung bei alltäglichen Dingen brauchen, aber zu stolz sind, um zu fragen. Eine Tante, die oft allein ist und sich zwischendurch über Gesellschaft freut. Oder eine Freundin, die einfach mal jemanden ihr Herz ausschütten will.

Seitdem nutze ich die 40 Tage, um auf ein paar Minuten meiner Zeit zu verzichten. Oder, so hört es sich schöner an: Ich investiere sie in Menschen, die mir wichtig sind. Jeder ist ständig beschäftigt und immer im Stress; "hab' heute keine Zeit" bekommt man oft zu hören. Ich nehme mich dabei nicht aus. Umso schwerer fällt mir mein "Fastenopfer" deshalb hin und wieder. Ich kann damit sicher keinem asiatischen Kind den Teller füllen oder ein besseres Leben bieten. Dafür strahlt die Oma, wenn ich mit "ich wollte einfach mal bei dir vorbeischauen" bei ihr reingeschneit komme. Ihren Kaffee lehne ich ab. Auf den verzichte ich seitdem.
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